Sonntag, 15. Februar 2009

Als spielte er zum ersten Mal: John McEnroe wird 50



Heute Nacht geht das ATP-Turnier von San Jose (Kalifornien) zu Ende. Tommy Haas steht dort im Doppel-Finale. Es ist das erste in seiner Karriere.

Dies ist ein wunderbarer Anlass, an John McEnroe zu erinnern. In San Jose gewann er sein letztes Doppelturnier auf der ATP-Tour. Zusammen mit Jonas Björkman war das, und es war 2006. 14 Jahre nach seinem offiziellen Karriereende. Der eigentliche Grund, wieso ich heute über John McEnroe schreibe, ist ein anderer: Er hat morgen Geburtstag. Am 16. Februar wird er 50 Jahre alt.

Er sei in Form einer Buch-Empfehlung gewürdigt. Das Buch heißt „Being John McEnroe“. Es ist auf Deutsch im vergangenen Mai erschienen, und seitdem ist warte ich auf eine Gelegenheit, es in diesem Blog unterzubringen. Ein runder Geburtstag ist eine solche Gelegenheit.

Der Verfasser ist Tim Adams, hauptberuflicher Literaturredakteur beim britischen „Observer“ und nebenberuflicher Tennisreporter. Das Buch ist ein 140 Seiten langen Feuilleton-Artikel. Adams schreibt über das Wimbledon-Endspiel von 1980, als wäre es Weltliteratur. Gäbe es mehr Sportbücher wie dieses, ich würde glatt anfangen, Sportbücher zu lesen. „Jedes Mal, wenn McEnroe auf den Platz ging, schien es, als finge er ganz von vorn an, als spielte er zum ersten Mal.“ Jeder Aufschlag sehe aus wie sein letzter großer Schlag.

Mein erstes Tennismatch vor dem Fernseher war Boris Beckers Wimbledon-Finale 1985. Ich glaube, bis dahin war John McEnroe der einzige Tennisspieler, dessen Namen ich jemals gehört hatte. Dass es auch mal einen Tennis-Spieler namens Björn gegeben haben musste, schloss ich aus dem Neue-Deutsche-Welle-Lied „Sommersprossen“, in dem er vorkam. Ich hatte keine Ahnung, ob dieser Björn überhaupt noch lebte.

McEnroes beste Zeit war 1985 zwar gerade vorbei, aber er blieb bis Anfang der Neunziger ein Weltklassespieler. Eigentlich hatte ich genug Zeit, den Spieler John McEnroe kennen zu lernen. Nachdem ich das Buch von Tim Adams (er muss ungefähr Jahrgang 1966 sein) gelesen habe, bin ich überzeugt: Ich kannte den Spieler John McEnroe überhaupt nicht. Keiner kennt ihn, der seine Matches gegen Björn Borg nicht erlebt hat. (Möglicherweise gilt Ähnliches für Federer und Nadal, aber es ist wohl zu früh, dies zu beurteilen.)

Am 5. Juli 1980, bei seinem letzten Wimbledon-Sieg, schlug Borg McEnroe in fünf Sätzen. Im vierten Satz wehrte McEnroe sieben Matchbälle ab und gewann den Tie-Break mit 18:16. Nach allen Regeln der Küchenpsychologie hätte Borg völlig demoralisiert sein müssen, aber er spielte weiter, als wäre nichts gewesen, und gewann. Aber die schlimmste Niederlage für McEnroe kam erst ein gutes Jahr später, nachdem er Borg im Wimbledon-Finale 1981 schließlich doch noch bezwungen hatte. Borg hörte einfach auf. Mit 26. McEnroes Reaktion: „Ich war am Boden zerstört. Ich fühlte mich vollkommen leer.“ Natürlich habe es auch andere große Gegner gegeben, aber „mit Borg war es selbstverständlich, wir brauchten kein Wort zu sagen“.

Ein halbes Jahr nach San Jose hat McEnroe an einem weiteren ATP-Turnier im Doppel teilgenommen. In Stockholm kamen er und Björkman ins Viertelfinale. Dort spielte McEnroe 15 Minuten lang überirdische Volleys, bis eine Konzentration nachließ. Ich war damals in der Halle und glückselig, McEnroes letzten Auftritt bei einem ATP-Turnier miterleben zu dürfen. Ich hatte aber ein schlechtes Gewissen, weil ich fand, dass Stockholm nicht der passende Ort dafür war. Aus „Being John McEnroe“ habe ich gelernt: Es war sehr wohl der passende Ort. Genau hier, 1978, gewann er zum ersten Mal gegen Björn Borg.

Ein anderes großes John-McEnroe-Thema sind seine Wutausbrüche. 1981 war er der einzige Wimbledon-Sieger des Jahrhunderts, dem die Ehrenmitgliedschaft ihm All England Lawn Tennis Club verwehrt wurde. Wegen seines unflätigen Verhaltens. Kritiker haben bemängelt, dass Tim Adams eine der möglichen Ursachen nicht behandelt: Doping.

2004 gestand McEnroe, in den letzten Jahren seiner Laufbahn Anabolika eingenommen zu haben. "Bei Niederlagen ist er ausgerastet und hat mich und die Kinder für seinen Misserfolg verantwortlich gemacht", sagt seine Ex-Frau Tatum O'Neal. Dass McEnroe gekokst haben könnte, deutet Adams indes an, aber das ist ein anderes Thema.

Adams schrieb sein Buch kurz vor McEnroes Geständnis. (Auf Deutsch ist das Buch erst vier Jahre später erschienen.) Es wäre ein Leichtes gewesen, das Doping-Thema einzubauen, ohne an der Grundaussage des Buches etwas zu ändern. Als McEnroe über 30 war, als er also nach allen Regeln des Erwachsenwerdens abgeklärter hätte werden müssen, das wurden seine Wutausbrüche stärker. Adams erwähnt dies: Während McEnroe 1980 für Sprüche wie „Ihr seid das Letzte“ gerügt wurde und die BBC indigniert die Außenmikrofone von Wimbledon leiser drehte, warf McEnroe den Linienrichtern zehn Jahre später „mehrere F-Wörter“ an den Kopf. Adams meint, McEnroe habe mit der Zeit erkunden, wie weit er gehen könne. Vielleicht waren es aber einfach die Hormonmittelchen.

Ich ziehe es vor, weiterhin zu glauben, dass seine Ausbrüche wenigstens in der ersten Hälfte seiner Karriere schlicht Naturereignisse waren. McEnroe sei „der einzige Mensch, der sich tief und authentisch empören kann“, zitiert Adams einen amerikanischen Anglisten namens Jack Higgs. Der Schauspieler Tom Hulce, der 1984 in Milos Formans Film „Amadeus“ Mozart spielte, nahm sich für diese Rolle McEnroe zum Vorbild.

McEnroe kann sich auch heute noch tief und authentisch empören: Vor ein paar Monaten erst wurde er bei einem Seniorenmatch disqualifiziert.

Er hat gewiss viele Matches mittels seiner unbändigen Wut gewonnen. Oder einfach, weil er John McEnroe war. „By being John McEnroe“, wie sein langjähriger Doppelpartner Peter Fleming sagte. Ein großes Lob übrigens an den deutschen Verlag: Der Titel „Being John McEnroe“ ist viel besser als das englische Original „On Being John McEnroe“. Ich weiß nicht, ob Absicht dahintersteckte, aber bei dem Titel denke ich automatisch an den grandiosen Film „Being John Malkovich“. Der Titel könnte der Grund dafür gewesen sein, dass ich dieses Buch überhaupt gekauft habe.


Being John McEnroe
von Tim Adams

(Vorsicht, das ist ein Werbe-Link)

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