Sonntag, 14. Dezember 2008

Loblied auf Michael Stich

Endlich mal eine gute Nachricht von meinem Leib-und-Magen-Turnier am Hamburger Rothenbaum: Michael Stich wird Turnierdirektor. Als ich gestern davon hörte, dachte ich einen Moment lang: Du liebe Zeit, nicht schon wieder dieser Typ. Für den hat der liebe Gott doch den Hamburger Speckgürtel mit seinen Benefiz-Golfturnieren geschaffen.

Michael Stich beim Benefiz-Golfturnier 2006 des Lions Club Ahrensburg am Bredenbeker Teich in Ammersbek (Kreis Stormarn). Stich gewann das Turnier.

Inzwischen denke ich: Super, alles wird gut, das ist die Rettung.

Aber bevor ich diese Meinung begründe, erstmal zurück zu meiner reflexartigen Skepsis. Michael Stich löst als Turnierdirektor Carl-Uwe Steeb ab. Er war schon einmal Nachfolger von Carl-Uwe Steeb: Als Davis-Cup-Kapitän. Die Sache endete in einem Desaster. Stich war 2002 für genau ein Spiel im Amt, und dieses Spiel verlor Deutschland (mit 1:4 gegen Kroatien). Vor dem Abstiegsspiel gegen Venezuela kam Stich die Idee, den längst zurückgetretenen Boris Becker als Spieler zu nominieren. Er sollte im Doppel antreten. Stich dachte sich, dann kommen wenigstens ein paar Zuschauer, und das Fernsehen wird sich auch interessieren. Die echten Davis-Cup-Spieler, die endlich mal aus Beckers Schatten treten wollten, waren nicht amüsiert. Stichs Aktion war also ein Bauchklatscher in den größten verfügbaren Fettnapf, und das ließen die Spieler ihn auch spüren. Kurz vor dem Spiel gegen Venezuela trat Stich zurück.

Das war eine gewaltige Blamage für Stich, der schon Jahre vorher sein Interesse am Davis-Cup-Job bekundet hatte. Ich denke, man liegt nicht ganz falsch mit der These, die DTB-Funktionäre hielten ihn für einen Klugscheißer.

Die Vorgeschichte von Michael Stich und dem Davis-Cup hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Vorgeschichte von ihm und dem Turnier am Rothenbaum. Auch hier wurde Stich schon vor Jahren als neuer Chef gehandelt, aber der DTB wollte ihn nicht.

Das war im Jahr 2002. Um das Rothenbaum-Turnier stand es damals schon fast so schlecht wie jetzt: Zu wenige Zuschauer, zu wenige Sponsoren, keine Fernseh-Livebilder, der Masters-Status in Gefahr, der DTB ratlos. Der einzige Unterschied zu 2008 ist, dass der Masters-Status nicht mehr in Gefahr ist, sondern verloren.

Ohne Michael Stich hat der DTB die Probleme mit dem größten Turnier in Deutschland nicht in den Griff bekommen. Höchste Zeit also, es mit Michael Stich zu probieren. Es wird klappen. Er wird den Job mit Sicherheit besser machen als damals den als Davis-Cup-Kapitän. Mit seinen 40 Jahren hat Stich nicht nur mehr Lebenserfahrung, sondern kommt auch nicht mehr so neunmalklug rüber wie als 34-Jähriger. Er wird nicht mehr mit denselben Vorbehalten zu kämpfen haben wie zu der Zeit, als für Stich zu sein immer auch irgendwie bedeutete, gegen Boris Becker zu sein. Außerdem ist Turnierdirektor was ganz anderes als Davis-Cup-Kapitän.

Zum Sponsoren-Einwerben ist Stich grandios. Dass er das kann, beweist er nicht nur auf Benefiz-Golfturnieren im Umland, sondern auch mit seiner Stiftung für aidskranke Kinder.

Stich hat nun eine Firma gegründet, die das Rothenbaum-Turnier unter der Lizenz des DTB ausrichtet. Auch wenn ich bereits bestehende oder zukünftige vertragliche Details nicht kenne, vermute ich, dass der DTB damit auch sein wirtschaftliches Risiko verringert.

Stich taugt als hanseatisches Aushängeschild für das Turnier. Als er 1993 das Turnier gewann, heulte er bei der Siegerehrung Rotz und Wasser. Er war gerührter als bei seinem Wimbledon-Sieg. Als Turnierdirektor wird er ganz schnell "Mister Rothenbaum" sein. In diese Rolle wäre der leicht schwäbelnde Charly Steeb in hundert Jahren nicht reingewachsen.

Noch ein Argument für Stich: Er ist nicht vom Rechtsstreit um den Masters-Status belastet, der der DTB mit der ATP noch immer führt. In dieser Sache stand Charly Steeb zwar nicht in vorderster Front, aber natürlich musste er stets beipflichten - auch vor Gericht - wenn DTB-Präsident Georg von Waldenfels darlegte, wie schlimm es wäre, wenn das Turnier seinen Masters-Status verlöre und zudem in den Sommerferien (20. bis 26. Juli 2009) stattfände.

Die Berufung läuft zwar noch, aber der DTB wird allerhöchstens eine Entschädigung rausholen können. Der Masters-Status ist weg, und jetzt muss irgendjemand dem Hamburger Publikum glaubhaft erklären, dass es sich trotzdem noch lohnt, Tickets für den Rothenbaum zu kaufen.

Genau damit hat Michael Stich nun angefangen. Zum Beispiel die Sache mit den Sommerferien: Prima, sagt er, da kann man günstige Wochentickets für Schüler anbieten. (99 Euro ist immer noch viel Geld, aber vielleicht öffnet Stich ja die Schlupflöcher im Zaun wieder, durch die er sich selbst als Schüler damals aufs Gelände schlich. Nur mal so ein Vorschlag.)

Den Nachteil, dass der DTB das Turnier ohne Masters-Status so schlecht geredet hat, dreht Stich nun sogar in einen Vorteil. Die Erwartungen an das Turnier in seiner neuen Form sind niedrig. Zwei Top-20-Spieler möchte Stich im nächsten Jahr nach Hamburg holen. Das halten jetzt wahrscheinlich viele für ein ambitioniertes Ziel. Dabei wird er dieses Ziel locker übertreffen. Über Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray braucht man nicht nachzudenken, die spielen im Juli - kurz vor den US Open - nicht mehr auf Sand.

Aber als Turnier der 500er-Serie gehört Hamburg immer noch in die höchste Kategorie unterhalb der Masters-Serie. Hier gibt es gut Punkte für die Rangliste. Die spanischen und argentinischen Sandplatz-Schaufler werden kommen, da muss man sich keine Sorgen machen. Für 2009 wird es eng im Rennen um die Stars, weil andere Turniere schon längst Verträge abgeschlossen haben. Aber sonst bleibt Hamburg sogar für Rafael Nadal interessant, der spielt gern auch noch nach Wimbledon auf seinem geliebten Sand, und ein größeres Sandplatzturnier als Hamburg gibt es im Sommer nicht.

1 Kommentar:

loreley hat gesagt…

Man kann Michael Stich nur viel Glück wünschen.

Eltern sind sicher froh, ihre Kinder eine Woche lang gut aufgehoben zu wissen, auch wenn mir 99 Euro zunächst etwas viel vorkam.

Andererseits wird für das Geld neben dem Tennis sicher einiges mehr geboten. Da dürften andere einwöchige Freizeitangebote teurer sein.

Sampras hielt Stich übrigens für den "most dangerous guy out there."

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de