Sonntag, 25. Januar 2009

Philipp Kohlschreiber: Schlechter Verlierer - nicht ganz so schlechte Argumente

Alle schimpfen auf Philipp Kohlschreiber. (Ja, ja, ich auch.) „Die Fitness entscheidet, und nicht das spielerische Können“, sagte der 25-Jährige nach seiner Zweitrunden-Niederlage gegen Fabrice Santoro (36) bei den Australian Open. Vier Stunden und fünf Sätze hatte das Spiel gedauert.

„Das Best-of-five-System hat mich heute eine Runde gekostet, was mich wahnsinnig ärgert,“ erzählte Kohlschreiber hinterher den Journalisten. Würde, wie allen Turnieren außer den Grand Slams und dem Davis-Cup, nur auf zwei Gewinnsätze gespielt werden, hätte der Deutsche mit 7:5, 5:7, 6:3 gewonnen und nicht mir 7:5, 5:7, 6:3, 5:7, 3:6 verloren.

„Kohlschreiber präsentiert sich als schlechter Verlierer“, meldete eine große Nachrichtenagentur in ihrem anschließenden Bericht nach Hause. (Blogger dürfen Bericht und Kommentar ja munter mischen, bei Nachrichtenagenturen gehört sich das eigentlich nicht...)

Kohli-Bashing macht ja auch irgendwie Spaß, mit seiner schnöseligen Art fordert der Typ das geradezu heraus. Man kann sich mit seinen Argumenten aber auch sachlich auseinandersetzen. Ich teile seine Schlussfolgerungen zwar nicht, aber bedenkenswert ist es, was Kohli sagte.

„Die Fitness entscheidet, und nicht das spielerische Können“ - das ist natürlich eine armselige Ausrede für einen 25-Jährigen, der gerade gegen einen elf Jahre älteren Spieler verloren hat, der zudem wegen seiner extrem laufintensiven Spielweise eigentlich viel eher schlapp machen müsste. Die Kommentare in der Sportpresse gingen in diese eine Richtung: Vor einem Jahr an gleicher Stelle, als Kohlschreiber gegen Andy Roddick in fünf Sätzen gewonnen hatte, habe er sich nicht beschwert. Das ist vermutlich nicht ganz richtig. Vermutlich liegt in eben jenem Match (in dem Kohli nach drei Sätzen 2:1 führte) der Grund dafür, dass er sich nun so über Fünfsatzmachtes ärgert. Nach seinem Sieg gegen Andy Roddick war er völlig k.o. und verlor das anschließende Spiel gegen Jarkko Nieminen, der eigentlich ein viel leichterer Gegner ist als Roddick. Ein aktuelles Beispiel: Fernando Gonzalez hat grundsätzlich das Potenzial, Rafael Nadal zu ärgern. Nach seinem 12:10 im fünften Satz gegen Richard Gasquet wird ihm morgen aber dafür wohl die Kraft fehlen. So geht es vielen Spielern nach einem Marathonmatch. Das ist sehr schade, denn der Zuschauer schließt ja den Sieger eines solchen Matches ins Herz. Gibt es größeres Tennis als zwei wankende Gestalten, die um 20 Uhr angefangen haben um um 1 Uhr in der Nacht beim 10:10 im fünften Satz angekommen sind? Aber das Problem, dass der Sieger in der folgenden Runde ausscheidet, löst man ja nicht dadurch, dass man solche Matches von vornherein unmöglich macht.

Bei einem Sieg wäre Kohlschreiber in der nächsten Runde wieder auf Andy Roddick getroffen. Jetzt prophezeite er Fabrice Santoro, der werde gegen Roddick keine Chance haben. Wieder ein prima Grund, auf Kohlschreiber einzudreschen. Kohlschreiber macht seinen Gegner schlecht. Dabei stimmte es ja: Santoro war platt und hatte in der nächsten Runde keine Chance.

Kohlschreiber wittert einen Vorteil für die Topgesetzten: Die würden sich gegen leichte Gegner locker durch die ersten Runden spielen, während die anderen sich in Fünfsatzmatches gegenseitig bis zur Erschöpfung schwächen. Dieses Argument halte ich allerdings für Unsinn. Jeder kann das Glück haben, auf einen erschöpften Fünfsatzhelden zu treffen. Dieses Jahr hat Nadal Glück, letztes Jahr war es mit Nieminen einer aus dem einfachen Volk. Und auch Roger Federer mussen manchmal über fünf Sätze (gerade heute erst gegen Tomas Berdych). Leichtere Gegner als Kohlschreiber haben sich auch nicht. Andreas Seppi (gegen Federer), Tommy Haas (gegen Nadal) oder Marcel Granollers (gegen Andy Murray) können Fabrice Santoro allemal das Wasser reichen. Wenn die Besten schneller (oder überhaupt) gewinnen, liegt das eben daran, dass sie besser spielen. Daraus darf ihnen gerne ein Vorteil erwachsen.

Also: Behaltet die Regel mit den drei Gewinnsätzen bei Grand-Slam-Turnieren bei. Das führt zwar zu kleinen Ungerechtigkeiten, aber wir sind hier ja nicht beim Landgericht, sondern beim Profisport. Da gehört die große Show, die Fünsatzmatches liefern, nun mal dazu.

Zum Schluss ein Argument aus Kohlschreibers Tirade gegen das Fünfsatzprinzip, bei dem ich ihn gegen hämische Kritik vehement verteidigen möchte: „Die Frauen spielen ja auch nur auf zwei Gewinnsätze.“ Einige Kommentatoren sahen in diesem Satz den Gipfel der Larmoyanz. Eine Memme, die sich mit Frauen vergleicht... Dabei ist dieser Vergleich völlig berechtigt. Die Frauen laufen zwar nicht so schnell und schlagen nicht so hart auf den Ball ein, aber fünf Sätze würde sie genau so gut oder oder schlecht durchhalten wie Männer. Von 1984 bis 1998 spielten die Damen das Masters-Finale auf drei Gewinnsätze. Ein Marathonlauf ist ja auch stets 42,195 Kilometer lang, egal welchen Geschlechtes die Menschen, die ihn laufen, sind.

1 Kommentar:

noko hat gesagt…

Aber aus dem letzten Argument lassen sich ja diverse Dinge schlussfolgern. Eine gewagte These (keine, die ich persönlich unterstützen will): Vielleicht ist das Zuschauerinteresse an langen Damenmatches geringer (wobei man dazu wohl Vergleichmatches über 3 Gewinnsätze brauchte). Wenn man alle anderen Schlussfolgerungen ausschließt, kann man immer noch argumentieren, dass man eher die Damen ebenfalls über 3 als die Herren über 2 Gewinnsätze bei den großen Turnieren spielen lassen sollte.

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