Montag, 23. Februar 2009

Dubai: Die ATP macht Weltpolitik

Wie heute Nachmittag angekündigt, gibt es heute ausnahmsweise zwei Artikel an einem Tag. Den Ausblick auf die Davis-Cup-Begegnung zwischen Deutschland und Österreich gibt es hier.

Jetzt möchte ich ein paar Thesen zum 500er-Turnier in Dubai und dem Ausschluss der israelischen Spielerin Shahar Peer und dem voraussichtlich abgewendeten Ausschluss des israelischen Spielers Andy Ram zur Diskussion stellen.

Vor einer Woche hatte ich gefordert, das Turnier zu boykottieren, und es zeigte sich, dass ich mit dieser Forderung nicht alleine stand. Ich verkündete vollmundig, dieser Boykott sei keine politische Sache, sondern eine rein sportliche. So habe ich das im ersten Eifer gesehen. Mittlerweile glaube ich aber, dass sich die sportliche und der politische Seite nicht trennen lassen.

Aber der Reihe nach: Am vergangenen Wochenende durfte Shahar Peer aus Israel (Nr. 45 der Frauen-Weltrangliste) nicht in die Vereinigten Arabischen Emirate einreisen, wo sie am WTA-Turnier von Dubai teilnehmen wollte. Die Emirate lassen schon seit vielen Jahren keine israelischen Staatsbürger einreisen. Die formalen Erklärungen schenke ich mir und fasse zusammen: Das liegt am Nahost-Konflikt. Für Shahar Peer gab es keine Ausnahme.

Am Montag beginnt das ATP-Herrenturnier von Dubai. Der israelische Doppel-Spieler Andy Ram hat ein Visum bekommen – nach massiven internationalen Protesten, nachdem Sponsoren abzuspringen drohten, nachdem der US-amerikaniche Tennis-Channel seine Fernseh-Übertragungen aus Dubai stoppte, nachdem Titelverteidiger Andy Roddick seinen Start absagte und nachdem ATP und WTA die Möglichkeit in den Raum stellten, das Turnier im nächsten Jahr aus dem Kalender zu streichen. Auch Roger Federer und Rafael Nadal sagten ihren Start ab. Vielleicht sind sie wirklich verletzt, vielleicht wollten sie aber auch einfach der Frage aus dem Weg gehen, wieso sie das Turnier nicht boykottieren. Für Roger Federer, der in Dubai seine Trainingsbasis hat, hätten solche Fragen zum Image-Problem insbesondere in den USA, wo dieses Thema noch mehr Schlagzeilen als in Europa machte, werden können.

Der Tennis-Zirkus gründet auf dem Prinzip, dass jede Spielerin und jeder Spieler an jedem Turnier auf der Welt teilnehmen kann, für das er oder sie sportlich über die Weltrangliste qualifiziert ist. Das setzt zwingend voraus, dass alle Spieler in das Land, in dem solch ein Turnier stattfindet, einreisen dürfen. Ganz praktisch: Wer in Dubai nicht spielen kann, hat einen Wettbewerbsnachteil. Es ist ein großes Turnier, auf dem viele Ranglistenpunkte verteilt werden.

Daraus folgt: In einem Land, das nicht allen qualifizierten Spielern, die Einreise gestattet, kann kein reguläres Turnier stattfinden. Die Forderung, das Turnier von Dubai wegen der Aussperrung Shahar Peers abzusagen, ist also scheinbar völlig unpolitisch, dient sie doch allein dazu, die Regeln des sportlichen Wettbewerbs durchzusetzen.

So einfach ist es aber nicht. Die Forderung nach Reisefreiheit, die Forderung nach einer Welt, in der ein globaler Sportwettbewerb für Aktive aus allen Ländern möglich ist, ist zutiefst politisch. Ein Vergleich mit einem viel elementareren Lebensbereich macht das deutlich: Der individuelle Wunsch, genug zu essen auf dem Teller zu haben, ist unpolitisch. Eine Welt zu gestalten, in der alle Menschen satt werden, ist höchst politisch.

Man kann sich auf den Standpunkt zurückziehen, ATP und WTA würden ja gar nicht verlangen, dass jeder die Emiraten einreisen darf, hätten sie das Turnier in Dubai abgesagt. Sie würden eben nur die Konsequenz ziehen und dort, wo ein reguläres Turnier nicht möglich ist, eben keines veranstalten. Diese Sichtweise aber ignoriert die tatsächliche Macht weltumspannender Organisationen wie ATP und WTA. Andy Ram darf nach Dubai einreisen. Die Vereinigten Arabischen Emirate weichen ihr Prinzip, keine israelischen Staatsbürger ins Land zu lassen, auf. Ob die ATP will oder nicht: Sie hat in dieser Woche Weltpolitik gemacht.

Darüber hinaus hat der Fall Peer-Ram eine Menge politische Begleitmusik erzeugt. Denn natürlich regt er dazu an, die Gründe dafür zu diskutieren, wieso die Emiraten keine Israelis ins Land lassen und wie man sich zu dieser Situation – unabhängig vom Tennis – verhalten sollte. Das will ich jetzt nicht vertiefen, sonst müsste ich am Ende den ganzen Nahost-Konflikt erörtern, wozu ich mich außerstande sehe.

Eine Anmerkung zu einem der Nebenschauplätze dieser Debatte. In einigen Blogs und Foren wurde pauschal auf die gesamte muslimische Welt eingedroschen. (Ich weigere mich, das zu verlinken. Wer das lesen will, soll selber googeln.)
In seriösen Medien wurde gefordert, das Saisonfinale in Doha (Katar) zu boykottieren. (Zum Beispiel hier im in Tennisdingen sehr gut informierten Sun Sentinel aus Florida ). Das ist Humbug. Katar ist nicht die Vereinigten Arabischen Emirate. In Katar hat Shahar Peer schon gespielt, dort gab es keine Probleme.

Übrigens habe ich mich in dieser Woche gefragt, ob wohl jeder asiatische oder afrikanische Halbprofi, der ein Future-Turnier in Westeuropa spielen will (Preisgeld bei einer Erstrunden-Niederlage: 118 Dollar) ein Visum bekommt.

Neulich las ich vom Fall eines Hamburger Geschäftsmanns und ehemaligen Challenger-Turnierdirektor, der einst Jewgeni Kafelnikow und andere russische Spitzenspieler in den Westen lotste. Das ist lange her. Im Jahr 2009 lautete die Überschrift eines Artikels über ihn: "Verdacht: Er schleuste Russen-Sportler nach Deutschland".

Dies kann das Vorgehen der Vereinigten Arabischen Emirate nicht entschuldigen. Aber bis zu einer Welt, in der jeder Mensch reisen darf, wohin er will, ist es noch ein weiter Weg. Andy Rams Reise nach Dubai ist da nur ein sehr kleiner Schritt.

Kommentare:

Kiki hat gesagt…

Ich will da gar nicht gross urteilen sondern nur ein paar Denkanstösse in den Raum stellen. Erstens habe ich gelesen (Quelle find ich leider nicht mehr), dass Shahar Peer israelische Soldatin ist bzw. war. Wird wohl so eine Art "Sportsoldat" sein, wie es auch viele in Deutschland gibt,aber macht man sowas nur für die finanzielle Unterstützung und ohne über die militärische Einstellung des Landes nachzudenken?
Zweitens würde mich mal interessieren, ob ein Arabischer Sportler (vielleicht auch noch ein Sportsoldat) in Israel einreisen dürfte.
Das Gesetz in Dubai gibt es offensichtlich nicht erst seit gestern. Warum interessiert sich erst jetzt die ganze Welt dafür? Jetzt wo der Gaza-Konflikt eskaliert? Vielleicht will man ja auch nur das israelische Image aufpolieren? Wer hat denn dann den Sport benutzt um Politik zu machen?
Grundsätzlich bin ich auch dagegen Sport und Politik zu mischen, aber wenn schon alle einen Skandal daraus machen, sollten sie die Sache von beiden Seiten betrachten.
Wer Sport ohne Politik veranstalten will, sollte sich wohl vorher informieren, ob die Gesetze des Austragungslandes mit den eigenen Regelvorstellungen übereinstimmen. Die Turnierveranstalter in Dubai zu bestrafen halte ich für lächerlich. Ein Turnierdirektor kann ja wohl kaum die Einreisebestimmungen seines Landes ändern. Das hätten WTA und ATP vorher prüfen müssen.

Anonym hat gesagt…

Ist in Israel nicht jeder für ein paar Jahre SoldatIn?

zack hat gesagt…

Ja, soweit ich weiß, hat Shahar Peer einfach ihren Wehrdienst abgeleistet...

Das mit dem Bestrafen des Turnierveranstalters für eine Verfehlung der Regierung ist prinzipiell in der Tat problematisch. Im Falle Dubai ist aber der Vizepräsident der Emirate Schirmherr des Turniers, und die Regierung steckt auch noch über andere Kanäle mit drin. Aber es geht ja um etwas anderes: Es geht darum, dass ein reguläres ATP- oder WTA-Turnier nur stattfinden kann, wenn alle qualifizierten Spieler die Möglichkeit haben teilzunehmen. An Orten, zu denen nicht alle anreisen können, ist ein reguläres Turnier nicht möglich. Wer ein Turnier veranstaltet, unterschreibt auch, dass er gewährleistet, dass alle Spieler anreisen können.

Peer und Ram ist in der Tat vorgeworfen worden, als Agents Provocateurs Israels aufzutreten. Dagegen spricht allerdings, dass ihr Vorhaben, nach Dubai zu fahren, in Israel heftig kritisiert wurde. Ministerpräsident Olmert hat Ram sogar zum Boykott aufgerufen. (Darüber hab ich vor ein paar Tagen im Telegramm geschrieben, da gibt es auch einen Link zum Thema.)

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