Sonntag, 27. Dezember 2009

13 Männer, die älter sind als Rainer Schüttler

Unter dem Stichwort „Tennis“ setzte der Sport-Informationsdienst (sid) über die Weihnachtsfeiertage genau eine Meldung ab: Rainer Schüttler jetzt ältester Spieler auf der ATP-Tour. Die Nachricht haben die Agenturleute clever im Köcher gelassen, um während der Saisonpause etwas zu haben, das sie auf den Markt werfen können: „Nach dem Rücktritt des Franzosen Fabrice Santoro geht der Korbacher Tennis-Profi Rainer Schüttler im Januar als der älteste Spieler der ATP-Tour in die Saison 2010.“

Schüttler (33 Jahre, Platz 85) ist in der Tat der älteste Spieler unter den ersten 100 der Weltrangliste, sofern man sich Fabrice Santoro (37 Jahre, Platz 68) wegdenkt. Damit ist er der älteste Profi, der Woche für Woche um den Erdball reist und im Einzelwettbewerb zu den großen ATP-Turnieren antritt. Der älteste Spieler auf der ATP-Tour ist er aber lange nicht. Da wären zum einen die Doppelspezialisten zu nennen, die traditionell ein paar Jahre länger durchhalten als die Spieler im Einzel, zum anderen gibt es ein paar Teilzeitprofis weit jenseits der Top 100, die hier und da eine Wild Card akzeptieren oder dann und wann eine Qualifikation für ein ATP-Hauptfeld überstehen werden.

Ich habe mal versucht zusammenzustellen, wer wirklich die ältesten Spieler sind, die im neuen Jahr auf ATP-Turnieren auftauchen dürften. Vielleicht habe ich den einen oder anderen übersehen. Rainer Schüttler wurde am 25. April 1976 geboren. Vor diesem Termin erblickten das Licht der Welt:

1. April 1975 - George Bastl
Schweiz, Nr. 525 im Einzel, Nr. 251 im Doppel
Wahrscheinlich werden wir den Schweizer aus Chicago, ehemals die Nr. 73, im Jahr 2010 nicht mehr auf der Tour sehen. Ich habe aber nirgends einen Hinweis darauf gefunden, dass er seine Karriere offiziell beendet hätte. 2009 hat er bis November fleißig Turniere bestritten, aber mit immer geringer werdendem Erfolg. Nachtrag: George Bastl macht tatsächlich weiter! An diesem Wochenende (2./3. Januar) tritt er zur Qualifikation für das ATP-Turnier in Chennai (Indien) an.

31. März 1975 - Alexander Waske
Deutschland, Nr. 275 im Doppel
Der langjährige Davis-Cup-Kämpfer will nach langer Verletzung ein Comeback versuchen. In Chennai (Indien) ab dem 4. Januar und danach bei den Australian Open tritt er im Doppel mit Rainer Schüttler und im Einzel in der Qualifikation an.

23. Februar 1975 - Bohdan Ulihrach
Tschechien, ohne Ranglistenplatz
Nicht auszuschließen, dass der alte Tscheche tatsächlich noch mal irgendwo auftaucht. In diesem Jahr hat er sein Glück auf drei Challengern in Polen, Tschechien und der Slowakei versucht, konnte aber nirgends punkten. Ulihrach war mal die Nummer 22. Schlagzeilen machte er zuletzt 2003, als er wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt wurde.

19. Juli 1974 - Vince Spadea
USA, Nr. 296 im Einzel
Offiziell scheint er seine Karriere nicht beendet zu haben. Trotzdem: Wahrscheinlich war 2009 sein letztes Jahr auf der Tour. Bis vor einem halben Jahr war er ein Top-100-Spieler, aber seither hat er fast jedes Match verloren. Auf der Meldeliste der Qualifikation für die Australian Open im Januar taucht sein Name nicht auf.

7. Juni 1974 Mahesh Bhupathi
Indien, Nr. 7 im Doppel
Einer der beiden indischen Doppel-Olympiasieger von 1996 auf dieser Liste. Vor ein, zwei Jahren schien er schon fast am Ende zu sein. 2009 ist er mit Mark Knowles (Bahamas) noch mal ziemlich weit nach oben gekommen. Für das neue Jahr (mit Max Mirnyi, Weißrussland) bin ich da etwas skeptisch.

11. Mai 1974 - Simon Aspelin
Schweden, Nr. 23 im Doppel
Von Simon Aspelin hört man im Moment fast nichts, man hört aber auch nichts von Rückzugsplänen. Mit seinem letzten Doppelpartner Paul Hanley (Australien) schien es nicht so richtig rund zu laufen.

29. April 1974 - Julian Knowle
Österreich, Nr. 21 im Doppel
Der österreichische Davis-Cup-Spieler wechselt in der neuen Saison wie so viele andere Doppelspezialisten auch den Partner. Sein neuer Kamerad Robert Lindstedt (Schweden) ist mit 32 Jahren fürs Doppel ein nachgerade junger Hüpfer.

11. Januar 1974 - Michael Kohlmann
Deutschland, Nr. 58 im Doppel
Ganz unauffällig hat sich Michael Kohlmann auf diese Liste geschlichen. Nächster Auftritt Anfang Januar im Doppel mit Alexander Peya (Österreich) in Chennai (Indien).

17. Juni 1973 - Leander Paes
Indien, Nr. 8 im Doppel
Noch ein indischer Doppel-Olympiasieger von 1996. Er scheint im neuen Jahr weiterzumachen mit seinem derzeitigen Partner Lukas Dlouhy (Tschechien).

4. September 1972 - Daniel Nestor
Kanada, Nr. 3 im Doppel
Einer der überragenden Doppelspieler des vergangenen Jahrzehnts. Mit ihm und Nenad Zimonjic (Serbien) wird wohl auch im nächsten Jahr bei allen großen Turnieren zu rechnen sein.

1. August 1972 - Martin Damm
Tschechien, Nr. 29 im Doppel
Vor urlangen Zeiten war Martin Damm mal ein respektabler Einzelspieler (1997 auf Platz 42). Fürs Doppel reicht es noch und soll es auch im nächsten Jahr noch reichen, demnächst zusammen mit dem Jungspund Filip Polasek (24) aus der Slowakei.

12. September 1971 - Younes El Aynaoui
Marokko, ohne Platzierung
Younes El Aynaoui, ehemalige Nummer 14 der Welt, hat sein letztes Profiturnier im September 2008 bestritten. Jetzt hat er eine Wild Card für das Turnier in Doha (Katar) bekommen, das am 4. Januar beginnt. Mal schauen, ob er da wirklich auftaucht.

4. September 1971 - Mark Knowles
Bahamas, Nr. 5 im Doppel
Einer der beständigsten Doppelspieler des abgelaufenen Jahrzehnts orientiert sich noch mal neu: Im nächsten Jahr will er regelmäßig mit dem US-Amerikaner Mardy Fish antreten.

1. März 1971 - Dick Norman
Belgien, Nr. 15 im Doppel, Nr. 305 im Einzel
Dick Norman gurkt seit bald 20 Jahren auf Challenger-Turnieren rum und schaffte erst in diesem Jahr im Doppel den Durchbruch in die Weltspitze, als er (mit Wesley Moodie) erst das Endspiel der French Open und dann das Halbfinale in Wimbledon erreichte. 2010 will er mit dem Bayern Christopher Kas (29) spielen. Der erste gemeinsame Auftritt ist Anfang Januar in Doha (Katar).

Sonntag, 20. Dezember 2009

ATP 2000-2009: Ein paar Stichpunkte zu den Nuller Jahren

In ein paar Tagen geht das Jahrzehnt zu Ende, Zeit also für einen Rückblick. Das war das Thema, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte. Aber zehn Jahre an einem Abend angemessen zu bewältigen, das überfordert mich dann doch etwas, wie ich gerade feststelle. Also beschränke ich mich auf ein paar Stichpunkte.

Schnell geklärt ist die Frage nach dem Spieler des Jahrzehnts. Das ist ohne Frage Roger Federer mit 14 Grand-Slam-Titeln. Auf Platz 2 kommt Rafael Nadal mit sechs Grand-Slam-Titeln, dann kommt lange keiner, und dann ein paar Leute, die aus den Neunzigern in unser Jahrtausend hineinragen: Agassi, Sampras, Kuerten.

Etwas enger wird es bei der Frage, wer Deutschlands Spieler des Jahrzehnts ist. Drei Leute, die vor zehn Jahren unter den Top 100 waren, sind noch immer dabei: Nicolas Kiefer, Tommy Haas und Rainer Schüttler. Kiefer ist wohl eher nicht der Spieler des Jahrzehnts, er hatte sein erfolgreichstes Jahr schon 1999, als er sich für den Masters-Cup, die damals wohl gerade ATP-WM hieß, qualifizierte. Tommy Haas schaffte es 2000 für ein paar Wochen auf Platz 2 der Weltrangliste, aber Rainer Schüttler war der einzige, der ein Grand-Slam-Finale erreichte (2003 in Melbourne). In den Neunzigern, da war die Lage mit Boris Becker und Michael Stich freilich eine ganz andere, seither reden alle vom Niedergang des deutschen Tennis. Dabei gibt es heute deutlich mehr deutsche Profis auf der ATP-Tour als vor der Becker-Stich-Ära. Nur sind unter ihnen keine Wimbledonsieger mehr.

Was das öffentliche Interesse betrifft, hat dieser Niedergang unbestritten stattgefunden, entsprechend gibt es auch keine ganz großen Turniere mehr. Es ist ja nicht nur das frisch degradierte Masters in Hamburg, in den Neunzigern gab es auch noch ein Hallen-Masters in Stuttgart und dazu die ATP-WM erst in Frankfurt, später im Hannover.

Was die Turniere angeht, hat Asien in den Nuller Jahren massiv aufgeholt, und hier insbesondere der Universalaufsteiger China. Asiatische Spieler sind dagegen nach wie vor eine Rarität. Was die Spieler angeht, waren die Nuller Jahre das Jahrzehnt der Spanier, der Russen und der Argentinier. 2000 gab es nur zwei Russen unter den besten 100 der Welt, Anfang 2009 waren es neun. Die Spanier waren mit Leuten wie Sergi Bruguera und Carlos Moyá auch in den Neunzigern schon vorn dabei. Seither werden sie unaufhörlich mehr. Neben Rafael Nadal gewannen im angelaufenen Jahrzehnt ja auch Juan Carlos Ferrero und Albert Costa die French Open.

Die Argeninier hatten in den Siebzigern Guillermo Vilas, und dann kam zwei Jahrzehnte lang fast nichts mehr. In den Nuller Jahren war auf Sand immer und überall mit ihnen zu rechnen, dank David Nalbandian und neuerdings Juan Martin del Potro auch auf allen anderen Belägen.

Die Russen haben schon Ende der Neunziger mit Jewgeni Kafelnikov angefangen, nur dass der damals allein auf weiter Flur war, nun kamen erst Marat Safin, dann Nikolai Dawidenko und eine ganze Reihe weiterer respektabler Spieler wie Michail Juschni dazu.

Die US-Amerikaner haben in der ersten Hälfte des Jahrzehnts noch ganz gut was gerissen mit Agassi, Sampras und Andy Roddick. Roddick gibt es immer noch, aber ohne ihn bleibt nicht viel mehr übrig. Sam Querrey, John Isner und Mardy Fish, das sind keine viel größeren Namen als Philipp Kohlschreiner, Andreas Beck und Benjamin Becker.

Fast verschwunden waren die Schweden, aber neuerdings gibt es da ja Robin Söderling.

Bemerkenswert übrigens, dass die ATP vor lauter Chinabegeisterung Russland und Südamerika bisher nicht als Markt für große neue Turniere entdeckt hat. Das könnte sich im neuen Jahrzehnt ändern, denn wenn nicht bald ein paar Stars aus Asien auftauchen (und in Sicht ist höchstens der Japaner Kei Nishikori), könnte es schwierig werden, dort die geplante Tennisbegeisterung am Glühen zu halten. Dann doch lieber dahin gehen, wo die Fans sind.

Viel könnte man jetzt dazu sagen, wie sich das Spiel selbst verändert hat. Pauschal gesprochen, ist es einheitlicher geworden. In den Neunzigern ist es niemandem gelungen, in einer Saison die French Open und ein paar Wochen später Wimbledon zu gewinnen. Zwischen Rasen und Sand lagen Welten. Jetzt ist sowohl Rafael Nadal (2008) als auch Roger Federer (2009) dieses Kunststück gelungen. Der Sand wird schneller und der Rasen langsamer, alles wird irgendwie Hartplatz, fast keiner spielt mehr Serve und Volley.

In den Neunzigern gab es noch Einzel-Stars, die Grand-Slam-Titel im Doppel gewannen, zum Beispiel John McEnroe und Michael Stich (1992 in Wimbledon) oder Jewgeni Kafelnikow (1997 mit Daniel Vacek bei den US Open). Das hat aber vermutlich weniger mit der veränderten Spielweise im Einzel zu tun, sondern damit, dass die Einzelspieler kaum noch ernsthaft Doppel spielen, erst recht nicht bei Grand-Slam-Turnieren. Man hört oft, das liege am überfüllten Turnierplan. Aber wenn ich mir ansehe, wie viele Turniere die besten Leute vor zehn Jahren gespielt haben und wie viele heute, gibt es da kaum einen Unterschied. Die Sache mit dem überfüllten Turnierplan hat schon in den Neunzigern begonnen. Eine Rolle spielt hier vermutlich das in diesem Jahrzehnt massiv gestiegene Preisgeld. Davon haben nebenbei auch die Doppelspezialisten profitiert, von denen es deutlich mehr gibt als in den Neunzigern. Man kann heute auskömmlich davon leben, auf der ATP-Tour ausschließlich Doppel zu spielen. Wenn man die Turniere gewann, konnte man das auch in den Neunzigern, aber so weit musste man erst einmal kommen.

Aber eigentlich hat sich gar nicht so viel geändert seit 1999.
Schauen wir uns mal diese Weltrangliste an: Es ist die erste aus den Nuller-Jahren, vom 10. Januar 2000. So viele vertraute Namen, das hat mich vorhin überrascht. Etwa ein Viertel der Spieler, die damals unter den ersten 100 standen, ist heute noch aktiv, von Nicolas Kiefer auf Platz 4 über Roger Federer auf Platz 61 bis zu Nicolas Massú auf Platz 100.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Gemischtes Doppel bei Olympia: Auf den Spuren von Hazel Wightman und Richard Williams

Kleines Adventsrätsel: Welches dieser Paare passt nicht zu den anderen?

Sania Mirza und Mahesh Bhupathi,
Liezel Huber und Bob Bryan,
Anna-Lena Grönefeld und Mark Knowles,
Carly Gullickson und Travis Parrott,
Lee Yong-Dae und Lee Hyo-Jung.

Lee Yong-Dae und Lee Hyo-Jung sind aktuelle Olympiasieger im Mixed, die anderen vier Paare nicht. Im Badminton ist das gemischte Doppel seit 1996 olympisch. Weil ich vom Spitzenbadminton nicht viel verstehe, kann ich nur ungeprüft glauben, dass in dieser Sportart das Mixed einen sehr hohen Stellenwert hat und als taktisch besonders anspruchsvoll gilt. Unter den oben aufgezählten aktuellen Grand-Slam-Titelträgern befinden sich zwar ein paar herausragende Doppelspezialisten, aber zum Beispiel die US-Open-Gewinner Carly Gullickson und Travis Parrott sind im Einzel oder im gleichgeschlechtlichen Doppel eher zweite oder dritte Wahl.

Im Tennis hat das Mixed bislang die Rolle eines Pausenfüllers ohne großen Wert. Ich behaupte rundheraus, dass in Deutschland selbst viele eingefleischte Tennisfans keine Ahnung davon haben, dass Anna-Lena Grönefeld amtierende Wimbledonsiegerin ist. Wahrscheinlich erinnern sich mehr Leute daran, dass Britta Heidemann letztes Jahr in Peking Gold im Degenfechten gewann und Sabine Spitz im Mountainbike-Fahren, also in Sportarten, für die es eines gewissen Rechercheaufwands bedarf, wenn man beweisen will, dass sie außerhalb von olympischen Spielen überhaupt irgendwo auf der Welt ausgeübt werden.

Die letztes Olympiasieger im gemischen Tennisdoppel waren – laut Wikipedia - Hazel Wightman und Richard Williams 1924 in Paris. Am diesem Donnerstag nun beschloss das IOC, dass das gemischte Doppel ab 2012 in London olympisch ist.

Ein ebenso kühner wie schöner Schritt, wie ich finde. Im Gegensatz zu den Disziplinen Fechten und Mountainbike-Fahren, die – unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit – von den Weltklasseathleten natürlich ganzjährig betrieben werden, findet das gemischte Doppel im Weltklassetennis tatsächlich kaum statt. In London werden also Sportler in einer Disziplin antreten, die sie selbst nur ausgesprochen sporadisch ausüben. Man kann die existierenden Profiturniere an einer Hand abzählen: Jeweils 32 Männer und Frauen spielen es bei den vier Grand-Slam-Turnieren, jeweils acht Männer und Frauen treten Anfang Januar für ihre Länder beim Hopman-Cup in Perth auf, wo sie sich für die Australian Open aufwärmen, wo wiederum die meisten dieser 16 Spieler/innen auf einen Start im Mixed verzichten, um sich auf die wichtigen Wettbewerbe zu konzentrieren. Weltranglistenpunkte sind im Mixed nirgends zu verdienen.

Dabei glaube ich, dass Mixed auch für Zuschauer eine spannende und interessante Sache ist. Das ist allerdings eine bloße Vermutung, denn außer kurzen Zusammenfassungen mit ein paar Ballwechseln von Hopman-Cup oder alle Jubeljahre mal von einem Grand-Slam-Endspiel habe ich noch nie eines der seltenen Profimatches im gemischten Doppel zu sehen.

Dabei ist im wirklichen Leben, dort, wo es nicht um ATP- und WTA-Punkte geht, das gemischte Doppel eine ganz alltägliche Sache. Es gibt sogar deutsche Meisterschaften. Gestern war das Endspiel. Nicola Geuer (TC BW Neuss) und Peter Torebko (Ratinger TC GW) schlugen Angelika Roesch (TC BW Ludwigshafen) und Marcel Zimmermann (TC Großhesselohe) mit 3:6, 6:1, 10:6. Für London 2012, diese Prognose darf man wagen, wird niemand von diesen vieren nominiert werden. Da werden die richtigen Profis hinfahren.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Sofort lesen: "Open" von Andre Agassi


Andre Agassi: „Doping-Geständnis“

Andre Agassi: „Ich trug auf dem Platz ein Toupet“




Unter all den Schlagzeilen, die Andre Agassi in diesem Herbst mit den Bekenntnissen aus seiner Autobiographie machte, ging das Buch selbst fast unter. Trotzdem hat es „Open“ auf Platz 14 auf der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Nicht so gefragt wie Sebastian Deisler, aber gefragter als Peter Maffay.

Einer der zahlreichen Käufer war ich. Also gibt es heute mal wieder eine Buchbesprechung. Eigentlich hatte ich ja vor, noch vor Weihnachten mit dem Tenniswälzer von David Foster Wallace durch zu sein, aber das wird wohl nichts. Von den 1400 Seiten habe ich erst 595 (zuzüglich 65 Seiten Anmerkungsapparat) bewältigt.

Die 590 Seiten Agassi lasen sich deutlich flotter. Falls irgendjemand anders da draußen auch gerade mit „Unendlicher Spaß“ beschäftigt sein sollte: Agassis „Open“ ist eine prima Begleitlektüre. Bei Bücher bieten verrückte Väter, einen weisen Fitness-Guru, Schauspieler, Depressionen und eine abenteuerliche Tennis-Akademie. (Im Vergleich zur Bolletieri-Academy von Agassi ist Foster Wallace' Enfield Tennis Academy übrigens der reinste Partykeller). Ich frage mich ernsthaft, ob Andre Agassi das, was er in den letzten Jahren seinem Ghostwriter J.R. Moehringer erzählt hat, Mitte der 90er Jahre auch schon einmal gegenüber David Foster Wallace erwähnte.

Moehringer landete schon mit seiner eigenen Autobiographie „Tender Bar“ einen internationalen Erfolg. Natürlich ist es überwiegend sein Verdienst, dass Agassis „Open“ ein Stück großartige Literatur geworden ist. Es liegt aber auch daran, dass Agassi nur wenig Blätter vor den Mund nimmt und dass er ein phänomenales Gedächtnis hat. (Er sagt, er erinnere sich alle 1000 Matches, die er auf der ATP-Tour gespielt hat.) Für einen Tennisverrückten wie mich die Beschreibungen einzelner Spiele zu den Höhepunkten dieses Buches. Grand-Slam-Finals kommen darin vor, aber auch scheinbar belanglose Begegnungen gegen weniger bekannte Spieler. (Großartig die Beschreibung von Bernd Karbacher: O-Beine, als sei er gerade nach einem sehr langen Ritt von seinem Pferd gestiegen, dazu eine Rückhand, die zu den besten der Welt zähle, die er aber nur benutze, um nicht laufen zu müssen. Auf den Internet-Seiten der ATP kann man für jeden Spieler die Liste aller seiner Profimatches in chronologischer Reihenfolge aufrufen. „Open“ ist Andre Agassis „Playing Activity“ in Romanform. Die Zahlen und Daten erzählen die Geschichte des 16-Jährigen, der in Stratton Mountain, Vermont, die Nummer 12 der Welt bezwingt, der 22 werden muss, bis er nach mehreren Finalniederlagen endlich ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, und zwar ausgerechnet in Wimbledon, um dessen Rasen er jahrelang einen Bogen machte, der sich danach auf Platz 1 der Weltlangliste spielt, immer wieder gegen seinen Rivalen Pete Sampras verliert und mit 27 Jahren plötzlich nur noch die Nummer 141 ist und Challenger-Turniere bestreitet und es von dort wieder zurück auf Platz 1 schafft und der schließlich mit 35 Jahren ein letztes Mal das Endspiel der US Open erreicht.

Aber „Open“ ist noch viel mehr. Wer sich für Tennis überhaupt nicht interessiert, wird solche Passagen wie die über Karbacher nicht mit derselben Intensität lesen wie ich, wird das Buch aber vermutlich trotzdem nicht so schnell beiseite legen. Es ist die Geschichte eines Jungen aus einfachen Verhältnissen, der früh weit weg von zu Hause zurechtkommen muss, plötzlich mit Hollywoodstars verkehrt, kurz vor dem totalen Absturz steht, sich wieder aufrappelt und am Ende sein privates Glück findet. Wir können schon mal anfangen zu spekulieren, wer in der Hollywood-Verfilmung die Hauptrolle spielen wird.

Der Film würde beginnen mit dem siebenjährigen Andre, der jeden Tag 2500 Bälle schlägt, die das Monster von Ballmaschine ausspuckt, das sein Vater selbst gebaut und in die Wüste hinter seinem Haus in einem Vorort von Las Vegas gestellt hat. Als nächstes käme der arme Jeff Tarango ins Bild, der 1995 traurige Berühmtheit erlangte, als seine Frau im Wimbledon den Schiedsrichter ohrfeigte.

Tarango war der erste Spieler, gegen den Agassi bei einem echten Turnier verlor. Agassi war acht Jahre, Tarango vermutlich schon neun. Nach Agassis Darstellung hat Tarango im entscheidenden Tie-Break geschummelt, was Agassi ihm bis heute nicht verziehen hat. Verlieren ist für ihn der größte Horror. So schön kann kein Sieg sein, dass er für eine Niederlage entschädigen könnte.

Die Wimbledon-Episode von 1995 kommt im Buch vor. Hätte Tarango den Platz damals nicht wutschnaubend verlassen, wäre er nicht disqualifiziert worden und hätte er das besagte Spiel gegen Alexander Mronz gewonnen, wäre sein Gegner im Achtelfinale Agassi gewesen. (Dass Mronz, heute Schwager von Guido Westerwelle, damals schon der Ex-Freund seiner heutigen Gattin Steffi Graf war, erwähnt Agassi nicht.)

Vielleicht provozierte Tarango seine Disqualifikation absichtlich, weil er Angst davon hatte, gegen Agassi spielen zu müssen? Die Idee kam mir gerade, als ich eine Überleitung zum nächsten Thema suchte: Boris Becker. Agassi sagt, er habe im Halbfinale der Australian Open 1996 absichtlich gegen Michael Chang verloren, weil er Angst davor hatte, im Endspiel gegen Boris Becker antreten zu müssen. Agassi hasste Becker damals. Chang mochte er auch nicht besonders leiden, aber gegen ihn zu verlieren war das deutlich kleinere Übel gegenüber einer Niederlage gegen Becker. Das Schwierigste an einer absichtlichen Niederlage, sagt Agassi, sei, sie so hinzubekommen, dass es nicht auffällt. In Anbetracht der Aufregung, die der Verdacht einer absichtlichen Niederlage heute regelmäßig auslöst, weil immer auch der Verdacht von Wettbetrug mitschwingt, ist es erstaunlich, dieses Bekenntnis noch keine Schlagzeilen ausgelöst hat – im Gegensatz zu der Sache mit dem Toupet, mit dem Agassi auf den Platz ging, ehe er sich zu seinem Haarausfall bekannte.

Die meisten Schlagzeilen freilich machte das Drogenbekenntnis. Dabei ist die Nachricht, dass Agassi 1997 irgendwelches Zeug genommen hat, eigentlich viel weniger überraschend als die Sache mit dem Haarteil. 1997 war das Jahr, als er aus den Top 100 fiel. Agassi schluckte das Methylamphetamin Crystal Meth, was irgendwann bei einer Dopingkontrolle auffiel. Ein Geschmäckle hat die Sache, weil er danach der ATP mit einer Ausrede kam, die Ähnlichkeit mit Dieter Baumanns Zahnpasta-Story hat und die ATP diese Ausrede begeistert akzeptierte, weil niemand ein Interesse daran hatte, einen der wichtigsten Stars und damit den Sport insgesamt in Misskredit zu bringen. Dass Sergi Bruguera, der Mann, der 1996 das olympische Finale gegen Agassi verlor, nun nachträglich eine Goldmedaille haben will, ist allerdings nur drollig. Das von der ATP als „Partydroge“ eingestufte Crystal Meth war offensichtlich leistungshemmend und nicht -fördernd. Agassi wäre, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, für drei Monate gesperrt worden. Völlig zu Recht machte er sich damals nicht wegen dieser Sperre Sorgen, sondern weil die ganze Welt erfahren hätte, wie dumm er sich angestellt hatte. Dass er damals Depressionen hatte und eine Psychotherapie anfing, erwähnt er nur mit wenigen Sätzen.

„Ich hasse Tennis“, sagt Agassi. Im Angesicht der oben erwähnten Ballmaschine zweifelt der Leser daran keine Sekunde. Als Fan kann man da ein schlechtes Gewissen bekommen, dass der Mann im Fernseher für das eigene gemütliche Unterhaltungsprogramm so leiden musste. „Aber du hasst Tennis nicht wirklich“, ist die ahnungslose Antwort, die Agassi jahrelang erhält, wem immer er seinen Hass bekennt. Nur Steffi Graf sagt das nicht. Im Buch steht, sie habe ihn angesehen, als wollte sie sagen: „Tun wir das nicht alle?“ Die Szene mit Steffi Graf war die erste, an der ich als Leser nicht mehr glaubte, dass er Tennis wirklich immer noch hasst. Mir scheint, während seines Comebacks nach der Crystal-Meth-Episode hat er seinen Frieden mit diesem Sport gemacht. Er beendete seine Karriere mit 36 Jahren, obwohl er locker drei, vier Jahre eher hätte aufhören können, ohne dass sich jemand gewundert hätte. Warum er das nicht tat, sondern sich haufenweise Cortisonspritzen geben ließ, um durchzuhalten, kann er nicht wirklich überzeugend erklären. Vermutlich liegt es daran, dass aus seinem Hass eine Hassliebe wurde.

Andre Agassi: „Open. Das Selbstporträt“, Droemer, 590 Seiten, 22,95 Euro


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Open
Die Autobiographie von Andre Agassi

Sonntag, 29. November 2009

Der ATP-Turnierkalender 2010: Nizza statt Kitzbühel und ein paar andere Details

So, das WTF ist abgehakt, Nikolay Davydenko hat seine Zehn-Prozent-Chance auf den Titel genutzt. Höchste Zeit, einmal einen Blick auf das nächste Jahr zu werfen, schließlich sind es bis dahin nur noch ein Davis-Cup-Finale, ein paar Challengers und eine vernachlässigenswerte Flut von Schauturnieren. In Doha (Katar), Chennai (Indien) und in Brisbane (Australien) geht die ATP-Tour am Montag, 4. Januar, weiter. Während die ATP in diesem Jahr in ihrem Turnierkalender alles mögliche umkrempelte, bleibt 2010 fast alles beim Alten. So ist es jedenfalls geplant. Allerdings muss nicht zwingend alles so kommen, wie geplant.

Aber der Reihe nach. Die wichtigsten Wegmarken, die Grand-Slams, die Masters-Turniere und die Davis-Cup-Runden bleiben, wo sie sind, und ich sehe auch keinen Sponsor, der in der Lage wäre, mit seinem Ausfall daran zu rütteln.

Nehmen wir den Kalender erst einmal so, wie er ist. Zwei Änderungen sind zu vermerken: Das chilenische 250er-Turnier wechselt von Viña del Mar nach Santiago. Vom anderen Ende der Welt aus betrachtet, ist diese Verschiebung um etwas mehr als 100 Kilometer relativ egal.

Die zweite Veränderung betrifft Warschau. Das liegt uns schon wesentlich näher. Und hier beginnen die Unwägbarkeiten. Warschau stand auch 2009 im Turnierkalender, wurde dann aber klammheimlich wieder gestrichen. 2010 soll die Veranstaltung vom 5. bis zum 11. April ausgetragen werden. Ich war noch nie Anfang April in Mittelpolen, aber wenn ich zu dieser Jahreszeut dort hinfahren würde, täte ich sicherheitshalber eine mitteldicke Jacke einpacken. Die Alternativ-Veranstaltungen in derselben Woche finden in Houston (Texas) und Casablanca (Marokko) statt. Der Termin wirkt mäßig bis gar nicht durchdacht. Wahrscheinlich ist der Termin ohnehin nicht der endgültige. Vielleicht fällt Warschau ja auch noch einmal aus. Einen Internet-Auftritt des Turniers habe ich beim flüchtigen Googeln jedenfalls noch nicht finden können. Dabei hätten die Polen derzeit allen Grund, ihr Interesse am Tennissport zu forcieren: Mit Marcin Matkowski, Mariusz Fyrstenberg und Lukasz Kubot haben sie derzeit drei Weltklassespieler im Doppel, und Kubot ist außerdem kürzlich in die Top 100 im Einzel vorgedrungen. Fachleute mögen mich korrigieren, aber ich glaube, das hat seit Wojtek Fibak zwischen 1975 und 1985 kein Pole mehr geschafft.

Vor zwei Jahren wurde das Warschauer Sandplatz-Turnier Anfang Juni gespielt, was klimatisch sinnvoll war, aber nicht recht in den Kalender passte, weil eigentlich schon die Rasensaison begonnen hatte. Bis 2007 spielte man nicht in der Hauptstadt, sondern in Sopot bei Danzig, und zwar Ende Juli. Das war ein ordentlicher Termin zusammen mit einer Reihe weiterer kleiner Sand-Veranstaltungen in Mitteleuropa. 27. Juli bis 3. August war der für 2009 ursprünglich vorgesehene Warschau-Termin. Das passte aber auch schon nicht richtig, denn in jener Woche waren parallel drei weitere Turniere im Kalender.

Für Warschau 2010 zeichnet sich aber eine elegante Lösung ab: Die Woche unmittelbar vor den French Open. Der Kalender, der auf der ATP-Webseite abrufbar ist, verzeichnet für den 17. bis 23. Mai noch die „Interwetten Austrian Open Kitzbühel“. Das ist überholt. Die Stadt Kitzbühel will das sieche Turnier, das schon 2008 und 2009 so gut wie vor dem Aus stand, nicht subventionieren. Einige Leute scheinen diese Entscheidung skandalös zu finden, in Wahrheit wäre es aber nicht minder skandalös, dem millionenschweren Tennisgeschäft noch Steuergelder hinterherzuschmeißen. Österreichs Tennis-Zampano Ronald Leitgeb bleibt Inhaber der Kitzbühel-Lizenz, vermietet die aber nach Nizza. (Das mit den Lizenzen für bestimmte Turniere, die Firmen, Leuten oder Verbänden gehören, die letztlich aber doch wieder vom Gutdünken der ATP abhängig sind, ist äußerst undurchsichtig und soll hier nicht weiter vertieft werden.)

In Nizza gab es bis vor einigen Jahren schon einmal ein Turnier. Die älteren unter uns erinnern sich daran, dass Marc-Kevin Göllner dort 1993 das Finale gegen Ivan Lendl gewann. Nizza fand traditionell Anfang April statt, unmittelbar vor dem großen Turnier im 20 Kilometer entfernten Monte Carlo. Kurze Wege also für die Spieler. Ein Termintausch zwischen Warschau und Nizza ist also dermaßen naheliegend, dass ich mir kaum vorstellen mag, dass man bei der ATP nicht auf diese Idee kommen wird.

Noch nicht im offiziellen Kalender vermerkt ist der Wechsel des Turniers von Indianapolis nach Atlanta (parallel zum Hamburger Rothenbaum im Juli / danke an Loreley für den Hinweis).

Weitere Wackelkandidaten im Turnierkalender sehe ich im Moment nicht, außer natürlich Dubai, das ein Großteil seiner Milliardenschulden damit angehäuft haben dürfte, den Agassis, Federers und Nadals dieser Welt so horrende Gagen zu zahlen, dass sie im Februar zwischen ihren Auftritten in Holland und Kalifornien immer brav für ein paar Tage an den Golf jetteten.

Im Herbst sind traditionell die kleinen Turniere in Asien für eine Überraschung gut. Da spielte man mal eine Weile in Vietnam, das Turnier verschwand plötzlich und tauchte in Bombay wieder auf, von dort machte es sich auf den Weg in die indische IT-Metropole Bangalore, wo es aber (angeblich aus Sicherheitsgründen) nie ankam. In diesem Jahr wurde das Turnier in Malaysia gesichtet, und dort soll es auch 2010 bleiben. Mal gucken.

Hier der derzeit offizielle Turnierkalender für 2010

Sonntag, 22. November 2009

Saisonfazit durch die nationale Brille

Die Adventszeit naht, und das bedeutet: Die Tennis-Saison ist fast vorbei. Nur das neuerdings WTF geheißene Masters-Finale, das heute begonnen hat, steht noch aus, und das Davis-Cup-Finale. Weil beide Veranstaltungen ohne deutsche Beteiligung über die Bühne gehen, können wir für unsere Landsleute schon mal ein Jahresfazit ziehen und spekulieren, was im nächsten Jahr von ihnen zu erwarten ist.

Die schlechten Nachrichten haben wir damit schon abgehandelt: Kein Davis-Cup-Titel und auch keinen Masters-Sieger. Und wie immer in den vergangenen 18 Jahren gab es keinen deutschen Wimbledonsieger.

Trotzdem war nicht alles schlecht. Neun Deutsche stehen unter den ersten 100 der Weltrangliste. So viel schaffen weder die Amis noch die Sowjets. USA und Russland haben jeweuls nur sieben Spieler unter den ersten 100. Okay, die Argentinier haben neun wie wir, die Spanier elf und die Franzosen sogar zwölf. Aber immerhin, in dieser Wertung liegen wir auf Platz drei und schneiden somit besser ab als in jeder Pisastudie.

Und das hier sind unsere neun Helden:

Nr. 17 (Vorjahr 82) Tommy Haas (31 Jahre)
Vor gut einem Jahr erschien an dieser Stelle ein Artikel mit dem Titel „Das langsame Karriereende von Tommy Haas“. Fehldiagnose. Wenn ihn im Herbst nicht die Schweinegrippe aufgehalten hätte, Tommy Haas wäre vielleicht noch den einen oder anderen Platz weiter nach oben geklettert. Er hat seit langer Zeit mal wieder ein Jahr ohne ernsthafte Verletzungen durchgespielt.
Im Sommer gehörte er für ein paar Wochen sogar zu den allerbesten Spielern auf der Tour, hätte in Roland Garros beinahe Roger Federer geschlagen und zog in Wimbledon ins Halbfinale ein. Zwischendurch in Halle gewann er das erste Rasenturnier seiner inzwischen nicht so ganz kurzen Karriere. Wenn seine Schulter weiter hält, wird Tommy Haas auch 2010 weiter ein Wörtchen mitreden auf der Tour.

Nr. 27 (Vorjahr 28) Philipp Kohlschreiber (26 Jahre)
Er scheint seinen Zenit erreicht zu haben, was in seinem Alter ja auch normal ist. Philipp Kohlschreiber spielt seit zwei Jahren auf einem stabilen Niveau, und das auf Sand, Hartplatz und Rasen gleichermaßen. 2007 und 2008 gewann er jeweils ein Turnier, das gelang in diesem Jahr nicht, was aber kein Drama ist. Ende 2010 wird er, wenn nichts dazwischenkommt, wieder irgendwo zwischen Platz 25 und 30 landen. Realistische Ziele für ihn wären mal ein Grand-Slam-Viertelfinale oder mal ein Platz unter den ersten 20 der Welt, und sei es bloß für eine Woche.

Nr. 39 (Vorjahr 109) Andreas Beck (23 Jahre)
Der Gewinner des Jahres. Dass er sich in diesem Jahr unter den ersten 100 festsetzen würde, das war zu erwarten. Aber er hat seine Norm klar übererfüllt. Endspiel beim 250er-Turnier in Gstaad, Viertelfinale beim Halbmasters von Monte Carlo, Davis-Cup-Fünfsatzkrimi gegen Fernando Verdasco. In den letzten Wochen hat ihn die Kraft etwas verlassen, aber bis dahin brachte er seine Leistung erstaunlich stabil. Jetzt freilich beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Seit diesem Herbst gehört er zum Stammpersonal der Masters-1000-Turniere und muss dort seine Punkte holen. Mag sein, dass es ihm nicht sofort gelingen wird, sich auf diesem Niveau zu etablieren. Außer bei seinem Viertelfinale in Monte Carlo hat in diesem Jahr kein einziges Match gegen einen Spieler gewonnen, der besser platziert war als auf seinem eigenen derzeitigen Ranglistenplatz.

Nr. 40 (Vorjahr 129) Benjamin Becker (28 Jahre)
Noch so ein Gewinner des Jahres. Und anders als Andreas Beck musste man Benjamin Becker nicht wirklich auf der Rechnung haben. Er hatte sich selber nicht wirklich auf der Rechnung. Im Januar, während andere noch in Melbourne bei den Australian Open waren, trat er beim Challenger in Heilbronn an. Noch vor dem Enspiel (das er gewann) klang er ziemlich pessimistisch. Mit dem damals frisch eingeführten neuen Ranglistensystem, meinte er, sei es so gut wie aussichtslos, wieder unter die ersten 100 und damit in die großen Turniere zu kommen. Aber dann holte er reihenweise Challenger-Titel und im Juni in Den Bosch (Niederlande) sogar seinen ersten Titel auf der ATP-Tour. Der Schlüssel zum Erfolg scheint zu sein, dass er endlich die chronische Entzündung im Oberarm auskuriert hat: Sein Aufschlag hat wieder so viel Schmackes wie im Erfolgsjahr 2006 (als er bei den US Open Andre Agassi in den Ruhestand verabschiedete oder – wie Andy Roddick sagte – „der Typ war, der Bambi abknallte“). Dass das nächste Jahr wieder so gut läuft wie dieses, glaube ich im Moment aber nicht. Im Herbst waren seine Ergebnisse ziemlich enttäuschend. Immerhin scheint sein Arm aber nach wie vor zu halten, es besteht also Grund zur Hoffnung.

Nr. 59 (Vorjahr 126) Simon Greul (28 Jahre)
Zugegeben: Ich bin ein bisschen ratlos. Der Greul hat sich durchgemogelt. ich habe ihn in diesem Jahr, wenn ich mich richtig erinnere, kein einziges Mal spielen sehen, nicht mal in Hamburg, und ausgerechnet dort feierte er seinen größten Erfolg. Ein Viertelfinale bei einem 500er-Turnier ist richtig was wert für die Rangliste, wie man am Beispiel Greul sieht. Er ist, so viel erinnere ich von früher, ein recht unauffälliger Spieler (also, auch dann, wenn man seine Matches nicht verpasst). Mit Unauffälligkeit, das zeigt das Beispiel Greul, kann man im neuen Weltranglistensystem durchaus was reißen. Ganz viele Achtelfinals hat er auf dem Konto, so etwas nützte bis 2008 nicht viel, da ging es erst im Viertelfinale richtig los mit den Punkten. Keine Ahnung, was im nächsten Jahr aus Simon Greul wird, aber vermutlich wird er sich wieder irgendwie unauffällig durchmogeln.

Nr. 62 (Vorjahr 409) Florian Mayer (26 Jahre)
Rückkehr geglückt, und zwar mit Bravour. Anfang 2008 hatte Florian Mayer – Wimbledon-Viertelfinalist 2004 - die Schnauze voll vom Profitennis. Nach einer Niederlagenserie nutzte er eine Finger-Operation, um einfach mal ein halbes Jahr abzuschalten. Das Scheinwerferlicht meidet er noch immer ganz gern. In diesem Jahr hat er fast nur Challenger-Turniere gespielt und haufenweise Turniersiege und Endspielteilnahmen angesammelt. Es ist schon erstaunlich, dass man auf diese Weise bis auf Platz 62 klettern kann. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen er auf der großen ATP-Tour auftauchte, bewies er aber, dass er keineswegs zu hoch platziert ist. Bei den Australian Open, in Hamburg und in Schanghai erreichte er jeweils die zweite Runde. In Schanghai hatte er sogar Matchbälle gegen Tommy Robredo (Nr. 15/Spanien). Florian Mayer wird 2010 vermutlich genau so weitermachen wie 2009 – mit dem Unterschied, dass er alle Grand-Slam-Tunriere und mindestens die Masters von Indian Wells und Miami wird spielen dürfen/müssen.

Nr. 80 (Vorjahr 80) Mischa Zverev (22 Jahre)
Nach hinten raus ließ es etwas nach, bzw. es ließ etwas sehr nach. Jetzt steht Mischa Zverev wieder genau da, wo er vor einem Jahr auch war. Zwischendurch war er mal die Nummer 45, schlug er Leute wie Tomas Berdych und Gilles Simon, erreichte das Viertelfinale vom Masters in Rom. Seit Juli gewann er nur noch ein einziges Match. Gleichzeitig wurde sein Blog beim Hamburger Abendblatt immer langweiliger. Als er im Oktober in Schanghai immerhin einen Satz gegen Fernando Gonzalez gewann, brach er sich die Hand. Aber er wird mit neuer Kraft zurückkommen, da bin ich recht zuversichtlich. Ist ja noch jung, der Junge. Wenn er erstmal so viel Stehvermögen hat, dass er so viele Matches gewinnt wie jetzt schon ersten Sätze, dann hält ihn kaum noch einer auf und ich kann mein altes Loblied wieder anstimmen.

Nr. 81 (Vorjahr 66) Philipp Petzschner (25 Jahre)
Eigentlich war es das erfolgreichste Jahr seiner Laufbahn, jedenfalls wenn man seinen Turniersieg in Wien 2008 weglässt. Durch die dubiose Methode, mit der die ATP die nach dem alten Ranglistensystem erworbenen Punkte auf das neue System umrechnete, wurde dieser Turniersieg im Laufe des Jahres 2009 immer wertvoller, so dass Philipp Petzscher, ohne dafür viel tun zu müssen, bis auf Platz 35 gespült wurde, ehe im Oktober die Punkte aus Wien von seinem Konto verschwanden. Da übersah man fast, dass er nicht so gut durchs Jahr kam, wie man das hatte hoffen dürfen. Verletzungen waren schuld daran, aber auch der Umstand, dass er nach wie vor nicht immer ganz konzentriert bei der Sache ist. Anders als Florian Mayer scheinen Petzschner die großen Turniere besonders zu behagen. Bei den Grand Slams war er gar nicht schlecht (dritte Runde Wimbledon, zweie Runden French und US Open).

Nr. 86 (Vorjahr 33) Rainer Schüttler (33 Jahre)
Es ist nicht zu fassen, er ist immer noch dabei, unser Shaker. Ein Wimbledon-Halbfinale wie 2008 hat er diesmal zwar nicht aus dem Hut gezaubert, aber er schafft es immer noch, wochenlang unterirdische Matches abzuliefern und gern auch mal 0:6 und 0:6 zu verlieren und dann plötzlich irgendwo ein Halbfinale rauszuhauen. Die Argumente dafür, dass es mit seiner Karriere jetzt aber wirklich mal zu Ende geht, sind so stichhaltig wie seit fast fünf Jahren, aber vermutlich wird er einfach wieder weitermachen wie gehabt, mindestens so lange, bis man ihn zum ATP-Alterspräsidenten ausruft.

Von den Spielern außerhalb der Top 100 wären zu erwähnen: Daniel Brands (Nr. 103, Tendenz steigend) und vor allem Nicolas Kiefer (Nr. 114). Letzterer wäre wohl problemlos unter den ersten 100, wenn nicht 50, wäre er nicht unentwegt verletzt. Aber vielleicht ändert sich das ja 2010. Tommy Haas ist ja schließlich auch wieder voll im Geschäft

Sagte ich eingangs, es gab keinen deutschen Wimbledonsieger? Das ist natürlich Quatsch. Kevin Krawietz hat gewonnen, und zwar im Junioren-Doppel. Nun wird zwar nicht aus jedem jugendlichen Wimbledonsieger im späteren Leben ein Superstar, aber eine Erwähnung ist dieser Titel allemal wert.

Sonntag, 15. November 2009

World Tour Finals in London: Alle außer Verdasco

Jetzt ist sie fast wie vorbei, die ATP-Saison 2009. Heute hat Novak Djokovic das letzte Masters des Jahres gewonnen (6:2, 5:7, 7:6 im Endspiel von Paris-Bercy gegen Gael Monfils), und die acht Heroen stehen fest, die das „WTF“ bestreiten, wie das Masters-Finale seit diesem Jahr heißt und was weder "who the fuck" noch "why the fuck" sondern "World Tour Finals" bedeuten soll. Zeit für uns, die Acht mal genauer anzuschauen und zu überlegen, wer das Turnier denn wohl gewinnen wird. Das Rennen scheint mir so offen zu sein wie lange nicht mehr. Der einzige, den ich mir nicht als Sieger vorstellen kann, ist Fernando Verdasco, und selbst bei dieser Prognose bin ich mir unsicher.

Gespielt wird vom 22. bis zum 29. November im inzwischen nach einem Mobilfunkunternehmen benannten ehemaligen Millenium Dome von London – zunächst Gruppenspiele in zwei Viergruppen, dann Halbfinale und Finale. Aber nun der Reihe nach zu den Teilnehmern.

Roger Federer (Schweiz)
In Paris in dieser Woche hat er sein Auftaktspiel gegen Julien Benneteau verloren. Diese Niederlage sollte man nicht zu ernst nehmen. Benneteau (Nr. 49) ist spielerisch solide Hausmannskost und hat von den rund 140 ATP-Turnieren, die er bisher gespielt hat, noch keines gewonnen. Federer kann gar nicht so schlecht in Form sein, dass er, wenn er ernsthaft zu gewinnen versucht, es gegegn Benneteau nicht schafft. Federer hatte – wie jedes Jahr - schlicht keine Lust auf Paris-Bercy. Wenn er so spielt wie in der vorigen Woche in Basel, wo er ins Finale kam, dann ist er auch in London wieder der Favorit, und zwar genau deshalb, weil er sich im Gegensatz zu einigenseiner schärfsten Mitbewerbern in dieser Woche geschont hat. In den vergangenen Jahren ist er schon häufiger auf den Zahnfleisch zum Masters-Finale gegangen – und hat gewonnen. Er ist zwar nicht mehr so überlegen wie vor zwei, drei Jahren, aber dafür erreicht er das Saisonfinale diesmal ohne ernsthafte Verletzungsprobleme. Siegwahrscheinlichkeit: 25 Prozent.

Rafael Nadal (Spanien)
Seit seiner Verletzung im Sommer, die ihn den Platz 1 in der Rangliste kostete, hat Nadal noch kein Turnier gewonnen. Außerdem hat er überhaupt erst einmal ein Hallenturnier gewonnen, und das ist schon vier Jahre her. Bei seinen beiden bisherigen Teilnahmen am Masters-Finale scheiterte er jeweils im Halbfinale. In den letzten Monaten hat er sich zwar be allen Turnieren souverän durch die ersten Runden gespielt, aber sobald er auf einen Spitzenspieler traf, war Schluss. Er hat seit über einem halben Jahr keinen der anderen sieben WTF-Teilnehmer bezwingen können. Trotzdem: Diese Serie wird irgendwann zu Ende gehen. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Novak Djokovic (Serbien)
Der Titelverteidiger ist in bestechender Form. Innerhalb von acht Tagen hat er Titel von Basel und von Paris-Bercy eingefahren. Damit hat er gleichzeitig wieder einmal bewiesen, dass er in der Halle prima zurechtkommt. Das ist aber auch sein Nachteil: Keiner hat in den vergangen Wochen so viele Matches bestritten wie Novak Djokovic, keiner wird in London so müde sein wie er. Deshalb sehe ich seine Siegwahrscheinlichkeit nicht höher als die von Roger Federer: 25 Prozent.

Andy Murray (Großbritannien)
Also diese Woche, das war ja nicht so doll. Da flog Andy Murray im Achtelfinale raus. Aber vermutlich gilt für ihn Ähnliches wie für Roger Federer: Paris-Bercy interessiert ihn nicht. Ganz Großbritannien erwartet von ihm eine Heldentat in London. Jetzt kann man viel erzählen von wegen zu hohem Erwartungsdruck und so, letztlich bleibt der Heimvorteil in erster Linie dieses: ein Vorteil. Murray hat in diesem Jahr alle anderen WTF-Teilnehmer mindestens einmal besiegt. Er ist im Rennen um den Titel fraglos mit dabei: Siegwahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Juan Martin del Potro (Argentinien)
Die große Frage lautet: Ist er fit? Seit seinem Sieg bei den US Open hat Juan Martin del Potro nur zwei nur zwei Matches gewonnen, eins davon durch Aufgabe seines Gegners, aber immerhin waren diese beiden Matches in dieser Woche in Paris. In Tokio schied er in der ersten Runde gegen einen gewissen Edouard Roger-Vasselin von Platz 189 aus. Im Viertelfinale von Paris gab del Potro gegen Radek Stepanek beim Stand von 0:4 im ersten Satz auf – wegen Schmerzen im Bauchmuskel. Er sagte aber anschließend, dass ihn dieses Problem in London nicht mehr behindern wird. Wenn das stimmt (was man freilich nicht weiß), könnte er durchaus zu seiner Form von den US Open zurückkehren, das ist ja schließlich gar nicht lange her. Ich hab vorhin mal einen Blick auf die Wettquoten geworfen, nach denen ist del Potro mit 1:16,5 der krasseste Außenseiter von allen. Das sehe ich nicht so. Siegwahrscheinlichkeit: 10 Prozent.

Andy Roddick (USA)
Mir scheint, der WTC interessiert ihn nicht wirklich. Wäre das anders, er könnte ihn glatt gewinnen. Schließlich hat er in diesem Jahr in London schon einmal beinahe ein epochales Finale gewonnen (Falls irgendjemand sich nicht erinnert: 14:16 im fünften Satz des Wimbledon-Endspiels). Danach wurde ihm die Saison irgendwann zu lang. Nachdem er vor vier Wochen sein Auftaktmatch in Schanghai aufgegeben hatte, war von ihm nicht mehr viel zu hören. Zum WTF will er nun aber wohl doch kommen, nach allem was man hört. Vielleicht gefällt es ihm ja dort, deshalb Siegwahrscheinlichkeit immerhin 5 Prozent.
Edit am Dienstag: Jetzt hat Roddick doch noch abgesagt, und Robin Söderling (Schweden) ist nachgerückt, für den ähnliche Dinge gelten wie unten für Fernando Verdasco beschrieben werden.

Nikolai Dawidenko (Russland)
Ihn darf man niemals vergessen. Vor einem Jahr, als das Saisonfinale noch in China ausgespielt wurde, hatte ihn auch keiner auf der Rechnung, und dann stand er plötzlich im Endspiel. Das kann glatt noch einmal passieren. Das Masters in Schanghai neulich hat er schließlich auch gewonnen, dort bezwang er erst Novak Djokovic und dann Rafael Nadal. Siegwahrscheinlichkeit 10 Prozent.

Fernando Verdasco (Spanien)

Er war der letzte, der sich für das WTF qualifizierte, und er ist auch der letzte, den ich auf der Rechnung habe, wenn es um den Sieg geht. Seine beste Zeit in diesem Jahr hatte er im Januar, als er das Halbfinale der Australian Open erreichte. Seither spielt er solide vor sich hin und ist auch absolut verdient in der illustren Runde der besten Acht vertreten, aber dass er das Turnier gewinnt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Deshalb bin ich kompromisslos und sage: Siegwahrscheinlichkeit 0 Prozent. … aber was ich mir schon alles nicht vorstellen konnte und was dann doch eintrat...

Hier die Webseite des WTF

Sonntag, 8. November 2009

Paris-Bercy: Das letzte Turnier für Marat Safin und Fabrice Santoro

Zwei Legenden treten ab. Marat Safin (Russland) und Fabrice Santoro (Frankreich) bestreiten in dieser Woche beim Masters in Paris-Bercy ihr letztes Profiturnier. Safin ist derjenige, der in seiner Karriere mehr Ruhm geerntet hat. Sein Name ist auch Gelegenheitsfans ein Begriff. Er war die Nummer 1 der Weltrangliste, er gewann die US Open und die Australian Open. Safin gewann mehr Preisgeld (14,3 Millionen zu 9,9 Millionen) und mehr Turniere (15 zu 6). Aber von den neun Begegnungen, die er und Fabrice Santoro in den vergangenen zehn Jahren gegeneinander bestritten, gewann Santoro sieben. In der aktuellen Weltrangliste steht Santoro (Platz 53) vor Safin (Platz 65). In Paris-Bercy brauchte Safin eine Wild Card, Santoro war direkt fürs Hauptfeld qualifiziert.

Marat Safin 2008 in Hamburg

In vielen Statistiken liegt Santoro nicht nur Lichtjahre vor Safin, sondern auch vor allen anderen Spielern in der Geschichte des Profitennis. Er bestritt 913 Matches auf der Tour. Davon gewann er 470 und verlor 442 – Rekord. Er trat zu 69 Grand-Slam-Turnieren an, die Nummer 2 in dieser Statistik, Andre Agassi, brachte es nur auf 61.

Fabrice Santoro liegt nicht nur im direkten Vergleich mit Marat Safin vorn, sondern auch im Vergleich mit Jimmy Connors, Mats Wilander und Henri Leconte (jeweils 1:0). Gegen Yannick Noah und Boris Becker gewann er jeweils einmal und verlor einmal. Michael Stich war Santoros Angstgegner: Die Bilanz lautet genau wie die gegen Safin, nur umgekehrt: 2:7. Seinen Spitznamen „Magicien“ soll Santoro von Pete Sampras (direkter Vergleich: 3:4) bekommen haben. Er spielt Vorhand, Rückhand und gern auch die Volleys beidhändig, was eigentlich eine Eigenart von Hauruck-Spielern ist. Santoro aber ist immer ein brillanter Techniker gewesen, anders hätte er auch kaum zwei Jahrzehnte im Profisport durchhalten können. Dass er zudem auch mit 36 Jahren noch Ausdauer hatte, musste Philipp Kohlschreiber Anfang dieses Jahres erfahren.

Fabrice Santoro wird in einem Monat 37 Jahre. In dem Alter haben auch andere vor ihm noch Profitennis gespielt. Aber keiner war ein solcher Dauerläufer. Seit Santoro 1988 in Cherbourg seine ersten Weltranglistenpunkte holte, war er so gut wie nie verletzt. 1990 schaffte er es erstmals unter die Top 100, und da steht er heute noch. Während kurzer Schwächephasen, als er 23, 24 Jahre alt war, fiel er mal etwas zurück, aber das ist ja wohl längst verjährt.

Im Doppel gewann er zwei Mal die Australian Open (mit Michael Llodra), aber im Einzel ist er nie ganz nach oben gekommen. Erst bei seinem 54. Grand-Slam-Turnier, 2006 in Melbourne, schaffte es Santoro ins Viertelfinale. Die sechs Turniere, die er gewann, waren allesamt eher unbedeutende. Ein Kunststück gelang ihm dabei immerhin: Als die ATP im Jahr 2000 die bald wieder begrabene Idee gebar, statt der Weltrangliste das „Champions Race“ in den Vordergrund zu stellen, in dem die Punktwertung zu Beginn des Jahres für alle Spieler bei 0 beginnt, gewann Santoro das erste Turnier Anfang Januar in Doha (im Finale gegen Rainer Schüttler) und wurde zum ersten Ranglistenersten dieser neuen Wertung.

Im Einzel ist Santoros Karriere seit heute Nachmittag vorbei. Er verlor sein Erstrundenmatch in Paris mit 4:6 und 3:6 gegen James Blake. Marat Safin spielt erst morgen. Sein Gegner ist der Qualifikant Thierry Ascione, da hat Safin gute Chancen zu gewinnen. Auch für Santoro ist sein bisheriger Beruf noch nicht ganz vorbei: Er spielt noch mit Sebastien Grosjean im Doppel, und zwar frühestens am Dienstag. Gerüchte, er könnte vielleicht doch noch mal bei den Australian Open 2010 antreten, hat der Magier mittlerweile dementiert. Er wäre dann der erste Spieler geworden, der in vier verschiedenen Jahrzehnten bei Grand-Slam-Turnieren gespielt hätte: von en 1980ern bis in die 2010er.

Bei all dem Santoro-Gejubel sei freilich angemerkt: Marat Safin ist der großartigere Tennisspieler von den beiden gewesen. Wenn ich eine Liste von den beeindruckendsten Matches machen sollte, die ich je gesehen habe, wäre Santoro nicht auf dieser Liste, Safin zwei Mal. Da wäre zum einen das Australian-Open-Halbfinale von 2005, in dem er im vierten Satz gegen Roger Federer einen Matchball mit einem Lob abwehrte und dann den fünften Satz mit 9:7 gewann. Safin gewann anschließend auch noch das Finale gegen Lleyton Hewitt. Danach gewann er kein einziges Turnier mehr, aber einzelne großartige Partien vollbrachte er noch immer: Ich erinnere mich an sein Erstrundenmatch ein paar Monate später am Hamburger Rothenbaum gegen den Spanier Alberto Martin, der seinerzeit ziemlich gut in Form war. Es war das letzte Spiel des Tages, es war kalt und windig, und die meisten Zuschauer waren schon gegangen. Safin gewann 6:1 und 6:0. Fast jeder einzelne Ball, den er schlug, war für Martin unerreichbar, und ich war mir sicher, auch Roger Federer hätte an diesem Abend nur unwesentlich knapper verloren.

Sein Zweitrundenmatch am übernächsten Tag aber verlor Safin. Er hat seine Genialität nie konstant ausspielen können. Wäre er so diszipliniert und ehrgeizig wie Roger Federer, hätte er ihn wahrscheinlich häufiger als nur 2005 in Melbourne (und 2002 in Moskau) bezwungen. (Zu dieser Seite von Safin verlinken wir mal zu Loreleys Artikel von vorhin.) Statt der Federer-Ära hätte es eine Federer-Safin-Ära geben können, und sie wäre 2009 nicht zu Ende gegangen. Marat Safin mit 29 Jahren eigentlich noch zu jung für die Rente. Aber er sagt: Wenn man mal die Nummer 1 war und dann zwischen Platz 30 und 60 rumgurkt, ist es schwer sich zu motivieren. Das mit der Nummer 1 ist neun Jahre her. So gesehen, hat Safin bemerkenswert lange durchgehalten.

Hier das ATP-Profil von Fabrice Santoro und
hier das von Marat Safin

Und hier die Ergebnisse aus Paris-Bercy (PDF)

Sonntag, 1. November 2009

Live aus der Wiener Stadthalle

Sie sind selten geworden, aber es gibt sie auch 2009 noch, die „Horsti“-Rufe aus dem Dunkel der oberen Sitzreihen, für die das ATP-Turnier der Wiener Stadthalle seit vielen Jahren berühmt ist. Vor 21 Jahren gewann Horst Skoff hier das Endspiel gegen seinen Erzrivalen Thomas Muster.

Nie wieder gelang es seither einem Österreicher, vor heimischer Kulisse diesen Titel zu holen. Bis heute Nachmittag. Jürgen Melzer schlug den an Eins gesetzten Kroaten Marin Cilic mit 6:4 und 6:3.

Ob sich zu den Horsti-Rufen künftig auch Jürgen-Rufe gesellen werden? Ich kann mir das nicht recht vorstellen, erstens weil „Jürgen“ so banal klingt, zweitens, weil Horst Skoff zu einer neuen Kategorie von Legende geworden ist, seit er vor anderthalb Jahren in Hamburg (150 Meter von meiner damaligen Wohnung entfernt) aufgefunden wurde.

Jürgen Melzers Endspiel habe nicht miterlebt, aber immerhin sein Erstrundenmatch am Dienstag gegen Marco Chiudinelli (Schweiz, 28 Jahre, Nummer 71). Es war tatsächlich das beste Spiel, das ich in meinen drei Tagen in Wien gesehen habe. Melzer und Chiudinelli waren zwar gewiss nicht die beiden besten Spieler der ersten Runde, aber die einzigen, die sich ein packendes Duell auf Augenhöhe lieferten. Dabei half es durchaus, dass sie ihre klaren Chancen nicht immer kraftvoll verwandelten, sondern ihre Überkopf-Flugbälle regelmäßig so trafen, dass der Gegner sie noch aus der Ecke fischen konnte. 7:6 und 7:6 – das Ergebnis lässt schon erahnen, welch spannendes Spektakel dieses Match war. Insbesondere der Tie-Break im zweiten Satz (12:10) war der Hammer. Chiudinelli, den ich bisher ehrlich gesagt unterschätzt habe und dessen Achtelfinale bei den US Open ich für einen Glückstreffer hielt, war absolut ebenbürtig. („Variantenreich und ballsicher“ hab ich auf meinem Notizzettel stehen.) Das gilt natürlich auch für Melzer, dessen Fußverletzung nicht so dramatisch gewesen zu sein scheint, wie die österreichischen Medien es vor dem Turnier beschworen. Eigenartig fand ich die Reaktion des Publikums, nachdem Melzer den vierten Matchball verwandelt hatte: 15 Sekunden Klatschen, dann standen die Leute auf und drängten an die überteuerten Würschtelstände (3,40 Euro für eine Cola). Erst als Melzer zum Interview gebeten wurden, brandeten doch noch Jubelstürme auf.

Weil dieses Match so spannend war, hätte ich beinahe das parallele Spiel in Halle B verpasst, das ich unbedingt sehen wollte: Andreas Seppi (Italien, Nr. 52) gegen Jan Hajek (Tschechien, Nr. 113). Nicht wegen Seppi. Der macht auf mich zwar einen grundsympatischen Eindruck, sein destruktives Tennis ist als Zuschauer aber kaum auszuhalten. Aber auf Jan Hajek war ich gespannt. Der Kerl spielte sich vor drei Jahren innerhalb kürzester Zeit mit einer atemberaubenden Siegesserie auf Challenger-Turnieren von Platz 350 auf Platz 70. Von da an durfte er bei den großen ATP-Turnieren mitmachen und traf fortan keinen Ball mehr. Dann war er wohl auch noch mal verletzt, jedenfalls war er bald wieder zurück auf Platz 350, wo er drei Jahre lang blieb – bis er in diesem Jahr wieder eine atemberaubende Siegesserie auf Challenger-Turnieren hinlegte. Nun ist er wieder nah an Platz 100 angekommen, was in Wien für einen Platz im Hauptfeld reichte. Sein erstes ATP-Turnier in diesem Jahr. Hajek gewann gegen Seppi. Vermutlich lag das an der Challenger-Atmosphäre in Halle B. Dass man auf den Nebenplätzen der ATP-Turniere viel dichter an den Spielern dran ist als auf dem Center Court, ist ja normal. Aber in der Wiener Halle B ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, insbesondere wenn man den Charme der Stehplätze am Kopfende des Platzes entdeckt. Ich stand auf einer Empore einen Meter über den Linienrichter hinter der linken Grundlinie und war Seppi und Hajek sehr dankbar, dass sie sich meistens nur Vorhand-Duelle lieferten, denn immer wenn einer zur Rückhand ausholte, machte ich mir sorgen, bei der Ausholbewegung könnte mich das Racket im Gesicht treffen. Von Seppis Selbstgesprächen hörte ich jedes Wort (leider verstehe ich nicht viel Italenienisch), und ich sah all den dunkelroten Sand an Hajeks Socken, die er offenbar seit seinen Challenger-Erfolgen im Sommer nicht gewechselt hat.

Und jetzt ein paar kurze Eindrücke von fünf weiteren Erstrundenmatches:

Daniel Brands (Deutschland, Nr. 125) –
Robert Kendrick (USA, Nr. 80) 7:6, 7:5

Ich glaube, ein Spiel wie dieses habe ich zuletzt irgendwann Anfang der 90er in einer Fernsehübertragung aus Wimbledon gesehen. Nur Aufschläge und ab und zu mal ein Return, der aber in der Regel nicht den Weg ins Feld fand. Daniel Brands (22) schlägt gut auf, aber das ist ja keine Neuigkeit. Ob er sonst noch was kann, ist nach diesem Spiel schwer zu sagen. Kendricks Aufschläge returnieren kann er jedenfalls nicht. Zu Brands' Glück kann Kendrick Brands' Aufschäge aber auch nicht returnieren. Im Vergleich zu Brands und Kendrick entpuppte sich tags darauf der berüchtigte 2,06-Meter-Spieler John Isner als reinstes Grundlinienmonster.

Feliciano Lopez (Spanien, Nr. 45) –
Andreas Haider-Maurer (Österreich, Nr. 184) 6:4, 6:4
Den Haider-Maurer braucht man sich nicht zu merken, scheint mir. Ich hatte relativ hohe Erwartungen, weil der Junge seit Jahren regelmäßig Wild Cards für Turniere in Österreich bekommt, man ihn also offenbar für ein wichtiges Talent hält. Wieso, davon war nicht viel zu sehen. Haider-Maurer drosch unentwegt Topspins über den Platz, ansonsten war sein Spiel vollkommen einfallslos. Anscheinend beherrscht der 22-Jährige nur diesen einen Schlag. Das Ergebnis sieht zwar relativ knapp aus, aber das hat auch damit zu tun, dass Lopez es sich nichtz groß anstrengte.

Philipp Kohlschreiber (Deutschland, Nr. 24) –
Dieter Kindlmann (Deutschland, Nr.203) 6:1, 6:3

Dieter Kindlmann kann deutlich mehr als Andreas Haider-Maurer, aber er ist ein Nervenbündel. Spielerisch stellte Kindlmann (27) den großen Favoriten Kohlschreiber immer wieder vor Probleme, aber immer wenn es eng wurde, versemmelte er es. Bei nahezu jedem Breakball gegen sich machte Kindlmann einen Doppelfehler – auch beim Matchball.

Mariusz Fyrstenberg / Marcin Matkowski (Polen) –
Martin Fischer / Philipp Oswald (Österreich) 6:4, 7:6
Das österreichische Duo Fischer/Oswald hat heuer schon drei Challengers gewonnen, zuletzt neulich in Kolding (Dänemark). Auf der ATP-Tour scheinen sie mir durchaus konkurrenzfähig zu sein, für die ganz großen Erfolge wird es aber wohl nicht reichen. Bis zum 4:4 im ersten Satz hielten sie gegen das brachiale Weltklasse-Doppel aus Polen gut mit, was nicht zuletzt daran lag, dass Fyrstenberg nur mühsam ins Spiel fand und das Punktemachen anfangs weitgehend seinem Partner überließ. Im zweiten Satz versäumten es die Österreicher dann, mal einen ihrer vielen Breakbälle zu verwandeln. Am überraschendsten war für mich, wie klein Martin Fischer aussieht. Er misst laut seiner eigenen – übrigens sehr lesenswerten – Homepage 1,80 Meter. Neben den drei anderen Spielern, die alle um die 1,90 Meter sind, erinnerte er mich aber massiv an den kleinsten mir bekannten Doppelspezialisten Jeff Coetzee (Südafrika, 1,73 Meter).

Daniel Köllerer (Österreich, Nr.55) –
Jarkko Nieminen (Finnland, Nr. 116) 6:1, 6:2

Cräzy Däny, die österreichische Nummer 2 und mithin Jürgen Melzers Widerpart, haben wir ja neulich schon thematisiert. Beim morgen beginnenden Turnier in Basel treffen die Erzfeinde Köllerer und Melzer in der ersten Runde aufeinander. Schade, dass das nicht schon in Wien passierte, das wäre ein Gaudi geworden... Das Ergebnis gegen Nieminen sagt über Köllerer nichts aus. Nieminen, immerhin ein ehemaliger Top-20-Spieler und Anfang des Jahres noch auf Platz 38, war vollkommen indisponiert. Er war im Sommer knapp vier Monate verletzt und sagte anschließend, ihm fehle noch etwas Muskelkraft. Aber ihm fehlt offenbar auch die Koordination. Um mal einen landsmannschaftlich naheliegenden Vergleich zu ziehen: Er wirkt wie ein Skispringer, der das Gefühl für den Absprung verloren hat. Fast keiner seiner Bälle hatte die Länge, die er haben sollte. Köllerer gewann, ohne dass er irgendeinen Punkt aktiv herausspielen musste. Das letzte Mal, dass ich einen gestanden Profi so sehr neben sich habe stehen sehen, war vor anderthalb Jahren in der Qualifikation von Hamburg. Da verlor die Nummer 79 der Welt gegen einen 18-jährigen Wild-Card-Spieler von Platz 951. Die damalige Nummer 79 hat sich später wieder berappelt: Es handelte sich um Jürgen Melzer. Abschreiben sollte man Nieminen also nicht.

Hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

Sonntag, 25. Oktober 2009

Live von der Qualifikation in Wien

Am nächsten Sonntag gibt es an dieser Stelle einen ausführlichen Bericht vom ATP-Turnier in der Wiener Stadthalle. Heute fasse ich mich etwas kürzer. Ich bin schon in Wien, habe aber noch nicht viel Tennis gesehen: von der letzten Qualifikationsrunde nur den dritten Satz zwischen Dominik Hrbaty (Slowakei) und Michael Berrer (Deutschland) und ein paar Spiele aus dem zweiten Satz zwischen Alejandro Falla (Kolumbien) und Adrian Ungur (Rumänien).

Die Wiener Stadthalle scheint mit für ein Tennisturnier sehr gut geeignet. Sie ist keine von diesen riesigen sponsorenbenamten Mehrzweckhallen, in denen ein gefühlter halber Kilometer das Publikum vom Spielfeld trennt. Sie hat genau die richtige Größe. Mit schwarzen Wänden, die sich unterm Dach im Nirgendwo verlieren, und mit dunkelroten Stoffbezügen auf den Klappsitzen wirkt sie fast wie ein Theater. Mal sehen, ob das morgen immer noch so wirkt, wenn das Hauptturnier losgeht und die Sitze alle besetzt sind. (Morgen ist in Österreich Nationalfeiertag, die Wiener sollten also eigentlich Zeit haben, in ihre Stadthalle zu kommen.)

Nun zu den beiden Matches, von denen ich etwas mitbekommen habe: Als ich auf dem Weg zu Falla-Ungur war, kam mir ein untersetzter älterer Herr entgegen, der murmelte: "Des ist vielläicht o Schääiß-Portie." Ganz so schlimm war es nicht, aber insbesondere Ungur wirkte schon arg lustlos.

Hrbaty und Berrer hatten da mehr Pepp. Hrabaty gewann dank seiner technischen Überlegenheit. Dem wusste Berrer zwar in lichten Momenten per Ass seine pure Masse von zwei Zentnern entgegenzusetzen, aber am Ende scheiterte er an seinen Schnürsenkeln und an Hrbatys Bruder oder Schwager oder so. Berrer war unentwegt damit beschäftigt, sich den linken Schuh zuzubinden. Beim 4:4 im Tie-Break des zweiten Satzes setzte er sich auf seinen Stuhl unterhalb des Schiedsrichters, und ich dachte schon, jetzt kommt gleich der Physiotherapeut und das Spiel ist vorbei. Dann aber verkündete der Schiedsrichter: "Michael Berrers Schuhband ist gerissen. Herr Berrer erhält nun die nötige Zeit, um das Schuhband auszutauschen." Aber auch der neue Schnürsenkel half anscheinend nicht weiter und löste sich mindestens zwei weitere Male.

Und dann war da noch der enthusiastische Verwandte von Dominik Hrbaty, der in der ersten Reihe hinter der Grundlinie saß und jedes Mal laut "Bravo" rief, wenn Dominik wieder Mal einen Rückhand-Slice so flach übers Netz geschleudert hatte, dass Berrer nicht mehr rechtzeitig nach unten kam. Kurz nachdem Berrer in einem Aufschlagspiel vier Doppelfehler machte und mithin ein Break kassierte, ging er auf den Bravo-Rufer los und schrie: "What's your mission?" Der Bravo-Rufer antwortete nicht oder jedenfalls nicht so laut, dass seine Antwort im ganzen Saal zu hören gewesen wäre. Da ergänzte Berrer: "I mean now you can shut up." Den Angesprochenen focht das nicht weiter an, allerdings errang Berrer einen Teilerfolg: Die Bravo-Rufe wurden tatsächlich weniger, weil der Rufer nun damit befasst war, sich bis zum Ende der Begegnung und darüber hinaus über den Vorfall zu beömmeln.

Hier die Ergebnisse aus der Qualifikation in Wien (PDF)

Sonntag, 18. Oktober 2009

Durcheinander am Rothenbaum - Also doch lieber Schanghai?

Nikolai Dawidenko hat wieder zugeschlagen. In regelmäßigen Abständen von ungefähr anderthalb Jahren gewinnt der Mann aus Wolgograd plötzlich ein großes Turnier. Heute war es das Masters von Schanghai. 7:6 und 6:3 gegen Rafael Nadal.

Kleinere Titel holt Dawidenko ja öfter mal, zuletzt im Juli in Hamburg. Irgendwie rührend, dass der erste Spieler, der am Hamburger Rothenbaum gewann, nachdem das Turnier seinen Weltklasse-Mastersstatus verloren hat, drei Monate später auch dasjenige Turnier gewinnt, an das Hamburg diesen Status abgeben musste.

(Manche Leute sagen ja, Hamburg habe den Status an Madrid verloren, aber Madrid hatte ja schon vorher ein Masters-Turnier, das jetzt nur auf Hamburgs alten Platz im Kalender gerückt ist. Neu dazugekommen ist das Turnier in Schanghai.)

(Wer mehr über die Vorgeschichte und darüber, was es mit den Masters-Tunrieren auf sich hat, wissen will, klickt hier.)

Wer nun die Turniere von Hamburg und Schanghai miteinander vergleicht, kann schnell zu dem Ergebnis kommen, dass in Hamburg alles besser war. Roger Federer und Andy Murray sind gar nicht erst hingefahren nach China. Juan Martin del Potro, Andy Roddick, Gael Monfils, Tommy Haas und fünf weitere Spieler waren zwar da, haben aber bald wegen Verletzung ihre Teilnahme beendet. (Mischa Zverev hat sich tatsächlich das Handgelenk gebrochen und kann erst im nächsten Jahr wieder spielen, bei anderen Spielern kann man aber auch Desinteresse vermuten.)

Und was das Zuschauerinteresse angeht, da hat die Kollegin Loreley vor ein paar Tagen einen Link zu dieser Frage gesetzt: „Has a tournament ever had more retirements than fans?“ Es heißt zwar, es sei auf dem Center Court auch deshalb so leise gewesen, weil Chinesen es eben ernst nehmen, wenn ein Schiedsrichter „Quiet, please“ sagt. Aber trotzdem: Gut besucht war das Qi Zhong Tennis Center wahrlich nicht. Die Mühe, eigens für das neue Masters-Turnier einen Platz 2 mit 5000 Zuschaueplätzen aus dem Boden zu stampfen, hätte man sich sparen können. Das Heer der Wanderarbeiter kann sich die Tageskarte für umgerechnet zwölf Euro schwerlich leisten, aber bei 19 Millionen Einwohnern in einer pulsierenden Metropole, wenn dann keiner zum Tennis geht, dann liegt das auch daran, dass es einfach keinen interessiert, zumal Timo Boll ja nicht mitspielte.

In Hamburg dagegen war das Stadion auch 2008 noch gut gefüllt. Ich hab mich jedes Mal gewundert, wo die ganzen Tennisfans eigentlich herkamen, von denen man sonst das ganze Jahr über nichts mitbekam. Das kann eigentlich nur heißen: Schnell wieder zurück nach Hamburg mit dem Masters-Turnier. Das wird die ATP natürlich nicht machen. Die ATP will ja unbedingt den chinesischen Markt erobern, weil sie mal gehört hat, dass der sehr groß ist. Außerdem gibt es in China Sponsoren.

Das mit den Sponsoren ist in Hamburg tatsächlich etwas schwierig. Die anderen deutschen Tennisturniere haben damit komischerweise keine Probleme. Auch der neue Turnierdirektor Michael Stich, der Ende vergangenen Jahres hoffnungsvoll startete und mit seinen guten Kontakten in die Wirtschaft warb, konnte daran nicht viel ändern.

Dafür hat Hamburg den Deutschen Tennisbund. Von dem werden wir spätestens Mitte Novemvber noch viel hören, wenn in Warnemünde Mitgliederversammlung ist. Acht Landesverbände, die von sich behaupten, eine klare Mehrheit hinter sich zu haben, misstrauen dem amtierenden Präsidenten Georg von Waldenfels offen. Aber der gelernte CSU-Politiker (bayerischer Finanzminister 1990-95) denkt nicht an Rücktritt. Auch das hat alles mit dem Rothenbaum zu tun, und ich bekenne offen: Ich durchschaue die ganze Sache nicht ganz. Die oppositionellen Landesverbände haben eine oder mehrere Task Forces gegründet, die sich überwiegend mit dem Thema Rothenbaum und Finanzen und Rothenbaum-Finanzen beschäftigen und an denen sich auch andere Landesverbände beteiligen. Manche Leute meinen, auch Michael Stich gehöre einer solchen Task Force an, Michael Stich hat das dementieren lassen, gleichzeitig aber gesagt, dass er selbstverständlich bei allem mitmacht, wofür die Task Forces ihn brauchen. Unterschiedliche Auffassungen bestehen auch bei der Frage, bis wann und warum Stich Turnierdirektor zu bleiben zugesagt hat. Nebenbei ist der DTB neulich fast zahlungsunfähig gewesen und in ein paar Wochen schuldenfrei – jedenfalls nach Angaben des DTB. Außerdem läuft in den USA immer noch der Zivilprozess des DTB gegen die ATP um den längst vergessenen Masters-Status am Rothenbaum. Auf die Frage, ob der DTB überhaupt noch in der Lage wäre, ein Masters-Turnier zu stemmen, antwortete von Waldenfels jüngst im Tennis-Magazin mit einem „Grundsätzlich ja“ und kommt drauf an.

Also, vielleicht doch lieber Schanghai? In China würde solch ein Chaos nicht passieren. Die haben ihre Opposition im Griff. Und damit hätten wir zum Abschluss doch noch mal ein triftiges Argument für Hamburg.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Wie man Kohlschreiber ausspricht

Schtepahnek heißt er also. Radek Schtepahnek. Beim brasilianischen Kanal Globo Esporte hatten sie neulich die Idee, einmal Tennisreporter aus aller Welt die Namen ihrer heimischen Profis vorlesen zu lassen. Ein sehr aufschlussreiches wie unterhaltsames Unterfangen.

Die Aussprache der deutschen Spieler scheint aus brasilianischer Sicht besonders abenteuerlich zu sein. Jedenfalls beginnt das Filmchen mit taz-Reporterin Doris Henkel.

Von den meisten Spielern bekommt ja mit der Zeit irgendwie mit, wie sie auszusprechen sind. Die ATP hilft sogar ein bisschen auf ihrer Webseite, wo auf vielen Spielerprofilen in in lautmalerischem Englisch unter „Pronounced“ Wörter wie „kol-shrie-ber“ oder „shtikh“ stehen. So ganz zuverlässig sind diese Angaben aber nicht, auch nicht vollständig. Für Radek Stepanek, den ich bisher für einen S-täppanek hielt, zum Beispiel – immerhin ein dauerhafter Top-20-Spieler, gibt es kein „Pronounced“.

Das Filmchen hält noch ein paar andere Überraschungen parat (jedenfalls für mich). Zum Beispiel, dass zumindest der belgische Tennisreporter bei Kristof Vliegen das n nicht mitspricht und ihn mithin zum Fliege macht. Der Kollege Yves Simon scheint aber selbst französischsprachiger Belgier zu sein, vielleicht ist er nicht ganz vertrauenswürdig, wenn es um Flamen wie Vliegen geht. Außerdem muss ich gestehen, bisher niemals darüber nachgedacht zu haben, ob Steve Darcis Flame ist oder Wallone. Der sächsisch anmutende Vorname Steve gibt da ja keinerlei Hinweis. Yves Simon spricht Darcis eindeutig französisch aus.

Den Nachnamen von Stanislas Wawrinka habe ich bisher gern mal auf der ersten Silbe betont, weil die Schweizer ja eigentlich alles auf der ersten Silbe betonen (einschließlich des Verbes „betonen“). Aber er heitß wohl doch ganz normal Wawrinka, wie man spricht.

Die Japanerin lässt bei Kei Nishikori das erste i im Nachnamen weg, als gäb's da was zu verheimlichen. Aber ob die Japanerin so ganz zuverlässig ist? Aus Kimiko Date-Krumm, die mit einem deutschen Autorennfahrer verheiratet ist, macht sie Date-Krümm (oder gar Kürümmü?).

Ach ja, hier ist übrigens der Link zum Clip:

http://video.globo.com/Videos/...,00.html

Und hier das Video in direkt: (Wenn die bei Globo selber einen Embedden-Link anbieten, wird es wohl mit dem Urheberrecht kein Problem geben.)




Natürlich sollte man bei diesem Video nicht nur darauf achten, was die internationalen Sportjournalisten zu sagen haben. Man sollte auch auf die Sportjournalisten selbst achten. Und auf ihre Namen. Den brasilianischen Zuschauern wird leider gar nicht aufgefallen sein, dass der US-Reporter auf den schönen sprechenden Namen Jordan Sprechman ("s-präk-min") hört.

Aber nun zur Mimik. Wichtig ist offenbar bei der scheinbar ganz einfachen Aussprache des Namens Mario Ancic, dass man beim -cic die linke Hälfte der Oberlippe fast bis zum Nasenloch hochzieht und bei allen anderen -ics nur so halb. Als Serbe muss man, wenn man eine Reihe von -ic-Namen aufsagt und plötzlich einer mir -ki dazwischen ist, ein angemessen überraschtes Gesicht aufsetzen.

Wenn man auf Französisch Jo-Wilfried Tsonga sagt, muss man nicht nur daran denken, das a von Tsonga zu betonen, man sollte auch tunlichst in die Wäsche gucken wie Boris Becker. Ob man dabei zwangsläufig so ein tiefes Dekolleté braucht wie Vincent Cognet, weiß ich nicht genau.

Aber apropos Vincent. Was ich ja von Herrn Sprechman gern erfahren hätte, ist die offizielle Aussprache seines Landsmanns Vincent Spadea. Von dem hat man schon so einige abenteuerliche Versionen gehört.

Wenn jemand gesicherte Informationen zur Aussprache anderer hier nicht erwähnter abseitiger Akteure hat: immer her damit. Mich interessieren zum Beispiel Somdev Devvarman, Danai Udomchoke und Teimuraz Gabashvili.

Hier noch mal alle ausgesprochenen Namen zum Mitlesen (Ich hoffe, ich habe mich nirgends verhört, Thiago Alves zum Beispiel musste ich mir zweimal abspielen):

Deutschland
Philipp Kohlschreiber
Andreas Beck
Mischa Zverev
Simon Greul
Tommy Haas
Björn Phau
Rainer Schüttler

Argentinien
Juan Martín del Potro
David Nalbandián
Juan Mónaco
José Acasuso
Martín Vassallo-Argüello
Horacio Zeballos
Máximo Gonzalez

Belgien
Kim Clijsters
Justine Henin
Kristof Vliegen
Christophe Rochus
Yanina Wickmayer
Kirsten Flipkens
Olivier Rochus
Steve Darcis

Brasilien

Tomas Bellucci
Andre Sa
Marcelo Melo
Thiago Alves
Bruno Soares
Marcos Daniel

China

Jie Zheng
Li Na
Peng Shuai

Kroatien
Marin Cilic
Ivan Ljubicic
Mario Ancic
Ivo Karlovic

Spanien
Fernando Verdasco
Nicolás Almagro
Marcel Granollers
Rubén Ramirez-Hidalgo
Carlos Moyá
Rafael Nadal

USA

Sam Querrey
John Isner
Wayne Odesnik
James Blake
Andy Roddick
Melanie Oudin
Serena Williams
Venus Williams

Frankreich

Marion Bartoli
Alizé Cornet
Amelie Mauresmo
Gilles Simon
Jo-Wilfried Tsonga
Gael Monfils

Großbritannien

Anne Keothavong
James Ward
Andy Murray
Laura Robson

Italien

Francesca Schiavone
Roberta Vinci
Tathiana Garbin
Fabio Fognini
Simone Bolelli
Potito Starace

Polen

Agnieszka Radwanska
Urszula Radwanska

Russland

Marat Safin
Dinara Safina
Svetlana Kuznetsova
Elena Dementieva
Michail Juschni
Nadia Petrowa
Vera Zvonareva
Alisa Kleybanova
Maria Sharapova

Serbien
Ana Ivanovic
Jelena Jankovic
Novak Djokovic
Janko Tipsarevic
Viktor Troicki

Tschechien
Tomas Berdych
Radek Stepanek
Petra Kvitova
Ivo Minar
Lucie Safarova

Schweiz

Patty Schnyder
Marco Chiudinelli
Timea Bacsinszky
Stefanie Vögele
Stanislas Wawrinka
Roger Federer

Japan
Ayumi Morita
Ai Sugiyama
Kei Nishikori
Kimiko Date Krumm
Aiko Nakaruma

Sonntag, 4. Oktober 2009

Olympia 2016: Tennis wird eine große Nummer

1010 Goldmedaillen gewannen Athleten aus den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1896 bei Olympischen Spielen. 518 Medaillen gewannen die Deutschen. Brasilianer gewannen 20. Bei 190 Millionen Einwohnern ist das eine ausgesprochen mäßige Ausbeute. Dafür waren die Brasilianer fünfmal Fußball-Weltmeister, die Deutschen nur dreimal und die US-Amerikaner noch nie.

Fußball scheint der einzige Sport zu sein, der in Brasilien ernsthaft betrieben wird. Ein paar Autorennfahrer von Nelson Piquet bis Felipe Massa gibt’s dann noch. Die Formel 1 aber ist nicht olympisch und Fußball irgendwie auch nur so halb. Ein Wunder, dass man sich in Rio de Janeiro nun so sehr freut, die Olympischen Spiele 2016 austragen zu dürfen. Präsident Lula heulte Rotz und Wasser, als die Entscheidung am Freitag in Kopenhagen gefallen war. Dann fand er sich in inniger Umarmung mit seinem wichtigsten Sportbotschafter, natürlich einem Fußballer: Pele.

Aber in Kopenhagen war noch einer dabei, der beim IOC für Rio warb: Gustavo Kuerten, der dreifache French-Open-Sieger mit rheinischer Oma. Das brasilianische Tennis der Nach-Kuerten-Ära ist zwar noch schwächer als das deutsche der Nach-Becker-Stich-Ära, Tennis ist in Brasilien aber nach wie vor eine der beliebtesten Sportarten nach dem Fußball. Deshalb wage ich einfach mal die Prognose: Bei den Olympischen Spielen 2016 wird Tennis im Mittelpunkt stehen wie noch nie zuvor. Hammerwerfen, Reckturnen und Kanufahren interessiert am Zuckerhut nämlich keinen. Die Leute werden außer Fußball alle nur Tennis gucken wollen (und Beachvolleyball auch). Ich war zwar noch nie in Brasilien und gebe diese Prognose daher ohne große Landeskenntnis ab, aber ich legte mir vor einiger Zeit mal eine Südamerikareise leichtsinnigerweise zeitlich so, dass sie zur Hälfte mit einer Hälfte der Olympischen Spiele zusammenfiel. Wenn ich mal ein Herbergszimmer fand, in dem außer dem vollkommen olympiafreien peruanischen Fernsehen (einziger bisheriger Goldmedaillengewinner: Edwin Vasquez Cam, Scheibenpistole 1948) das brasilianische lief, zeigten sie dort genau die drei eben genannten Sportarten: Fußball, Tennis, Volleyball.

Bemerkenswert finde ich auch, auf wie viele Brasilianern man in internationalen Tennisforen im Internet trifft. Tennis ist nach langer Unterbrechung erst 1988 wieder olympischen geworden und läuft im Programm meist mehr so nebenbei. Vielleicht interessieren sich die Londoner 2012 in London für Andy Murray, wenn der dann noch Erfolg hat. Das Kuriosum, dass wenige Wochen nach Wimbledon das olympische Tennisturnier wiederum in Wimbledon ausgetragen wird, könnte außerdem für ein gewissen Interesse sorgen.

Aber es gibt ja kaum Medaillen zu gewinnen. Bei Damen und Herren jeweils eine im Einzel und eine im Doppel. Zum olympischen Superstar mit acht Goldmedaillen in einer Woche, wie Michael Phelps vergangenes Jahr im Schwimmen, kann man als Tennisspieler nicht werden. In Rio aber wird Tennis eine der Disziplinen mit dem größten Zuschauerinteresse sein, und davon werden die internationalen Medien nicht ganz unbeeindruckt bleiben.

Für Prognosen, ob die Brasilianer in der Lage sein werden, ihren bisher 20 Goldmedaillen im Tennis eine 21. hinzuzufügen, ist es sieben Jahre vorher natürlich zu früh. Ein aufstrebendes Talent von Weltruf gibt es derzeit nicht. Wären die Olympischen Spiele jetzt, hätte höchstens das Doppel Marcelo Melo/Andre Sa eine Außenseiterchance.

Im Sinne der Weltgerechtigkeit wäre es übrigens angebracht, dass die ATP auch mal ganz unabhängig von Olympia ein großes Turnier ins tennisbegeisterte Südamerika vergibt. Bislang gibt es nur jeweils eine drittklassige 250er-Veranstaltung in Argentinien, Chile und Brasilien.

Montag, 28. September 2009

Kiefer geht in die zweite Liga


Orestes auf einem Bild von
William-Adolphe Bouguereau (1862)

Ein aus meiner Sicht enttäuschender Wahlausgang. Mein Favorit Orest Tereschtschuk bekam ganze zwei Stimmen bei der Wahl zum Davis-Cup-Kapitän mit dem schönsten Namen. Eine der beiden Stimmen war meine eigene. Kann man denn schöner heißen als Orest? Und dann noch das raue, aber melodische Tereschtschuk hinterher.

Schon damals, als der heutige Davis-Cup-Kapitän der Ukraine sich als aktiver Tennisspieler durch Osteuropas Challenger-Turniere schlug, war er einer meiner Lieblingsspieler allein wegen der Art, wie er hieß. Ohne in der griechischen Mythologie sattelfest zu sein, ahnte ich wohl, was mein Meyers Taschenlexikon schon in der Vor-Wikipedia-Zeit wusste, nämlich dass Orestes der Sohn des Agamemnon und der Klytämnestra war und Bruder von Elektra und Iphigenie. Aber für wahre Helden scheint es schwer zu sein, Wahlen zu gewinnen in der heutigen Zeit.

Was macht man, wenn man sich von unerfreulichen Wahlergebnissen ablenken will? Man zieht sich zurück ins Private und pflegt seine absonderlichen Hobbys. Kommen wir also zum Tennis. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an Nicolas Kiefer. Das ist ein Spieler, der sich einmal für die ATP-Weltmeisterschaft der besten acht Spieler qualifizierte, als diese Weltmeisterschaft noch in Hannover ausgetragen wurde vor fast zehn Jahren. Seither hat er sein Können immer wieder mal aufblitzen lassen, zuletzt vor einem guten Jahr, als er das Endspiel des Masters-Tunriers von Toronto erreichte. In diesem Jahr hat er wenig gespielt, und wenn, dann zwar nicht immer schlecht, aber meistens mit nur mäßigen Erfolg. Die Folge: Statt auf Platz 19 wie damals nach Montreal, steht er nur noch auf Platz 109 der Weltrangliste. Für einen Platz im Hauptfeld eines durchschnittlichen ATP-Turniers reicht das nicht. Neulich rätselte ich noch, ob Kiwi sich wohl die Mühe machen wird, Qualifikationswettbewerbe zu spielen. (Tommy Haas tat das im Frühjahr in Madrid, als er in einer ähnlichen Lage war. Er schaffte die Quali und war plötzlich wieder obenauf. Ein paar Wochen später gewann er erst das Turnier von Halle und zog dann ins Halbfinale von Wimbledon ein.)

Nicolas Kiefer seit seinem Absturz in der Rangliste noch zu keiner Qualifikation angetreten. Er zieht jetzt eine andere Konsequenz: Er geht in die zweite Liga. Er steht auf der Meldeliste des Challengers in Mons (Belgien). Das ist eine Stadt, über dessen Glockenturm Victor Hugo laut Wikipedia 1837 meinte: „Man stelle sich eine riesige Kaffeekanne vor, umgeben von vier kleineren Teekannen.“ Für den 32-jährigen Kiefer ist es das erste Challenger seit den Bermudas vor sechseinhalb Jahren und erst das dritte Challenger in den vergangenen zwölf Jahren.

„Ich fühle mich fit und habe auch alle Blessuren überstanden“, sagte er vor seinem bisher letzten Spiel, dem Zweitrundenmatch bei den US Open, in dem er Rafael Nadal einen Satz abnahm. Vom Karriereende ist derzeit keine Rede.

Mons ist immerhin ein ausgesprochen großes Challenger. Der Sieger gewinnt rund 15.000 Euro, das ist mehr als es für die Erstrundenverlierer bei den US Open gab. Leute vom Schlage eines Orest Tereschtschuk wird man dort nicht viele antreffen, für die ist Mons eine Nummer zu groß. Neben Kiefer stehen immerhin Leute wie Janko Tipsarevic (Nummer 58) oder Jan Hernych (Nummer 63) auf der Meldeliste.

Dies lehrt uns übrigens, dass die Sorgen einiger Fans und auch Spieler unberechtigt waren, die Challenger würden nach der Weltranglistenreform, die Anfang des Jahres in Kraft trat, in die Bedeutungslosigkeit entschwinden. („Mit dem neuen Weltranglistensystem ist es noch schwerer geworden, sich wieder nach oben zu spielen“, jammerte Benjamin Becker, als er im Januar auf Platz 135 abgerutscht war. Mittlerweile ist er trotzdem wieder die Nummer 42. Der neulich erwähnte Florian Mayer hat es fast ausschließlich mit Challengern geschafft, aus dem Nichts wieder unter die ersten 100 zu kommen.) Kiefer könnte, wenn er Mons gewinnt, immerhin auf Platz 93 vordringen. Wäre er zu einem der beiden ATP-500-Turniere gereist, die parallel am 5. Oktober beginnen, hätte er dort erst die Qualifikation überstehen müssen und dann das Viertelfinale erreichen müssen, um vergleichbar viele Punkte zu holen. Ein starkes Argument für das Challenger dürfte für Kiwi indes auch gewesen sein, dass Mons einfach näher an Hannover ist als Peking und Tokio, wo die ATP-Turniere jener Woche stattfinden.

Hier ein Link zur Monser Turnierseite

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