Sonntag, 19. Oktober 2008

Das langsame Karriereende von Tommy Haas

Morgen beginnt das ATP-Turnier von Basel (ausnahmsweise mal eines mit Livebildern auf Eurosport). Angeblich spielt Tommy Haas dort in der ersten Runde gegen Oscar Hernandez aus Spanien (hier das Tableau). So genau weiß man das aber nicht, wie man überhaupt wenig darüber weiß, was Tommy Haas im Moment tut und was er vorhat. Ich behaupte mal forsch: Den Platz von Tommy Haas in Basel wird ein Lucky Loser einnehmen.

Seit Anfang September, seit seiner Zweitrundenniederlage bei den US Open, hatte er nichts von sich hören lassen. Und was er damals von sich hören ließ, war dies: Der Gedanke ans Karriereende bereite ihm "ein komisches Gefühl", aber man müsse "der Realität ins Auge schauen".

An diesem Freitag dann tauchte ein längeres Statement auf Haas' Internetseite auf. Zwischen den Zeilen erklärt er darin seinen Abschied als Vollzeit-Profi. Mindestens bis Mitte Januar will er pausieren. Und dann: "Wirklich freuen würde ich mich natürlich, 2009 auch wieder bei einem der Grand-Slam-Turniere dabei sein zu können. Aber auch dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne und gehört sicher nicht zu den primären." Zu Spekulationen, er wolle ganz aufhören, sagt er: "Momentan sehe ich keinen Anlass für eine solche Überlegung. Ich fühle mich gut und möchte noch einmal zurück auf die ATP-Tour kommen."

Ein knallhartes Dementi ist das nicht. Tommy Haas plant nicht mehr, Woche für Woche von Turnier zu Turnier zu reisen, wie es Tennisprofis tun. Das scheint mir eindeutig. Hin und wieder in kleines Turnier. Vielleicht ein Grand-Slam-Turnier, vielleicht auch nicht.

Haas ist 30. Das ist kein Alter, in dem man zwingend ans Aufhören denken muss. Aber seit Jahren hat er Probleme mit seiner Schulter. 2003/2004 hatte er über ein Jahr lang pausieren müssen, und danach scheint die Schulter nie wieder dauerhaft gehalten zu haben. Mittlerweile sind auch Ellenbogen und Handgelenk angeschlagen.

Auch wegen seiner Verletzungen war Haas schon in diesem Jahr auf dem Weg zum Teilzeit-Profi. Er hat nur zwei der vier Grand Slams gespielt (Wimbledon und US Open) und vier der bisher acht Masters-Turniere. In Indian Wells schlug er unter anderem Andy Murray und Andy Roddick und kam ins Viertelfinale (zum dem er allerdings nicht antrat). Nur wenige gute Ergebnisse - das macht sich natürlich auch auf der Weltrangliste bemerkbar. Er ist auf Platz 69 zurückgefallen. So weit hinten stand er - wenn man vom Verletzungsjahr 2003 absieht - zuletzt 1997. Beim Masters-Turnier von Paris, das in einer Woche beginnt, ist er zum ersten Mal nicht mehr direkt fürs Hauptfeld qualifiziert. Für die 128-Spieler-Felder der Grand-Slam-Turniere reicht es natürlich noch. Aber wenn im März die Punkte vom Viertelfinale in Indian Wells verfallen, kann auch das ganz schnell vorbei sein.

Dass Haas offen lässt, ob er in Zukunft Grand-Slam-Turniere spielen wird, hat wohl mit der besonderen Belastung zu tun, die Matches über drei Gewinnsätze mit sich bringen. Es wird aber auch daran liegen, dass er nicht davon ausgehen kann, überhaupt fürs Hauptfeld qualifiziert zu sein. Bei kleineren Turnieren sieht die Sache anders aus. Da wird er sicherlich immer wieder mal eine Wild Card kriegen können, insbesondere in den USA, wo er fast populärer ist als in Deutschland.

(Ein Zeitlang könnte er sich noch mit dem "Protected Ranking" (PR) über Wasser halten, der Regel, nach der Spieler nach einer mindestens sechsmonatigen Verletzungspause acht Turniere mit ihrer alten Ranglistenposition bestreiten dürfen. Sollte Haas allen Ernstes nächste Woche in Basel antreten, müsste er freilich bis Ende März warten, um seine sechs Monate Pause fürs PR vollzukriegen. Das Basler Pressebüro konnte oder wollte mir nicht sagen, ob Haas schon in der Stadt gesehen wurde und ob man überhaupt mit seinem Erscheinen rechnet.)

Aber spielt Haas wenigstens noch im Davis-Cup? Mitte des Jahres hatte er gegenüber Kapitän Patrik Kühnen seine Bereitschaft signalisiert. Solange aber Philipp Kohlschreiber, Philipp Petzschner, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler solide Leistungen bringen, sehe ich Haas gar nicht zwingend in der Mannschaft. Und wir wollen ja nicht enden wie so viele Fußball-Nationalmannschaften, deren Trainer sich nicht trauen, ihren alternden Star auf die Bank zu setzen.

Zum Abschluss hab ich auf meinem Notizzettel ein paar Stichpunkte zum Gesamtfazit von Tommy Haas' Karriere. Hat er mehr erreicht als er erwarten konnte? Immerhin war er mal Weltranglistenzweiter? Oder ist er unter seinen Möglichkeiten geblieben? Er hat schließlich nie ein Grand-Slam-Titel gewonnen, ja nicht einmal ein Finale erreicht. Aber das Thema bewahre ich mir auf für den Tag, an dem er seine Karriere tatsächlich beendet (sofern es meinen Blog dann noch gibt...)

Kommentare:

loreley hat gesagt…

Es sieht eher danach aus, als ob er vergessen hat, Basel abzusagen, denn auf seiner Homepage steht: Zur Zeit liegen keine Termine vor.

Haas hatte eine sehr ordentliche Karriere, auch wenn die ganz grossen Titel fehlen. Er war auch nicht wenig vom Pech verfolgt, als ob ihn das Schicksal für sein Talent und sein gutes Aussehen strafen wollte.

Sein Tennis ist für mich, neben dem von Federer, das Sehenswerteste. Ich bewundere auch die Energie mit der er an seinen Comebacks gearbeitet hat. Einmal kam er sogar zurück in die Top-10. Ich bin auch gespannt, ob wir ihn noch einmal zu sehen bekommen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Anonym hat gesagt…

Über Tommy Haas könnte man eine Doktor-Arbeit verfassen. Nicht über sein Aussehen. Über das kann man nur streiten. Aber über den Anti Amerikanismus, der ihm in Deutschland seit Beginn seiner Karriere entgegen stand. Der ist bemerkenswert, weil er ja schon vor Bush mit Erfolg gegen die kleine Filzkugel schlug. Durch sein Leben in den Staaten und dem dortigen Erfolgsdrill hat der Deutsche ihm nie so Recht Erfolg gewünscht. Ihm nie so Recht gut gefunden.

loreley hat gesagt…

Mir ist kein Antiamerikanismus aufgefallen. Aber sehr wohl der grosse Schatten von Boris Becker. Zumindest in den Anfangsjahren.

Kaum ein Interview mit Haas oder Kiefer, ohne dass dieser Name ins Spiel gebracht wurde. Das war sicher kontraproduktiv. Haas und auch Kiefer waren zunächst nicht abgeklärt genug, damit umzugehen. Das hat sicher ihre Entwicklung etwas behindert.

Wenn mir schon kein Antiamerikanismus aufgefallen ist, dann sicher ein typisch deutscher Selbsthass. Der sich auch dadurch ausdrückt, dass deutschem Spielern, oft mit Häme begegnet wird. Ausser sie heissen Boris Becker.

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