Sonntag, 11. Januar 2009

Hinein ins Getümmel: Der Ball fliegt wieder

Nach fast zwei Monaten Saisonpause flog in dieser Woche endlich wieder der Ball. Das nehme ich zum Anlass, heute einfach mal das aktuelle Spielgeschehen zu beleuchten - von Doha über Chennai bis Brisbane. Fast alle Spitzenspieler waren am Start, und vielleicht lässt sich aus ihrem Abschneiden ja doch die eine oder andere Vorhersage für den Saisonverlauf ableiten, auch wenn ich in dieser Hinsicht extrem vorsichtig bin. Auf geht's:

Doha
(Finale: Andy Murray - Andy Roddick 6:4, 6:2)

Formal waren alle drei Turniere der Woche gleich wichtig. Alle gehören in die neue 250er-Kategorie der ATP. Wirklich reich aber ist bekanntlich nur der Scheich. Also spielten Rafael Nadal, Roger Federer, Andy Murray und Andy Roddick alle in Doha (Katar), während man sich in Indien und Australien mit dem begnügen musste, was übrig blieb. (Für Brisbane blieb immerhin Novak Djokovic übrig, aber dazu später mehr.)

Andy Murray hat gewonnen. Schon wieder. Das Schauturnier nebenan in Abu Dhabi gewann er ja auch. Damit ist er Favorit für die Australian Open. Ein Grand-Slam-Turnier ist natürlich noch mal eine andere Nummer, aber das ist ja für Murray nichts Neues, bei den US Open 2008 hat er ja auch das Finale geschafft. Das heißt aber nicht, dass Murray nun auf dem Weg zur Nummer 1 ist oder gar das Herrentennis der nächsten Jahre dominieren wird. Er ist einfach wahnsinnig gut in Form. Der mit dem Zaubertennis ist nach wie vor Federer und der mit der übermenschlichen Kraft ist Nadal.

Rafael Nadal kam bloß bis ins Viertelfinale, was manche Leute nun veranlasst, das nahe Ende seiner Ära zu sehen. Daran glaube ich noch nicht. Nadal war noch nie ein besonders guter Saisonstarter. Er war noch nie im Finale der Australian Open, und sein bisher bestes Ergebnis bei einem Turnier vor den Australian Open war im vorigen Jahr das das Finale des zweitklassig besetzten Turniers von Chennai, wo er gegen Michail Juschni unterging. Die ersten beiden Runden in Doha hat Nadal glatt gewonnen, und ich bin nicht überzeugt davon, dass er im Viertelfinale gegen Gael Monfils (Frankreich) Vollgas gegeben hat. Den Zweck, zum Jahresbeginn ein bisschen Spielpraxis zu sammeln, hatte das Turnier für ihn zu diesem Zeitpunkt ja schon erfüllt.

Da sollte man auch Monfils' Sieg gegen Nadal nicht überbewerten. Ich glaube nicht daran, dass aus Monfils ein ganz Großer wird. Davon, dass seine unorthodoxe Spielweise schlecht für die Knochen ist, ist schon viel geredet worden. Aber es werden auf Dauer nicht nur die Verletzungen sein, die ihn zurückwerfen. Seine Schläge sind gewöhnungsbedürftig. Das bedeutet aber auch: Mit der Zeit werden sich seine Gegner immer besser an ihn gewöhnen und wissen, wie man ihn den Zahn zieht.

Das Halbfinale zwischen Murray und Federer war jedenfalls um Klassen besser als das zwischen Roddick und Monfils. (Die Halbfinals waren die einzigen Spiele, die mir anzugucken ich die Zeit hatte.) Mit Federer darf man weiterhin rechnen, seine neuerliche Niederlage gegen Murray ist kein Drama.

Und dann Andy Roddick. Den haben ja manche fast vergessen. In den Saison-Vorschauen, die ich gelesen hatte, kam er praktisch nicht vor. Auch wenn er im Finale wohl nicht so doll war: Immerhin hat er sich bis dahin gespielt. Roddick wird auch 2009 fester Bestandteil der Top 10 sein. Vielleicht gewinnt er sogar mal wieder ein Masters-Turnier in Amerika.

Chennai
(Finale: Marin Cilic - Somdev Devvarman 6:4, 7:6)

Das war Marin Cilics zweiter Turniersieg nach New Haven 2008. Der Junge ist gerade 20 Jahre alt und gehört ab morgen zu den Top 20. Da ist es keine besonders gewagte Prognose zu behaupten, dass er absehbarer Zeit auch unter den Top 10 auftauchen wird. Er ist für sein Alter erstaunlich stabil: Seit Mai hat er nur zwei Erstrundenniederlagen kassiert. Sein Finalgegner Somdev Devvarman (23) ist ein indischer Wild-Card-Spieler, bislang die Nummer 202. Er hat bis Mitte vergangenen Jahres College-Tennis in den USA gespielt. Unter die Top 100 könnte er es, wie viele andere gute College-Spieler, schnell schaffen. Das Halbfinale gewann Devvarman kampflos gegen Rainer Schüttler. Schüttler hat sich seit seinem Wimbledon-Halbfinale angewöhnt, die ersten Runde gegen vergleichsweise leichte Gegner regelmäßig zu überstehen. Das scheint er 2009 weiter so handhaben zu wollen. Hoffentlich ist die Entzündung im Handgelenk, wegen der er gegen Devvarman absagen musste, nichts Langwieriges.
In der zweiten Runde hatte Devvarman übrigens gegen den früheren Weltranglistenersten Carlos Moya (32) gewonnen. Moyas Karriere dürfte sich wohl dem Ende entgegenneigen.

Brisbane
(Finale: Radek Stepanek - Fernando Verdasco 3:6, 6:3, 6:4)

Mit dem alten Radek Stepanek ist also auch noch zu rechnen. Irgendwelche Schlüsse lassen sich daraus aber nicht ziehen. Ab und zu kommt er mal ins Finale oder gewinnt auch mal einen Titel. Wann das passiert, lässt sich nicht vorhersagen, aber dass es passiert, darauf kann man sich verlassen. So viele Schlagzeilen wie mit seiner aufgelösten Verlobung mit Martina Hingis und der - soweit ich weiß - nicht aufgelösten mit Nicole Vaidisova wird er auf dem Court trotzdem nie machen. Und Fernando Verdasco, das ist auch so einer, der sich auf leisen Sohlen in der erweiterten Weltspitze etabliert. Schlagzeilen macht er nicht mit Finalteilnahmen in Brisbane, sondern wenn er mit Ana Ivanovic gesehen wird.
Im Viertelfinale gab es das Franzosenduell zwischen Richard Gasquet und Jo-Wilfried Tsonga. Tsonga war ja Ende des vergangenen Jahres überragend, aber diesmal gewann Gasquet. Als Gasquet 2005 als 18-Jähriger erst in Monte Carlo Roger Federer schlug und kurz darauf das Endspiel von Hamburg erreichte, galt er vielen schon als neuer Superstar. Mittlerweile droht ihm eine Laufbahn als ewiges Talent. Auf dem Zettel haben sollte man ihn aber nach wie vor.
Apropos Talent: Ein solches ist auch Ernests Gulbis (Lettland), der in der ersten Runde Novak Djokovic aus dem Turnier warf, in der zweiten Runde aber gegen Paul-Henri Mathieu verlor. Gulbis gilt vielen als kommender Star, vermutlich sogar zu Recht. Ich tu mich mit dieser Einschätzung schwer. Ich hab ihn bislang nur einmal live gesehen, das war 2007 in München. Er war unterirdisch und verlor gegen Tobias Summerer. Das Match sollte das einzige bleiben, das Summerer jemals auf der ATP-Tour gewann.
Djokovic könnte es schwer haben, in Melbourne mit Murray, Federer und Nadal mitzuhalten. So richtig gut drauf scheint er nicht zu sein. Für diese Woche hat er kurzfristig eine Wild Card in Sydney angenommen. Spielpraxis sammeln. Wenn er da ins Endspiel kommt, zieht er im Ranking an Federer vorbei auf Platz 2. Aber wenn er danach in Melbourne seinen Titel nicht verteidigt, ist er den Platz sofort wieder los.

1 Kommentar:

Jelena hat gesagt…

Die Niederlage von Nadal gegen Youzhny letztes Jahr sollte man trotz dem breadstick/bagel nicht zu ernst nehmen. Er hatte in der Runde davor 3 Stunden und 3 tiebreaks gegen den Moya gespielt.

Über dieses Jahr trau ich mich noch nix zu sagen.

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