Sonntag, 9. November 2008

Was um alles in der Welt macht Nicolas Kiefer in Schanghai?


Die ATP scheint Deutschland als Markt noch nicht ganz aufgegeben zu haben: Am Checkpoint Charlie in Berlin wurden in dieser Woche Riesenbilder der Masters-Cup-Teilnehmer an Hausfassaden projiziert. Nicolas Kiefer war nicht dabei. (Foto: ATP)


Am Freitagabend las ich im Videotext eine Meldung, die ich einfach nicht verstand: "Nicolas Kiefer als Nachrücker zum Masters Cup". Der Masters-Cup in Schanghai ist das Saisonfinale der besten acht Tennisspieler des Jahres. In der einschlägigen Rangliste, dem "Race to Shanghai", belegt Kiefer Platz 35. Rafael Nadal hat abgesagt, weil er verletzt ist und sich lieber fürs Davis-Cup-Finale in zwei Wochen schont. Bleiben 26 weitere Spieler, die vor Nicolas Kiefer dran wären, den Ersatzmann in Schanghai zu geben.

Aber die Videotext-Meldung entsprach der Wahrheit. Kiefer selber bestätigte am Freitag: "Gestern erhielt ich einen Anruf der ATP, die mich als Ersatzspieler zur Weltmeisterschaft nach Shanghai beorderte, nachdem viele andere vor mir in der Weltrangliste platzierte Spieler abgesagt hatten."

Dass die ATP Kiefer "beorderte", ist wohl etwas übertrieben. Mehr als zwei Dutzend andere Spieler haben sich dieser Order schließlich entziehen können. Das gilt übrigens auch für Philipp Kohlschreiber und Rainer Schüttler, die im ATP-Race beide knapp vor Kiefer rangieren.

Ein einziger anderer Profi hatte sich bereitgefunden, die Ersatzmann-Rolle zu übernehmen: Radek Stepanek (Tschechien), die Nummer 26, ist nun Ersatzmann Nummer 1, Kiefer ist Ersatzmann Nummer 2.

Da ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Kiefer in Schanghai tatsächlich ein Match bestreiten wird. Und sebst wenn er doch drankommen sollte, würde er wahrscheinlich selbst bei einem Sieg in der Vorrunde ausscheiden: Vor den Halbfinals wird in zwei Vierergruppen gespielt. Um weiterzukommen, muss man in der Regel zwei Matches gewinnen. Wer als Ersatzmann erst am dritten Spieltag einspringt, hat also praktisch keine Chance.

Insofern scheint es plausibel, dass viele andere Spieler sich den Trip nach China sparen. Die Saison ist vorbei, der lang ersehnte Urlaub hat längst begonnen. Und Schanghai ist für alle 25 in Frage kommenden Spieler weit weg. Für 50.000 Dollar Prämie und einen Gratis-Logenplatz beim Master-Cup würde ich persönlich ja sofort alles stehen und liegen lassen. Die Profis, die in diesem Jahr schon zwischen einer halben und einer ganzen Million Dollar Preisgeld gesammelt haben und dabei außerdem schon ein, zwei Mal nach China mussten, ist die Situation freilich eine andere. Über den sportlichen Stellenwert des Masters-Cups kann man sich zudem streiten. An die Grand-Slam-Turniere reicht er nicht heran.

Seltsam bleibt es trotzdem: Bisher hatte die ATP nie Probleme, Ersatzleute für den Masters Cup zu finden. Üblicherweise sind die Spieler, die die Qualifikation knapp verpasst hatten, brav angetanzt. Es waren zumindest immer Leute aus den Top 20. Auch in den letzten Jahren, als man bereits im fernen Schanghai spielte. Ab dem nächsten Jahr wird der Masters-Cup wieder in Europa ausgetragen (in London). Da werden wohl wieder mehr Spieler Lust haben, mal vorbeizuschauen.

Kiefer wurde erst drei Tage vor Beginn der Veranstaltung angerufen. Ich vermute mal, normalerweise beginnt die Suche nach Ersatzleuten früher. Vermutlich gab es also längst einen anderen, höher platzierten Ersatzmann, der es sich kurzfristig anders überlegte. (Die ATP informiert auf der Masters-Cup-Internetseite nirgends über die Ersatzleute.)

Wieso nun hatte ausgerechnet Nicolas Kiefer mehr Lust auf den Ausflug nach Schanghai als die meisten seiner Kollegen? Zwei Gründe fallen mir da ein:

1.) Er hat er in diesem Jahr nicht mehr so viele Turniere wie früher gespielt und mehrmals zu Hause in Hannover ein paar Wochen Pause eingelegt. Da ist die Aussicht, zum Saisonende noch mal um die halbe Welt zu fliegen nicht ganz so abschreckend wie für andere.

2.) Er verbindet vermutlich sehr schöne Erinnerungen mit dem Masters Cup. Ein einziges Mal qualifizierte er sich. Das war 1999. Austragungsort war seine Heimatstadt Hannover, und er kam auf Anhieb ins Halbfinale.

Drittens scheint eine Rolle zu spielen, zu Kiefer ein großer Fußballfan ist. Er erinnerte sich an die Dänen, die 1992 ihren Urlaub abbrachen, als Ersatzmannschaft für das sich auflösende Jugoslawien zur EM fuhren und prompt den Titel holten. Diese "irrwitzige Story", meint er, könne sich ja vielleich wiederholen, auch wenn "die Chance sicherlich eher gering" sei.

Als fußballerische Schlusspointe hatte ich geplant zu behaupten, dass Kiwi sicher nicht nach Schanghai geflogen wäre, wenn sein geliebtes Hannover 96 am kommenden Wochenende ein Heimspiel gehabt hätte. Diese Pointe scheitert aber an den Fakten: Hannover spielt am Freitag zu Hause gegen den VfL Bochum.

Kommentare:

Kirsten hat gesagt…

noch ein Grund spricht für die Reise. Sollte Kiwi die Chance auf ein einziges Match bekommen und das gewinnen, bekäme er 100 Rankingpunkte und das könnte wahrscheinlich grade so eben für die Setzliste bei den Australian Open reichen ;-)

Kalusi hat gesagt…

"Wer als Ersatzmann erst am dritten Spieltag einspringt, hat also praktisch keine Chance."


Sicher? Bei den Damen hätte Nadja Petrova mit einem Sieg ins Halbfinale einziehen können, weil sie die Bilanz von Serena übernommen hat. Hab' das irgendwo gelesen, also ohne Gewähr. Und wenn's bei den Damen so ist, dürften die Herren da ähnlich verfahren.

zack hat gesagt…

@kalusi: Ich muss gestehen, nicht eigens ins Regelbuch geguckt zu haben. Ich weiß bloß, wie es bei der ATP bisher lief: Das letzte Mal, dass ein Ersatzmann bei den Herren einsprang, war 2005: Fernando Gonzalez für Andre Agassi. Gonzalez wurde mit 1:1 Spielen Gruppendritter, Agassi mit 0:1 Spielen Fünfter. (In dem Fall wäre Gonzo allerdings auch ausgeschieden, wenn er die eine Niederlage von Agassi übernommen hätte.) 2002 ersetzte Thomas Johansson Andre Agassi. Da war die Situation ähnlich.

Edit: So, jetzt hab ich ins Regelbuch geguckt. Da steht nichts davon, dass der Alternate irgendwelche Ergebnisse vom Spieler, den er ersetzt übernimmt. Es gibt sogar einen Absatz, aus dem ich im Umkehrschluss folgere, dass dies nicht vorgesehen ist. Da geht es darum, was passiert, wenn mehrere Spieler gleich viele Siege haben. Dann kommt nämlich der weiter, der mehr Matches bestritten hat:

The final standings of each group shall be determined by the first of the following
methods that apply:
a) Greatest number of wins;
b) Greatest number of matches played;
c) Head-to-head results if only two (2) players are tied, or if three (3) players are tied,
then:
i) If three (3) players each have one win, a player having played less than all three
(3) matches is automatically eliminated and the player advancing to the Single
Elimination competition is the winner of thematch-up of the two (2) players tied
with 1-2 records; or...

Anonym hat gesagt…

Nirgends ist man vor ihnen sicher: Jetzt bedient sich Zack der juristischer Methodenlehre.

chromberg5000 hat gesagt…

Ach so: Ich würde aber ohne dem jetzt all zu sehr auf den Grund gehen zu wollen, als einen Erst-Recht-Schluss bezeichnen, den Zack da gezogen hat. Also: Wenn schon die Anzahl der gespielten Spiele entscheidet, dann kann es erst-recht nicht zu einer Punkteübernahme durch den Nachrücker kommen. Ein Argumentum a maiore ad minus halt.

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de