Sonntag, 21. September 2008

Bewerbungsräusperer für den ATP-Chefposten

Wer sich beruflich neu orientieren möchte, sollte sich von diesem Link nicht abschrecken lassen.

Was da steht, ist glatt gelogen, und viele Leute wissen das. Von überall auf der Welt erreichen die Dachorganisation des Herrentennis-Zirkus in diesen Wochen Bewerbungschreiben, Bewerbungsinterviews, Bewerbungsräusperer. Ehemalige Profis und auch der Vater eines früheren Weltranglistenersten sind unter den Interessenten.

Es geht um die Stelle des ATP-Chefs. Headhunter sollen bis November jemanden finden. Der bisherige Stelleninhaber, der in Spielerkreisen allseits ungeliebte Südafrikaner Etienne de Villiers, muss seinen Posten zum Jahresende räumen. Sein Reform-Übereifer und die mangelnde Kommunikation mit den Spielern wurde ihm zum Verhängnis. Mehr darüber in diesem Artikel aus dem Frühsommer.

In amerikanischen und australischen Medien wird schon munter spekuliert, wer denn wohl der Neue sein wird. Aus Fan-Perspektive dürfte der Name des amtierenden ATP-Chefs von eher nachgeordneter Bedeutung sein. Wichtiger ist, welche Ziele er setzt und umsetzt. Aber diese beiden Dinge hängen ja zusammen. Deswegen machen wir heute mal mit beim Spekulieren - und schaffen ein ganz kleines bisschen Gegenöffentlichkeit. Die US-amerikanischen und australischen Medien nennen nämlich bisher ausschließlich Namen von US-Amerikanern und Australiern.

Insbesondere die US-Amerikaner dürften derzeit eher schlechte Karten haben. De Villiers ist seinen Job nichts zuletzt deshalb los, weil insbesondere viele Spieler und Turnierveranstalter ihn für zu US-freundlich halten. Und innerhalb der - zumindest theoretisch - demokratisch organisierten ATP (die ja gelegentlich immer noch als "Spielergewerrkschaft" bezeichnet wird) sind die Europäer in der Überzahl.

Aber jetzt der Reihe nach zu den bisher gehandelten Kandidaten.

1.) John P. McEnroe (73)
Der Vater von John McEnroe, ein erfolgreicher New Yorker Anwalt, lancierte sein Interesse an dem Job in verschiedenen Interviews während der US Open. Er ist der Kandidat der bisher das größte Medieninteresse geweckt hat. Bei der Frage, ob er ernsthafte Chancen hat, gehen die Ansichten stark auseinander. Die einen sagen, er sei zu alt, habe keine Lobby innerhalb des Sportmanagement-Establishments und meine seine Bewerbung doch sowieso nicht ernst. Andere verweisen auf die eiserne Gesundheit von McEnroe Senior und darauf, dass ein anderer in etwa gleichaltriger John Mc, nämlich John McCain, sich um ein noch viel kraftraubenderes Amt bemühe. Außerdem habe John P. McEnroe viel Verständnis für die Belange der Profis und biete damit genau das, was dem Quereinsteiger Etienne de Villiers fehlte.
Ich glaube, der alte McEnroe hat Außenseiterchancen, aber nur geringe. Er scheint mir für die Aufgabe geeignet zu sein. Gegen ihn spricht, dass er Amerikaner ist, sein einer Sohn amerikanische Tennislichtgestalt ist und der andere amerikanischer Davis-Cup-Kapitän. Das ist vielleicht doch etwas viel McEnroe auf einmal. Außerdem hat John P. McEnroe schon etwas zu viel darüber verraten, was er alles so machen würde als ATP-Chef. Damit hat er die Leute, die seine Vorstellungen nicht teilen, gegen sich. Schwammiger ist da halt manchmal mehr. Er will zum Beispiel die Pflicht für Spitzenspieler abschaffen, zu Masters-Turnieren anzutreten. Das dürfte den betroffenen Turnierveranstaltern nicht schmecken (und die reden mit bei der Besetzung des ATP-Chefsessels.)

2.) Paul McNamee (53)
Der beste Doppel-Spieler der frühen Achtziger Jahre ist mittlerweile ein Hansdampf in allen Gassen. Der Australier ist Veranstalter des Hopman-Cups in Perth, der Mixed-WM kurz vor den Australian Open. Bis vor zwei Jahren war er außerdem Direktor der Australian Open. Dann wandte er sich anderen Sportarten zu. Zwei Jahre lang leitete er die Golf-Australian-Open. Anfang 2008 wurde er auch noch Präsident des Melbourne Football Club, einer Aussie-Rules-Football-Mannschaft. Nach nur vier Monaten wurde er gestürzt. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er nach London fuhr, um dort zur Altherren-Konkurrenz von Wimbledon anzutreten, anstatt sich um seinen sportlich und wirtschaftlich krisengeschüttelten Football-Club zu kümmern.
Eigentlich wollte McNamee nun Präsident des australischen Tennisverbandes werden. Diese Bewerbung hat er nun zurückgestellt und will nun lieber ATP-Chef werden. Klingt alles nicht so, als sei McNamee jemand, der die ATP in ruhiges Fahrwasser führen kann.

3.) Butch Buchholz (69)
Bis 1998 tauchte, sobald die SPD einen neuen Kanzlerkandidaten suchte (und den suchte sie oft), stets der Name Helmut Schmidt auf. Butch Buchholz wird erst im Jahr 2018 so alt sein, wie Helmut Schmidt 1998. So lange wird die amerikanische Fachpresse ihn wohl noch ins Gespräch bringen, sobald der ATP-Chefposten frei wird. Buchholz führte die ATP in den Achtzigern, ehe er sich dem Vorhaben verschrieb, das Turnier von Miami (Key Biscayne) zum fünften Grand Slam zu machen und dabei beängstigende Teilerfolge erzielte. Die Tennis Week hat Buchholz zur Frage interviewt, welche Eigenschaften der neue ATP-Chef mitbringen müsse. ("The next boss of the ATP should come from within the game.") Ich glaube und hoffe, dass seine Antworten nicht als Bewerbung gemeint sind. Buchholz ist der amerikazentrischste von allen bislang bekannten Bewerbern und kommt deshalb eigentlich nicht in Frage.

4.) Larry Scott (44)
Noch ein Amerikaner. Larry Scott ist der Chef der WTA-Tour, dem weiblichen Gegenstück zur ATP und war davor selbst hochrangigeer ATP-Funktionär. Auch ihn brachten amerikanische Medien ins Gespräch. Scott will aber nicht. Jedenfalls noch nicht. Warum sollte er auch? Bei der WTA-Tour geht es ihm prima, und er ist emanzipiert genug, die ATP nicht für bedeutender zu halten. Wogegen er nichts hätte, ist eine organisatorische Fusion der beiden Tennis-Zirkusse mit ihm als Chef vom Ganzen. Aber das wird sich kaum innerhalb weniger Wochen hinkriegen lassen.

5. und 6.) Brad Drewett (50) und Mark Young
Apropos hochrangige ATP-Funkionäre. Denkbar ist natürlich auch eine verbandsinterne Lösung. In Amerika wird da der Amerika-Direktor der ATP, Mark Young, genannt. Aber bekanntlich ist "Amerika" bei dieser Personalie ein heikles Thema. Aber Brad Drewett könnte ins Spiel kommen, wenn sich bis November einfach niemand anders findet, auf den sich alle einigen können, und irgend jemand den Job spontan übernehmen muss. Drewett ist ATP-Direktor für den Bereich "International Group" und damit zuständig für alles, was weder Amerika noch Europa ist, und zudem Turnierdirektor des Masters-Cups. Der Australier ist ein ehemaliger Profi-Spieler. Der ATP-Direktor für Europa kommt für den Chefposten wohl noch nicht in Frage: Andy Anson ist erst vor einem Jahr von Manchester United zum Tennis gewechselt. Ihm fehlt noch der Stallgeruch.

Das wären also die bislang öffentlich gehandelten Namen. Europäer sind nicht darunter. Dabei gäbe es einige. Zum Beispiel der hier:

7.) Ion Tiriac (69)
Nicht dass ich glauben würde, er wäre ein geeigneter Kandidat oder er wäre überhaupt interessiert. Aber ins Gespräch bringen muss man seinen Namen schon. Schließlich läuft im Tennis sonst ja auch nichts ohne Tiriac, seit sein 17-jähriger Schützling 1985 Wimbledon gewann. Er war schon mal NOK-Präsident von Rumänien, gründete eine Bank und soll heute der reichste Mann von Rumänien sein. Seit sich in Deutschland mit Tennis kein Blumentopf mehr gewinnen lässt, hat er sich anderen Märkten, insbesondere Spanien zugewandt. Tiriac als ATP-Chef würde keine Sekunde zögern, Wimbledon nach Wladikawkas zu verhökern, wenn die finanzielle Seite stimmt. Wimbledin ist zwar gar kein Teil des ATP-Imperiums, aber solche äußeren Sachzwänge würde Tiriac beseite wischen. Und damit würde er sogar durchkommen. Mit Tiriac würden der ATP wirtschaftlich goldene Zeiten bevorstehen. Allerdings würde das Gold überwiegend in Tiriacs Taschen wandern.

8.) Zeljko Franulovic (61)
Aber vielleicht gibt es in Europa auch ernsthafte Kandidaten? Zeljko Franulovic könnte so einer sein. Der Kroate, Roland-Garros-Finalist von 1970, ist Turnierdirektor in Monte Carlo und er hat ATP-Stallgeruch, und zwar nicht nur, weil er nebenamtlich als Vertreter der Turnierveranstalter im ATP-Vorstand sitzt. Anfang der Neunziger arbeitete Franulovic als ATP-Marketingchef für Europa.

9.) Ronald Leitgeb (49)
Der Österreicher wurde bekannt als Trainer von Thomas Muster. Inzwischen ist er ein erfolgreicher Sportmanager. Er leitet das ATP-Turnier von Pörtschach und managt den österreichischen Schwimmstar Markus Rogan, der in Peking zwei Mal olympisches Silber gewann. Leitgeb hat keine Erfahrungen damit, große Institutionen zu lenken, das spricht gegen ihn. Aber ich dachte mir, man sollte mal die Österreicher nicht vergessen, wenn mir schon kein Deutscher einfällt, den man ins Gespräch bringen könnte. Horst Klosterkemper (69) muss man freilich der Vollständigkeit nennen. Der ehemalige ATP-Europa-Direktor hat sich allerdings kürzlich erst zur Ruhe gesetzt, der wird's nicht machen.

10.) Ivan Ljubicic (29)
Dieser Vorschlag ist natürlich Unsinn. Aber in einschlägigen Fan-Foren wird die aktuelle Nummer 47 und ehemalige Nummer 3 der Weltrangliste gelegentlich ins Gespräch gebracht. Den Zenit seiner Karriere scheint er überschritten zu haben. Bei den Spielern ist er hoch angesehen. Seit diesem Sommer ist er der erste aktive Spieler, der nebenbei als Spielervertreter dem ATP-Vorstand angehört und er war eine zentrale Figur beim Sturz Etienne de Villiers. Aber wer weiß, wenn sich Ivan Ljubicic in zehn oder 20 Jahren noch für Tennis interessiert...

11.) Martin Jaite (43)
Die USA, Australien und Europa sind nicht die einzigen Weltgegenden. Da wäre zum Beispiel noch Südamerika. Mit der dortigen Tennisszene kenne ich mich allerdings gar nicht aus. Martin Jaite nenne ich einfach repräsentativ für den Rest der Welt. Der frühere Top-Ten-Spieler ist, soweit ich weiß, in seiner argentinischen Heimat hoch angesehen und Turnierdirektor in Buenos Aires.

Wahrscheinlich finden die Headhunter am Ende jemand ganz anders. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es jemand aus der Tennis-Szene sein wird. Der Kreis der Kandidaten ist also überschaubar. Anders als bei Etienne de Villiers, der vorher Walt-Disney-Manager war, wird es jemand sein, auf dessen Namen man mit ein bisschen Rumgerate kommen kann...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sky du Mont hat in einem Kubrick Film gespielt. Man sollte also Michael Stich auch nicht unterschätzen.

zack hat gesagt…

Hehe, genau, eigentlich wollte ich noch in einem Halbsatz einfügen, dass unseren deutschen Wimbledonsiegern für die in Frage stehende Aufgabe die sittliche Reife fehlt, aber dann wäre der Text halt noch länger geworden.

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