Sonntag, 16. November 2008

Wenn Ricci Bitti zum Arzt geht: Wie verletzt ist Rafael Nadal ?

Francesco Ricci Bitti, der italienische ITF-Präsident mit dem lustigen Nachnamen, hat uns ja schon im August beschäftigt, als er Rainer Schüttler beschimpfte. Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Er sagte in Schanghai, Rafael Nadal habe ein "sehr ernstes Problem" gesundheitlicher Art. Wieso er über Nadals Gesundheitszustand so gut Bescheid weiß, verriet er auch: Er und Nadal haben denselben Doktor. Ricci Bitti selbst scheint also recht gesund zu sein, hat er doch Zeit, in der Sprechstunde mit Dr. Angel Ruiz Cotorro über die Krankenakten anderer Patienten zu plaudern.

Ricci Bittis Verlautbarung hat Spekulationen angeheizt, Nadal habe nicht bloß eine Sehnenentzündung im Knie, wegen der er den Masters-Cup und das Davis-Cup-Finale (am nächsten Wochenende, 21. bis 23. November, in Argentinien) absagen musste, sondern noch irgendeine andere schwerwiegendere Verletzung. Das Gerücht fällt auf fruchtbaren Boden. Fans und Fachleute fragen sich schon lange, wie lange Nadals Körper seine kraftraubende Spielweise wohl durchhalten wird. Dr. Ruiz Cotorro sah sich veranlasst, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Nadal nicht vor dem Ende seiner Karriere stehe. Drei bis sechs Wochen müsse er wohl pausieren, bis die Sehne im Knie wieder in Ordnung sei. Nadal wäre dann haarscharf zum Saisonstart in Australien wieder fit.

Ricci Bitti wollte mit seinem Geraune wohl vor allem die Bedeutung des Davis-Cups bekräftigen. Sein Welttennisverband ITF hat nämlich im Profitennis sonst nicht viel zu melden. Die großen Profiturniere verantworten bei den Herren die ATP und bei den Frauen die WTA. Alle vier Jahre zu den Olympischen Spielen hat die ITF ihren großen Aufritt - im Windschatten des IOC. Die Oberhoheit der ITF über die Grand-Slam-Turniere ist mehr formaler Natur. Ansonsten darf die ITF die kleinen Future-Turniere lenken (bei denen Halbprofis von hinter Platz 300 mühsam Ranglistenpunkte sammeln), sie richtet internationale Junioren- und Seniorenturniere aus - und eben den Davis-Cup.

Vor diesem Hintergrund lag dem ITF-Präsident daran zu betonen, dass Rafael Nadal sehr gerne Davis-Cup gespielt hätte, wenn es ihm denn möglich gewesen wäre. Die ITF muss schon seit vielen Jahren mit ansehen, wie immer wieder einige der besten Spieler auf den Davis-Cup verzichten. Roger Federer spielt seit langem höchstens einmal im Jahr für die Schweiz. (2009 könnte sich das ändern.) Ricci Bitti lag vermutlich daran, jeden Verdacht zu zerstreuen, dem neuen Weltranglistenersten sei der Davis-Cup nicht wichtig genug und er würde sich einfach nur eine etwas längere Saisonpause nehmen, um kleine Wehwehchen auszukurieren.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man auf diesen Verdacht möglicherweise tatsächlich kommen. Stichhaltig ist er aber nicht.
2006 und 2007 hatte Nadal den Davis-Cup komplett ausfallen lassen. 2005 trat er nur zum Abstiegsspiel gegen Italien an. Zur Stammbesetzung gehörte er nur 2004. Das war das letzte Mal, dass Spanien den Davis-Cup gewann - mit dem 18-jährigen Nadal als zweitem Mann hinter dem damaligen Star Carlos Moya. 2008 sollte das Jahr werden, in dem Nadal als Führungsspieler den Davis-Cup holt. Er ist in diesem Jahr zu allen Begegnungen brav angetreten, sogar zur ersten Runde in Peru, wo Spanien notfalls auch mit der vierten Geige noch hätte gewinnen können. Natürlich hätte er auch das Finale gespielt, wenn er gekonnt hätte. Daran zweifelte kaum jemand. Dazu hätte es des Geraunes von Francesco Ricci Bitti nicht bedurft.

Ohne Nadal sind nun die Argentinier mit Juan Martin del Potro und David Nalbandian die haushohen Favoriten. Mitten im Sommer spielen sie in einer Halle in Mar del Plata, weil Nalbandian immer dann Weltklasse spielt, wenn Wind und Sonne ihn nicht ablenken. Spaniens Nummer 2, David Ferrer, ist seit Monaten außer Form. Hinter ihm kommen Fernando Verdasco und Feliciano Lopez. Das sind zwar keine Schlechten, sie rangieren aber eine halbe Klasse unter den beiden Argentiniern.

Wird Rafael Nadal 2009 noch einmal versuchen, den Davis-Cup zu gewinnen? Das wird davon abhängen, wie viel er seinem Körper zumuten will. Spanien trifft gleich in der ersten Runde auf Serbien. (Hier geht's zu einer Verschwörungstheorie.) Der frisch gebackenen Masters-Cup-Gewinner Novak Djokovic wird Nadal schon bei den Individualturnieren mächtig fordern... Als 2007 Spanien und die Schweiz in der ersten Runde aufeinander trafen, sagten Nadal und Federer beide kurzfristig ab. Dass Nadal und Djokovic es ähnlich halten werden, ist nicht vollkommen ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Djokovic ist in Serbien ein Nationalheld, und ein solcher hat gelegentlich eingeschränkte Handlungsoptionen.

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