Sonntag, 5. Oktober 2008

Wer schafft es nach Schanghai?

Soll niemand behaupten, so ein Blog, das sei kein Wunschkonzert. Der Leser thedesertsun fragte in dieser Woche, ob man sich auch Themen wünschen könne: "Wenn ja, fände ich es echt interessant, wenn du am kommenden Sonntag mal die Chancen der Kandidaten für die letzten Shanghai-Plätze bewertest."

Also behandeln wir heute mal die Frage, wer die Teilnehmer des Masters-Cups (9. bis 16. November) sein werden, des Jahresabschlussturniers der besten Spieler der Saison.

Vier Turnierwochen sind bis dahin noch zu absolvieren - einschließlich der beiden Masters-Turniere von Madrid (13. bis 19. Oktober) und Paris (27. Oktober bis 2. November). Da werden noch jede Menge Punkte für das Rennen nach Schanghai vergeben: Jeweils 100 für die Sieger der beiden Masters, bis zu 50 für die Sieger der anderen Turniere. Wer vier Turniere gewinnt, bekommt also 300 Punkte. Der gegenwärtige Achte der Schanghai-Rangliste, James Blake (USA), hat 308 Punkte. Theoretisch kann also jeder Hans und Franz noch James Blake überholen. Wir wollen uns aber an dieser Stelle auf diejenigen Tennisspieler beschränken, die das auch praktisch noch schaffen können.

Dies ist der Stand von diesem Montag (6. Oktober):
1. Rafael Nadal (Spanien) 1265
2. Roger Federer (Schweiz) 921

3. Novak Djokovic (Serbien) 899
4. Andy Murray (Großbritannien) 520
5. Nikolai Dawidenko (Russland) 417
6. Andy Roddick (USA) 354 (22/24)
7. David Ferrer (Spanien) 337 (15/15)
8. James Blake (USA) 309 (15/20)
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9. Juan Martin del Potro (Argentinien) 307 (8/15)
10. Stanislas Wawrinka (Schweiz) 286 (3/5)

11. Fernando Gonzalez (Chile) 279 (8/12)
12. Gilles Simon (Frankreich) 261(10/27)
13. Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich) 255 (0/0)
14. Fernando Verdasco (Spanien) 253 (8/15)
15. Nicolas Almagro (Spanien) 253 (8/15)
...
19. Tomas Berdych (Tschechien) 221 (8/10)
27. David Nalbandian (Argentinien) 195 (5/10)

(Hier die komplette Rangliste)

Gewertet werden die Ergebnisse der vier Grand-Slam-Turniere, die neun Masters-Turniere und die fünf besten übrigen Ergebnisse. Die beiden Zahlen in Klammern geben von diesen übrigen Ergebnissen das viert- und fünftbeste Resultat an. Wenn also zum Beispiel Fernando Verdasco in Wien und St. Petersburg jeweils ins Finale käme (jeweils 35 Punkte), erhielte er dafür 70 Punkte, gleichzeitig verfielen aber 23 (8+15). Macht netto 47.

Das Rennen nach Schanghai funktioniert also fast genau so wie die Weltrangliste. Fünf Weltranglistenpunkten entspricht ein Punkt im Rennen nach Schanghai. Es beginnt im Januar bei Null, während für die Weltrangliste die Ergebnisse der gesamten vergangenen 52 Wochen zählen. Am Ende des Jahres stimmen beide Ranglisten also überein. (Dass beim Rennen nur die größeren Turniere ab 325.000 Euro Preisgeld zählen, ist egal, weil von den ersten Acht normalerweise sowieso keiner auf den kleinen Challengern spielt.)

Vier Spieler sind schon uneinholbar unter den ersten acht: Rafael Nadal, Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray. Auch um Nikolai Dawidenko braucht man sich wohl keine Sorgen mehr zu machen.

Beginnen wir also bei Platz 6:

Andy Roddick
(Nr.6) könnte, wenn es ganz arg kommt, wohl noch von drei Leuten überholt werden. Dazu müssten aber nicht nur die Leute hinter ihm überragend spielen, er selber müsste zudem immer verlieren. Danach sieht es aber nicht aus. Er ist ganz gut in Form, hat vor einer Woche das Turnier in Peking gewonnen und war diese Woche in Tokio im Halbfinale.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent

David Ferrer (Nr. 7) hat fast ebenso viele Punkte auf dem Konto wie Roddick. Aber seine zweite Saisonhälfte war dürftig. Und er hat außer für die beiden Masters für kein Turnier mehr gemeldet. Er kann also nur zugucken, wie seine Verfolger in Wien oder Basel punkten. Ferrer braucht mindestens ein Viertelfinale in Madrid oder Paris. So, wie er derzeit drauf ist, klappt das nicht.
Turniere: Madrid, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent

James Blake
(Nr. 8) ist das große Fragezeichen. Er hat seit den US Open nicht mehr gespielt. Man weiß nicht genau, was mit ihm los ist. Den Davis-Cup sagte er wegen "mentaler Erschöpfung" ab. Eigentlich hätte er ab morgen in Wien antreten sollen. Aber auch da hat er kurzfristig abgesagt. Wenn er bloß seine Kräfte schont, um in den letzten Turnierwochen noch mal durchzustarten, hat er beste Chancen auf Schanghai. Andernfalls sieht es düster aus.
Turniere: Madrid, Basel, Paris (?)
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: keine Ahnung. Je nach Verfassung zwischen 0 und 60 Prozent


Juan Martin del Potro (Nr. 9), das Wunderkind der zwei Saisonhälfte. Im Juli kam er als 19-jährige Nr. 65 zum Stuttgarter Weißenhof und gewann das Turnier - und die Turniere von Kitzbühel, Los Angeles und Washington gleich hinterher. Seither hat er nur noch zwei Matches verloren: Vor vier Wochen das Viertelfinale der US Open und heute das Finale von Tokio. Der Junge ist nicht zu stoppen.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 75 Prozent

Stanislas Wawrinka (Nr. 10) hat sich im Frühjahr in die Top 10 gespielt. Seither liefert er solide Ergebnisse ab, ohne das was Herausragendes dabei gewesen wäre (außer der olympischen Goldmedaille im Doppel, aber ums Doppel geht es hier ja nicht). Sein Vorteil: In Basel hat er ein Heimspiel.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent

Fernando Gonzalez (Nr. 11) gewann bei den Olympischen Spielen Silber; ansonsten hat er seit Mai nicht mehr viel gerissen. Aber Gonzalez ist seit Jahren vorn dabei, den muss man immer auf dem Zettel haben.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Gilles Simon (Nr. 12) gewinnt immer nur, weil seine Gegner gegen ihn so schlecht spielen. An dieser These halte ich eisern fest, denn immer dann, wenn ich ihn live gesehen habe, war das so. Unter den ersten acht kann ich mir Gilles Simon beim besten Willen nicht vorstellen. Andererseits: Bei französischen Hallenturnieren spielen seine Gegner immer besonders unterirdisch. Und es kommen ja noch Lyon und Paris.
Turniere: Wien, Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 13): Lang ist's her: Im Januar stürmte er als Nr. 38 der Welt ins Endspiel der Australian Open. So ein Grand-Slam-Finale (140 Punkte) ist fast die halbe Miete für den Masters-Cup. Wäre Tsonga nicht von Mai bis August verletzt gewesen, hätte er die Qualifikation wohl schon so gut wie sicher. Vor einer Woche schlug er Novak Djokovic im Finale von Bangkok. Stark genug ist Tsonga also. Aber in Tokio musste er mit einer Leistenverletzung die Segel streichen. Seinen Start in Moskau hat er abgesagt. Ob er in Madrid wieder spielen kann, weiß er noch nicht. Um noch nach Schanghai zu kommen, braucht er ein kleines Wunder. Aber Tsonga ist ein einer von denen, die Wunder können.
Turniere: Madrid (?), Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 10 Prozent. Falls er in Madrid antritt, steigen seine Chancen.

Fernando Verdasco (Nr. 14) ist mit Tsonga fast gleichauf und außerdem unverletzt. Da gehört er auf jeden Fall auch noch zum Kandidatenkreis für Schanghai. Spaniern hängt ja der Ruf nach, sie könnten nicht in der Halle, sie könnten nur auf Sand. Für Verdasco gilt das nicht. Bei günstiger Auslosung steht der in Madrid ruck, zuck im Halbfinale (45 Punkte). Anschließend spielt er das schwach besetzte Turnier in St.Petersburg. Da zählt er zu den Favoriten auf die 50 Punkte für den Titel.
Turniere: Wien, Madrid, St.Petersburg, Paris
S
changhai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Nicolas Almagro (Nr. 15) ist punktgleich mit Verdasco, im Gegensatz zu diesem aber wirklich ein Sandkastenspieler. Den können wir vergessen.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 0,5 Prozent

Dann gibt's noch zwei Kandidaten auf den hinteren Rängen, die für eine Überraschung gut sein können:

Tomas Berdych
(Nr. 19) hatte bis vor kurzem eine für seine Verhältnisse enttäuschende Saison. Aber im Finale von Tokio hat er heute den nahezu unschlagbaren Juan Martin del Potro geschlagen. Ich trau ihm noch mehr Turniersiege zu. Vielleicht sogar in Paris - wie vor drei Jahren.
Turniere: Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 3 Prozent

David Nalbandian (Nr. 27) ist deswegen auf dieser Liste, weil er vor genau einem Jahr auch ungefähr auf Platz 27 stand und das Ticket für Schanghai dennoch nur hauchdünn verfehte: Er gewann Madrid und Paris und war plötzlich Neunter.
Turniere: Stockholm, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 2,5 Prozent

So. Wer das jetzt alles bis zum Schluss durchgelesen hat, darf sich auch ein Thema wünschen. Und wer erkennt, wer der Spieler ist, der seit gestern durch den Titelkopf meines Blogs hüpft, darf sich sogar zwei Themen wünschen.

Kommentare:

Jelena hat gesagt…

"Dass für das Rennen nach Schanghai nur die Turniere ab 325000 € zählen, macht nichts, weil von den ersten acht normalerweise sowieso keiner bei Challengers spielt."

Na klar spielt keiner von denen Challenger-Turniere. Die Nummern 1-10 im Entry Ranking DÜRFEN laut den ATP-Regeln gar keine Challengers spielen. Die Nummern 11-50 nur, wenn sie eine Wildcard bekommen, und erst ab Nummer 51 darfst du unbeschränkt Challenger spielen.

zack hat gesagt…

Klar, aber es gibt ja Spieler, die erst im Laufe des Jahres nach da oben kommen. Canas war mal so ein Fall nach seiner Dopingsperre. Der hatte zu Jahresanfang ein paar Challengers gespielt und stand Ende des Jahres in der Weltrangliste näher an den Top 8 als im Race.

Jelena hat gesagt…

Ja, aber er konnte die Challengers nur spielen, weil er so weit unten bzw gar nicht im ER gelistet war.

Übrigens, der Spieler da oben sieht aus wie Ferrer.

zack hat gesagt…

Ferrer ist verkehrt ;)

Kalusi hat gesagt…

Ich würde auf Sebastien Grosjean oder Benjamin Becker tippen ;)

zack hat gesagt…

Auch nicht. Mal ein kleiner Tipp: Das Bild hab ich in Hamburg gemacht, und es ist ein amtierender Grand-Slam-Titelträger.

Kalusi hat gesagt…

Die sehen aber alle nicht so aus wie die 3 amtierenden Titelträger ;) Auflööööösung bitte :D

zack hat gesagt…

Die sehen nicht aus wie die Herreneinzel-Titelträger ;)

Kalusi hat gesagt…

Die Simon-Wahrscheinlichkeit dürfte jetzt doch bei mindestens 50 Prozent sein ;) Aber ich geb's zu, hatte ihn auch nicht auf der Rechnung in Madrid.

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