Sonntag, 3. August 2008

Was wird denn nun aus Roger?

Andy Roddick, Lleyton Hewitt, Carlos Moya, Juan Carlos Ferrero und Marat Safin haben alle etwas gemeinsam: Sie reisen als ehemalige Nummer Einsen um die Tenniswelt. Turniere gewinnen sie selten. Wenn sie nicht gerade in ihrem Heimatland antreten, hält sich die Aufregung, die sie auf den Tribünen auslösen, in Grenzen. Spielen sie in der ersten Runde gegen einen namenlosen Gegner, müssen sie damit rechnen, dass der Turnierveranstalter sie auf einen Außenplatz schickt. (Andy Roddick hat in dieser Hinsicht noch die besten Karten, er ist auch der einzige von den fünf, der in diesem Jahr schon Turniere gewonnen hat.)

Ab dem 18. August hat das Herrentennis eine weitere ehemalige Nummer Eins: Roger Federer. Kaum vorstellbar, dass irgendein Turnierdirektor ihn irgendwo anders spielen lassen wird als auf dem Center Court. Roger Federer wird bis ans Ende seiner Laufbahn eine Hauptattraktion auf jedem Turnier sein, das er spielt. Einen solchen Elder Statesman hat das Herrentennis nicht mehr gehabt, seit Andre Agassi vor zwei Jahren seine Karriere beendete.

Die magische Grenze zu dieser Form der Unvergänglichkeit scheint mir bei hundert Wochen an der Spitze der Weltrangliste zu liegen. Sechs Spieler haben das vor Roger Federer geschafft: Jimmy Connors, Björn Borg, John McEnroe, Ivan Lendl, Pete Sampras und Andre Agassi.

Die Frage, wo Roger Federer künftig spielen wird, ist also geklärt: Auf dem Center Court. Völlig offen ist aber, wie gut er spielen wird. Im Moment glaube ich nicht, dass er wieder auf Platz 1 zurückkehren wird. Denn auch Rafael Nadal wird die magischen hundert Wochen schaffen. Es sei denn, eine Verletzung oder ein anderer unvorhergesehener Zwischenfall stoppt ihn.

Die anderen sechs Unvergänglichen haben sehr unterschiedlich darauf reagiert, nicht mehr die Besten zu sein:

- Jimmy Connors hat weitergespielt, als wäre nichts gewesen, nachdem Björn Borg ihn entthront hatte. Er blieb zehn Jahre lang Top-Ten-Spieler und kämpfte sich sogar mal für einige Zeit zurück an die Spitze.

- Björn Borg hat sehr schnell mit dem Profitennis aufgehört: 1981 verlor er das Wimbledon-Finale gegen John McEnroe. Borg gewann in dem Jahr noch zwei kleinere Turniere und kam bei den US Open ins Endspiel. Das war's. Karriereende mit 25. (Abgesehen von ein paar halbherzigen Comeback-Versuchen bis 1993.)

- John McEnroe nahm sich 1986 eine schöpferische Pause von sechs Monaten. Nach dieser Pause gewann McEnroe noch zahlreiche Titel, aber kein Grand-Slam-Turnier mehr. 1992 beendete er seine Karriere mit 33 Jahren als Top-20-Spieler.

- Ivan Lendl verlor die Führung 1988 kurzzeitig an Mats Wilander und dann endgültig 1990 an Stefan Edberg. Er blieb bis 1993 Top-Ten-Spieler und hörte mit 34 Jahren 1994 auf.

- Andre Agassi ist in dieser Liste ein untypischer Fall. Ich hab gezögert, ihn hier überhaupt aufzunehmen. Denn er hat die Tennis-Szene nie dauerhaft dominiert. Er stand drei Mal mit jeweils mehreren Jahren Unterbrechung an der Spitze: 1995, 1999 bis 2000 und noch mal 2003. Dazwischen lagen auch mal längeren Zeiten ohne allzu hartes Training (1997 war er nur noch Nummer 141). Auf diese Weise könnte er die Energie aufgespart haben, die es ihn schaffen ließ, bis zum Alter von 36 Jahren auf hohem Niveau weiterzuspielen.

- Pete Sampras hat die Spitzenposition zwischen 1995 und 2000 mehrmals erobert und wieder verloren und blieb auch danach ein absoluter Spitzenspieler. Sein Karriereende 2002 finde ich das coolste in der Tennisgeschichte: Er gewann die US Open und trat danach einfach zu keinen Turnieren mehr an. Erst ein ganzes Jahr später, als es sowieso längst jeder begriffen hatte, erklärte er offiziell das Ende seiner Laufbahn.

Was wird nun aus Roger Federer? Wie wird er es verkraften, nicht mehr die Nummer 1 zu sein? Seine Ergebnisse der beiden letzten Wochen geben Anlass zur Sorge. Als ich Bilder aus Cincinnati sah, dachte ich: Roger sieht fünf Jahre älter aus als neulich. Ihn nimmt die Situation sichtlich mit. Besonders schade ist es, dass dies ausgerechnet zu den Olympischen Spielen geschieht. In seiner derzeitigen Verfassung wird es für ihn schwierig, eine Medaille zu holen.

Federer ist ja während Wimbledon viel mit Björn Borg verglichen worden. Beide haben dort fünf Mal in Folge den Titel geholt und sind beim sechsten Versuch in einem hochklassigen Finale gestoppt worden, und zwar beide von ihren jeweiligen Nachfolgern als Nummer Eins, John McEnroe und Rafael Nadal.

Da liegt die Frage nahe: Federer wird doch nicht etwa - wie Borg - einfach so aufhören? Noch kann ich mir das nicht vorstellen. Federer ist dafür viel zu gewissenhaft. Björn Borg war ja mehr so ein Boris-Becker-Typ, der das Jet-Set-Leben genoss, wechselnde Freundinnen und wohl auch illegale Drogen ausprobierte.

Als im Mai Justine Henin zurücktrat, kurz bevor sie die Führung in der Frauen-Weltrangliste abgab, sagte Federer, für ihn sei es völlig unvorstellbar, in seinem Alter einfach aufzuhören. Er spielte zum dem Zeitpunkt gerade am Hamburger Rothenbaum; es war längst absehbar, dass Rafael Nadal bald an ihm vorbeiziehen würde. Federer sagte zwar "völlig unvorstellbar", aber er zog doch die Parallele zu sich selbst. Mein Eindruck war: Er begriff in dem Moment, dass das Karriereende auch für ihn theoretisch eine Option ist. Wenn Roger Federer weiter gegen Leute wie Gilles Simon und Ivo Karlovic verlieren sollte, dann könnte ihm vielleicht doch die Lust vergehen.

Er wird aber nicht dauerhaft gegen Spieler wie diese verlieren. Dass Federer, der jahrelang in kritischen Situation mental so besonders stark war, plötzlich mit den Nerven auf dem Zahnfleisch geht, hat auch damit zu tun, dass er nie zuvor in der Situation war, um den Status als Nummer Eins kämpfen zu müssen. Er sicherte sich den Platz an der Spitze bei den Australian Open 2004 und blieb danach ununterbrochen die Nummer 1 - bis heute. Und bis vor wenigen Wochen mit einem gewaltigen Abstand auf die Nummer Zwei. Alle anderen oben genannten Unvergänglichen setzten sich erst nach langem Ringen dauerhaft an die Spitze. Alle hatten den Platz 1 schon irgendwann zuvor mal für mehr oder weniger lange Zeit verloren. Sie wussten aus eigener Erfahrung, dass der Platz 1 etwas ist, das man zurückerobern kann.

Roger Federer ist gefestigt genug, um seine derzeitige Krise zu überwinden. Wahrscheinlich fehlt ihm die Impulsivität, die John McEnroe dazu brachte, einfach mal ein halbes Jahr Pause zu machen. Eine solche Pause wäre aber vielleicht trotzdem keine schlechte Idee für Federer, um neue Kraft zu sammeln und sich darüber klar zu werden, welche sportlichen Ziele er sich in den nächsten Jahren setzen will.

Danach kann er noch sehr lange einer der schärfsten Konkurrenten für Rafael Nadal, Novak Djokovic und andere sein. Und wer weiß, vielleicht beendet Roger Federer seine Karriere mit einem Wimbledonsieg 2013.

Kommentare:

Jelena hat gesagt…

Ich glaube nicht, dass Agassi sich in seinen "Tennispausen" die Energie aufgespart hat, um noch in seinem Alter auf so hohem Level zu spielen. Er hatte am Ende ja keine Energie mehr, sondern sich mehr schlecht als recht fitgespritzt auf der Tour gehalten. Er hat sich am Ende ja zig Cortison-Spritzen setzen lassen. Ich meine, dieses Spiel bei den French Open 2005 gegen Nieminen war ja das beste Beispiel dafür, dass er eigentlich schon viel früher hätte aufhören sollen. Zu den kurzfristigen Folgen von Cortison gehört wohl auch Schmerzfreiheit, aber was er sich damit wirklich angetan hat, wird man erst in einigen Jahren merken, wenn man in Boulevard-Zeitungen Schlagzeilen liest wie: "Agassi: Wie schlecht geht es ihm wirklich?" Damit meine ich jetzt nicht, dass ich ihm das wünsche, aber es ist eine Befürchtung, die ich hege. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Agassi dieses Spiel gegen Nieminen aufgeben und danach stante pede aufhören sollen. Aber (in manchen Fällen leider) geht es nicht nach mir.

zack hat gesagt…

Okay, da ist was dran. Dann schränke ich meine These mal ein: Er hat sich vielleicht nicht die physische Energie aufgespart, aber die psychische. Viele Spieler, die so früh wie Agassi auf die Tour gekommen sind (er war ja schon mit 16 dabei), sind ziemlich schnell mental ausgebrannt. Das sieht man bei den Mädels ja besonders häufig. Als Agassi kurz davor war auszubrennen, hat er sich einfach rechtzeitug eine Weile hängen lassen und war danach wieder heiß auf Tennis.

Jelena hat gesagt…

Mit der psychischen Energie bin ich einverstanden. Es ist absolut nicht einfach, dem Druck, der im Tennis herrscht, über Jahre stand zu halten. Da war das Interview mit Gaudio, das auf mtf geposted wurde, sehr aufschlussreich. (Thread-titel in GM: An in depth interview with Gaudio) Dafür war es wahrscheinlich wichtig, dass er sich in seinen zwanzig Jahren Karriere ungefähr drei Jahre Pause (mit Verletzungen und freiwilligen Pausen) genommen hat. Ansonsten wäre er wahrscheinlich auch mit Mitte zwanzig fertig gewesen. Vielleicht war er auch mit Mitte 20 ausgebrannt, sonst hätte er nicht diese Zeit Pause gemacht, wo er bis auf 141 runtergefallen ist und hinterher von Christian Vinck geschlagen wurde. Von Christian Vinck hat man ja (wenn man sich nicht für die Challenger Tour interessiert) vorher und nachher nichts gehört.

loreley hat gesagt…

Nie und nimmer wird Nadal 100 Wochen an der Spitze bleiben. Sein Tennis ist viel zu beanspruchend für den Körper.

Federer ist noch nicht alt. Er hatte und hat keine ernsthaften Verletzungen. Obwohl, wenn man genau hinsieht, kam die Wende mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber.

Dennoch kann er nächstes Jahr erneut angreifen. Laut Wikipedia ist Federer seit 235 Wochen die #1.

loreley hat gesagt…

Vor Karlovic haben fast alle Spieler Angst.

Gilles Simon kam mit dem Titel von Indianapolis nach Toronto und war entsprechend heiss. Man kann durchaus sagen, dass er ein gefährlicher Erstrundengegner für jeden gewesen wäre. Schliesslich kam er ja bis ins Halbfinale.

tds hat gesagt…

Kann mich jemand mal zu diesem angesprochenen Spiel gegen Nieminen informieren? Wüsste gern, was da passiert ist...

zack hat gesagt…

Ich glaub, Jelena erinnert sich an das Spiel noch genauer als ich. Agassi hatte gegen Nieminen (der damals ein Nobody war) 2:1 nach Sätzen geführt, als er fürchterliche Schmerzen bekam, weil ein Nerv eingeklemmt war, oder so. Vor lauter Ehrgeiz schaffte er es nicht aufzugeben. Er quälte sich über den Platz und verlor die beiden letzten Sätze 1:6 und 0:6 oder so.

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