Sonntag, 18. Januar 2009

Wer ist dieser Adam Helfant?

Chesley Sullenberger scheint in seinem Leben genau einmal fotografiert worden zu sein. Alle Zeitungen, Fernsehsender, Netzportale verwenden dasselbe Bild. Hier und hier und hier.

Ebenso verhält es sich mit Adam Helfant. Hier und hier und hier.

Genau so muss man aussehen als amerikanischer Held.

Nun konnte ja Chesley Sullenberger nicht ahnen, dass er ausgerechnet auf dem Nabel der Welt notlanden würde und nun alle Welt ein Bild von ihm sehen will. Aber Adam Helfant hätte ja schon mal rechtzeitig ein neues Foto machen lassen können, bevor er den Job als ATP-Präsident antritt. Das Foto von ihm ist von vor mindestens anderthalb Jahren. (So alt ist jedenfalls der älteste der drei Artikel, die ich oben verlinkt habe.)

Was für einer ist denn nun dieser Adam Helfant, der die ATP retten soll? Am vergangenen Montag trat er sein Amt an der Spitze der Herrentennis-Organisation offiziell an. Monatelang hatte die ATP gesucht. Dutzende Namen wurden gehandelt, der Name Adam Helfant tauchte erst kurz vor Weihnachten auf, und fast niemand wusste, wer das sein soll.

Er ist 44 Jahre alt, hat ein US-Fernsehseriendarstellergesicht und zudem sowohl das Ingenieurs-Examen vom Massachusetts Institute of Technologie (MIT) als auch das Jura-Examen aus Harward. Nach der Uni arbeitete er drei Jahre bei der NHL, der nordamerikanischen Eishockey-Liga. Dann ging er zu Nike. Bis zum Sommer 2007 war er "Vice President Global Sports Marketing". Wieso er da über Nacht rausflog, weiß niemand. Zu seinem Job gehörte es, Sponsorenverträge mit Roger Federer auszuhandeln. Helfant hatte also früher schon ein bisschen was mit Tennis zu tun, aber nicht richtig viel.

Deshalb ist seine Wahl überraschend. Lange Zeit schien es klar zu sein, dass die ATP sich diesmal für einen Insider entscheiden würde. Einen ehemaligen Profi, einen erfahrenen Spieler-Manager oder Turnierdirektor. Schließlich war Helfants Vorgänger, der ebenfalls fachfremde frühere Disney-Manager Etienne de Villiers, mit größtmöglicher Entschlossenheit und Durchsetzungskraft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen marschiert, bis er schließlich zurücktrat.

Außerdem war die zahlenmäßig große Gruppe der Spieler und Turnierveranstalter aus Europa lange gegen einen Amerikaner an der Spitze der ATP. Sie störten sich daran, dass de Villiers bei seiner jüngsten Reform europäische Turniere wie das am Hamburger Rothenbaum degradiert hatte, Amerika aber ungeschoren davonkam.

"Ich wünsche mir, dass es ein Europäer wird und dass er nicht so arrogant ist wie de Villiers", sagte Rafael Nadal Ende Oktober.

Ein Europäer ist Helfant nicht. Aber nach allem, was man hört und liest, ist er tatsächlich nicht so arrogant wie man es de Villiers nachsagt.

"Er hört zu und meint nicht, er müssen den harten Hund markieren, nur weil er gerade an einem Verhandlungstisch sitzt", zitiert das amerikanische Sports Business Journal einen früheren Helfant-Kollegen aus NHL-Zeiten. Es spricht einiges dafür, dass Helfant besser als de Villiers weiß, was auf ihn zukommt und welche widerstreitenden Interessen aus aller Welt er nun unter einen Hut zu bringen hat. Spieler und ihre Manager, die mit Helfant Nike-Verträge aushandelten, hatten offenbar stets das Gefühl, es mit einem echten Tennis-Fan zu tun haben.

Unter den Spielern scheint sich insbesondere Roger Federer für Helfant eingesetzt zu haben. Rafael Nadal ist zwar auch bei Nike unter Vertrag, hatte aber anders als Federer dort nie persönlich mit Helfant zu tun. Was die beiden und Novak Djokovic meinen, ist nicht ganz unwichtig, schließlich hatten sie sich im Sommer aus Ärger über de Villiers gemeinsam in den ATP-Spielerrat wählen lassen - mit dem Ziel, bei der Wahl des neuen ATP-Präsidenten mitzureden. Kurz vor Weihnachten besuchte Helfant diese Topspieler zu Hause. Zu jener Zeit war auch noch australische Ex-Profi und ATP-Spitzenfunktionär Brad Drewett im Rennen um den Posten.

Helfant dürfte überzeugend gewirkt haben. Er kann nämlich "sehr gut reden". Das war jedenfalls der Eindruck, den Mischa Zverev hatte, nachdem sich der neue ATP-Chef an diesem Wochenende auf der Spieler-Vollversammlung zu Beginn der Australian Open vorstellte.

Aber was Helfant nun in Zukunft genau tun wird, das ist anscheinend auch nach der Vollversammlung nicht ganz klar. In den laufenden Rechtsstreit der ATP mit dem Deutschen Tennis-Bund (DTB) um die Zukunft des Hamburger Rothenbaum-Turniers hat sich Helfant offenbar auch noch nicht eingeschaltet.

Das finde ich aber nicht schlimm. Er soll sich die Probleme, die er lösen soll, erstmal in Ruhe anschauen, anstatt blind Entschlossenheit zu demonstrieren. Die neuen Turnierkategorien und das neue Weltranglistensystem existieren seit zwei Wochen. Da ist schlau, erstmal abzuwarten, ob die Dinge funktioniernen.

Die einzige konkrete Erwartung, die Roger Federer geäußert hat, lautet: Höhere Preisgelder. Das wird nicht ganz einfach. Schließlich ist gerade Weltfinanzkrise, und eine ganze Reihe von Turnieren (insbesondere in Amerika) hat fürs neue Jahr noch keinen Titelsponsor. Auch für den ausgelaufenen großen Werbevertrag mit Mercedes hat die ATP noch keinen Ersatz.

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