Sonntag, 12. Oktober 2008

Philipp Petzschner: Kein One-Hit-Wonder

"Der soll erst mal aufhören zu rauchen und sich professionell verhalten, mehr als 20 Minuten Training wären auch nicht schlecht."

Dieses Zitat handelt von Philipp Petzschner. Ein "Mike aus Oberhaching" hat es vor zweieinhalb Jahren ins Gästebuch von Alexander Waske geschrieben. Es spricht einiges dafür, dass sich hinter "Mike aus Oberhaching" eine wichtige Figur des deutschen Tennis verbirgt; auf jeden Fall ist die Aussage repräsentativ für das, was man in der Szene seinerzeit von Philipp Petzschner dachte. Das war kurz vor dessen 22. Geburtstag, und er war die Nummer 370 auf der Weltrangliste.

Heute hat Philipp Petzschner das ATP-Turnier von Wien gewonnen, als Qualifikant. 6:4, 6:4 im Endspiel gegen den French-Open-Halbfinalisten Gael Monfils. Montag verbessert sich Petzschner von Platz 125 auf Platz 72. Wenn er jüngst mal nur 20 Minuten trainiert haben sollte, wäre das im Sinne der Regeneration vielleicht nicht schlecht gewesen. Denn Philipp Petzschner hat in den letzten zehn Tagen ein Mammutprogramm absoliviert. Seit dem vorigen Sonnabend hat er nicht nur sieben Einzelmatches gewonnen, sondern ist mit seinem österreichischen Partner Alexander Peya auch ins Doppel-Finale eingezogen. Einen Tag, bevor er zur Qualifikation in Wien antrat, spielte Petzschner noch Doppel-Viertelfinale in Tokio. Der Flieger aus Japan mit ihm an Bord landete drei Stunden vor seinem ersten Match. Zeit für eine Zigarette dürfte da nicht geblieben sein.

Wer unter diesen Voraussetzungen ein ATP-Turnier gewinnt, der ist topfit. Und Wien ist nicht irgendein Pillepalleturnier. Hier waren sechs Top-20-Spieler am Start. Es gibt ja manchmal Zufallsturniersieger, One-Hit-Wonder, von denen man nach einem Jahr, in denen sie sich reihenweise Erstrundenniederlagen abholen, nie wieder was hört. Wenn ein 24-jähriger Weltranglistenhunderfünfundzwanzigster plötzlich einen Titel holt, ist die One-Hit-Wonder-Wahrscheinlichkeit gemeinhin relativ hoch. Bei Philipp Petzschner ist das anders. Ich behaupte nicht, dass er ab sofort reihenweise Turniere gewinnt, aber er wird sich nun schnell unter den ersten 50 der Welt etablieren und in den nächsten Jahren einer der besten deutschen Tennisprofis sein.

Das hat sich schon länger abgezeichnet. "Es ist, glaub ich, unbestritten, dass der Petzschner mit am meisten Talent von allen hat", schrieb der eingangs zitierte Mike aus Oberhaching (dort ist ein bedeutendes Trainingszentrum, in dem Leute, die Michael heißen, arbeiten) schon damals, als Petzschner noch rauchte und Party machte.

Sein Talent blitzte immer wieder auf. Als 19-Jähriger erreichte er zum ersten Mal das Viertelfinale eines ATP-Turniers (2003 in Metz). Bis zum zweiten Viertelfinale dauerte es fünf Jahre (vor zwei Wochen in Bangkok). 2004 wurde er Deutscher Meister und der Deutsche Tennisbund (DTB) musste ihm zähneknirschend eine Wild Card für den Hamburger Rothenbaum geben, denn die war dem Gewinner der Deutschen Meisterschaft versprochen. In Hamburg 2005 wäre er dann sogar fast noch in die zweite Runde eingezogen. Gegen den auf Sand stets unbeholfen spielenden Greg Rusedski gewann er einen Satz.

Wenn der DTB nicht musste, gab er Petzschner keine Wild Cards. Die gingen - und das ist ja auch nachvollziehbar - lieber an Leute, die für ihren Erfolg hart arbeiten. Nicht einmal als Doppelspieler war er wohlgelitten. Dabei sorgte er in dieser Disziplin gemeinsam mit seinem Kumpel Christopher Kas 2005/06 international für Furore. Sie besiegten unter anderem die Weltklasseduos Erlich/Ram (Israel) und Knowles/Nestor (Bahamas/Kanada). In dem Jahr kletterte Petzschner in der Doppel-Rangliste bis auf Platz 62. Beim Doppel muss man nicht so weit laufen, was praktisch ist für Leute mit wunderbarem Ballgefühl, aber wenig Puste. In den einschlägigen Fanforen wurde spekuliert, was er wohl alles erreichen könnte, wenn er mal mit einem richtigen Doppelspezialisten spielen würde anstatt immer nur mit seinem Kas. (Tja, da unterschätzte man Kas, der es später ohne Petzschner unter die ersten 30 der Welt brachte, aber das ist ein anderes Thema.)

Nach einer relativ kurzen Verletzungspause verlor Petzschner den Anschluss im Doppel und musste zurück auf drittklassige Future-Turniere. Dann muss er irgendwann mit dem Rauchen aufgehört haben. Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen hat das schnell registriert und ihn schon im Herbst 2007 fürs Halbfinale gegen Russland nominiert, zu einer Zeit, als die messbaren Ergebnisse von Petzschners neuem Lebenswandel noch ganz unscheinbar waren. Das Doppel gegen Russland gewann er zusammen mit Alexander Waske. Als sich Waske verletzte und Tommy Haas krank wurde, musste er sogar im Einzel einspringen. Als damalige Nummer 206 verlor er nur knapp gegen die Nummer 17 Michail Juschni. 2008 gehört Petzschner fest zum Davis-Cup-Team.

Nach dem Davis-Cup-Einsatz gegen Russland sprach er gelassen darüber, dass ein Lebenswandel nicht immer der eines Berufssportlers war. "Ich war aber nicht mehr im Nachtleben unterwegs als jeder halbwegs normale Student." Da tut sich eine geradezu sportethische Frage auf: Darf man es einem jungen Menschen zum Vorwurf machen, dass er leben möchte wie alle anderen Leute auch? Dass er keine Lust hat sich zu schinden, früh schlafen zu gehen, nüchtern zu bleiben? Oder sollte es nicht jedem Menschen selbst überlassen bleiben, ob er aus seinem großen Talent mit großen Anstrengungen etwas Großes macht oder nicht? Es ist ja weißgott nicht so, dass Philipp Petzschner auf die schiefe Bahn geraten wäre wie Maximilian Abel.

Andere Profis haben mit 24 keine Lust mehr auf Tennis, weil sie seit zehn Jahren von morgens bis abends nichts gesehen haben außer Tennisplätzen, Tennisschlägern, Tennisbällen. Petzschners Karriere geht jetzt erst richtig los, und ihm macht sein Beruf richtig Spaß.

Hier das ATP-Profil von Philipp Petzschner

Und hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

1 Kommentar:

JMG hat gesagt…

Die Frage ist ja nach wie vor offen, welche Ergebnisse Petzschner mit einem stärkeren Partner erzielen würde. Es kann doch nicht das Ziel eines Doppelspielers sein, mit jemandem zu spielen, der dann zumindest in 3 von 4 matches der schlechtere Mann auf dem Platz ist. Genau dies ist aber nach meiner Einschätzung der Fall, wenn Petzschner mit Kas oder Peya spielt. Mit diesen beiden Partnern hätte er zwar durchaus eine ordentliche Chance, sich für den Masters Cup zu qualifizieren, aber für einen großen Turniersieg müsste schon alles perfekt laufen.

Mit einem Doppelpartner aus der Weltspitze wie z.B. Llodra würde Petzschner sicherlich regelmäßig zu den Favoriten bei den Grand Slam Turnieren gehören.

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de