Sonntag, 10. August 2008

Live aus Hartenholm - Ohne Stich, mit Comicverkäufer

Michael Stich war nicht da. Das ist ausgesprochen schade, weil ich nun den Satz "Auch Wimbledonsieger können ohne Ballkinder spielen" nicht aus eigener Anschauung untermauern und vor allem nicht mit Foto beweisen kann.


Zweitligatennis: Hier spielen Jan Greve (vorne, Hartenholm) und Jens Janssen (hinten, Osterath)

Zwei Mal hat Michael Stich in dieser Saison in der Zweiten Tennis-Bundesliga für den TC Logopak Hartenholm gespielt. Ein Doppel hat er gewonnen, eines hat er verloren. Die lokale Presse vermeldet, Stichs Einsätze für den Dorfverein nördlich von Hamburg seien "mehr als nur ein PR-Gag".

Ohne Michael Stich ist der TC Hartenholm ein ganz normaler Tennis-Zweitligist mit Aufstiegsambitionen. Insofern war es ausgesprochen prima, dass Stich nicht da war, als ich am Freitag nach Hartenholm gefahren bin. So steht er meinem eigentlichen Vorhaben nicht im Wege: Zu erzählen, wie ein ganz normales Tennis-Zweitligaspiel abläuft.

Ich hätte nichts dagegen gehabt, statt von einem Zweitligaspiel von einem Spiel der Ersten Bundesliga zu berichten. Aber dazu hätte ich von Hamburg mindestens nach Nordrhein-Westfalen reisen müssen. (Von den zehn Bundesligisten kommen sieben aus NRW, zwei aus Baden-Württemberg und einer aus Thüringen.)

Also Hartenholm. Hartenholm (1793 Einwohner) ist über die A 7 ganz gut zu erreichen. Die Zahl der Straßen im Dorf ist überschaubar. Man stößt schnell auf ein blaues "Parkplatz Tennis-Bundesliga"-Schild. Auf dem Parkplaz weht ein Hauch von großem Sport: Es gibt dort Parkplatz-Einweiser. Mir wies man einen Platz direkt neben dem Wagen von Tobias Kamkes Mutter zu. Ich kannte sie bis dahin nicht, aber als ich ausstieg, hörte ich, wie der Parkplatz-Einweiser die Frau aus dem Auto neben mir mit den Worten "Hallo Frau Kamke, ist Tobias schon angekommen?" begrüßte.

Ja, Tobias war schon angekommen, sagte Frau Kamke. Und zwar in der Bronx. Dort spielt er ab Montag ein Challenger-Turnier, um sich auf die US-Open-Qualifikation vorzubereiten. Der TC Hartenholm musste heute also nicht nur auf seinen berühmtesten Spieler (also Stich) verzichten, sondern auch auf seinen besten. (Tobias Kamke ist aktuell die Nummer 187 in der Welt.)

Der Eintritt kostete 2,50 Euro. Darin enthalten war ein Verzehrgutschein über einen Euro. Bei 300 Besuchern sind es definitiv nicht die Zuschauereinnahmen, die das Zweitligatennis finanzieren. Es sei denn, man betrachtet Chris Hastings-Long als Zuschauer. Chris Hastings-Long ist ein englischer Unternehmer, den es nach Hartenholm verschlagen hat. Hier lässt er Etikettiermaschinen fertigen. Der TC Hartenholm heißt seit einigen Jahren wie die Etikettiermaschinenfabrik von Mister Hastings-Long: Logopak.


Chris Hastings-Long

Die Clubanlage des TC Logopak Hartenholm sieht im Prinzip genauso aus wie die Anlage des schleswig-holsteinischen Dorfvereins, bei dem ich selber einst Tennisspielen gelernt habe. Die einzigen Unterschiede sind anderthalb Tribünen und eine elektrische Anzeigentafel, die die Spielstände von allen drei Plätzen anzeigt, auf denen parallel gespielt wird. Eine Zweitligapartie besteht aus sechs Einzel und drei Doppeln.

Die Spieler müssen sich nach den Bällen selber bücken und der Schiedsrichter muss selber gucken, ob die Bälle aus sind oder nicht. Linienrichter und Ballkinder gibt's nicht in der Zweiten Bundesliga. Trotzdem machen eine ganze Reihe Spieler mit, die all diesen Luxus, wenn vielleicht nicht gewohnt sind, ihn doch ganz gut kennen. Am Freitag spielten für Hartenholm zwei aktuelle dänische Davis-Cup-Spieler: Frederik Nielsen und Martin Pedersen.

Erstaunlicherweise hat der Hartenholmer Etikettiermaschinenfabrikant sich zwar eine schlagkräftige Mannschaft zusammengekauft, die trotzdem richtig Lokalkolorit hat. Eingeborene Schleswig-Holsteiner bilden das Rückgrad der Mannschaft: Tobias Kamke, Julian Reister, Jan Greve, Philipp Hammer - und auch Michael Stich ist ja einer. Wenn man bedenkt, dass sich viele Schleswig-Holsteiner für heimliche Dänen halten und deshalb Dänen nicht als Ausländer im engeren Sinne betrachen, bleibt nur ein einziger Legionär aus der Fremde, der an diesem Freitag eines der sechs Einzel-Spiele für Hartenholm bestritt: Jakob Adaktusson aus Schweden. (Der war vor zwei Jahren mal die Nummer 214 in der Welt.)

Ach ja, es gehören ja immer zwei Mannschaften zu einer Bundesliga-Begegnung. Hartenholms Gegner war der TV Osterrath. Osterrath liegt in der Nähe von Neuss und ist ein Ortsteil der laut Wikipedia ausgesprochen wohlhabenden Stadt Meerbusch. In Osterath backt man kleinere Brötchen als in Hartenholm. Man will nicht aufsteigen, sondern den Klassenerhalt schaffen. Man hat keine zwei aktuellen Davis-Cup-Spieler im Kader, sondern nur einen: Mounir El Aarej aus Marokko (Nummer 559 in der Welt). Osterath hatte zwei weitere Spieler dabei, deren Namen ganz ganz eingefleischte Tennisfreaks schon mal gehört haben: Ralph Grambow und Kevin Deden. Beide tauchen seit Jahren regelmäßig in Deutschland und dem benachbarten Ausland auf Future-Turnieren auf. (Das ist die kleinste Turnier-Kategorie, auf der es Weltranglistenpunkte gibt.) Die anderen drei Spieler (Jens Janssen, Sebastian Schlösser und Gerrit Lotz) haben es in ihrer Laufbahn bislang nicht zu Weltranglistenehren gebracht.

Kein Wunder also, dass Hartenholm nach den Einzeln 6:0 führte und am Ende 8:1 gewann. Ganz so selbstverständlich war das Ergebnis aber nicht: Alle sechs Matches waren eng. Vier Matches gingen über drei Sätze. Es hätte auch 2:4 stehen können oder gar 0:6. Es sind bloß Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen zwischen einem Challenger- und einem Future-Spieler, zwischen einer Mannschaft, die um den Aufstieg spielt und einer, die gegen den Abstieg kämpft. Mein Eindruck war: Das klare Ergebnis war eine Folge mannschaftlicher Geschlossenheit. Aber nicht bei den Hartenholmern, sondern bei den Osterathern. Man kennt das von Abstiegskandidaten im Fußball oder Handball, bei denen plötzlich nichts mehr zusammenläuft: Plötzlich sind alle Spieler formschwach, plötzlich spielen alle nur noch Fehlpässe.

Die Osterrather waren einen Tick nervöser als die Hartenholmer. Das wurde deutlich, als Jens Janssen nach einer verschlagenen Rückhand fluchte: "In jedem normalen Spiel machst du diesen Ball rein." Für jemanden wie Tobias Kamke, der vor ein paar Wochen im Wimbledon-Hauptfeld spielte, ist die Sache in Hartenholm schon viel eher ein normales Spiel, eine sommerliche Abwechslung vom Turnier-Alltag, die obendrein ganz gut bezahlt wird.

Die Entscheidung um Auf- und Abstieg fällt am nächsten Wochenende. Am Freitag und Sonntag (15. und 17. August) sind die beiden letzten Spieltage. Osterath muss den direkten Konkurrenten Nordhorn schlagen. Hartenholm braucht - so war der Stand am Freitag - viel Glück, um die in erste Liga aufzusteigen: Tabellenführer Espelkamp muss mindestens einmal verlieren, dann würde die Tordifferenz (bzw. natürlich die Matchdifferenz) entscheiden. Chris Hastings-Long hatte am Freitag die Hoffnung auf den Aufstieg noch nicht aufgegeben. Da wusste er aber noch nicht, dass seine Hartenholmer am Sonntag beim krassen Außenseiter Sparta Nordhorn mit 4:5 verlieren würden.

Hier gibt's Ergebnisse und Tabellen im Überblick.
http://www.tennisbundesliga.de/

Und hier noch ein paar bebilderte Eindrücke von den einzelnen Spielen:

Frederik Nielsen - Mounir El Aarej 3:6, 6:3, 6:4


Frederik Nielsen: Manische Angst vor Fußfehlern?

Dies war nicht nur nominell das Spitzenspiel. Was mir am meisten auffiel, war Nielsens Standpunkt beim Aufschlag: Mindestens 20 Zentimeter hinter der Grundlinie. Das wunderte mich auch deshalb, weil mir Nielsen bisher fast nur als Rasenspieler ein Begriff war. Da verschenkt man ungern wichtige Zentimeter beim Aufschlag. Aber es hat ja auch so gereicht.

Julian Reister - Ralph Grambow 6:2, 3:0 aufg.


Julian Reister hatte nicht viel zu tun


Reister (Nummer 357 in der Welt) musste nicht viel machen. Grambow ging mit einer Fußverletzung ins Spiel und gab im zweiten Satz auf. (Weil die Osterather nur mit sechs Leuten angereist waren, musste Grambow später im Doppel trotzdem wieder ran.)

Martin Pedersen - Kevin Deden 6:7, 6:4, 7:6


Martin Pedersen: Chance auf einen Top-100-Platz?

Von allen Spielern, die ich in Hartenholm gesehen habe, ist Pedersen derjenige, bei dem ich am meisten Potenzial für die Zukunft vermute. Die ersten 150 in der Welt sind drin, vielleicht sogar die ersten 100. Auf Platz 344 war er im Mai schon, ist zuletzt aber etwas abgerutscht. Spielerisch war er Kevin Deden (Nr. 896) haushoch überlegen, aber er wurde in engen Situationen wahnsinnig hektisch. Mit seinen 21 Jahren hat er noch Zeit, abgeklärter zu werden. Vor allem war Pedersen der einzige Spieler, von dem ich einen unglaublichen Gewinnschlag aus bedrängter Situation gesehen habe, einen jener Bälle, die mir den Unterschied auszumachen scheinen zwischen einem Zweitligaspieler und einem Spieler auf der ATP-Tour.

Was Michael Stich angeht: Einmal wird er im August auf jeden Fall noch in Hartenholm spielen. Nicht in der zweiten Bundesliga und auch nicht auf dem Vereinsgelände, sondern bei einem Schauturnier mit vier Wimbledonsiegern auf dem Flugplatz Hartenholm: Am Freitag, 22. August, ab 15 Uhr spielen auch Goran Ivanisivic, Richard Krajicek und Pat Cash mit. "Tennis opn Dörp" heit dat.

Zum Abschluss ein Bild des verletzten Ralph Grambow: Nach seinem eigenen Match wechselte er zu Sebastian Schlösser auf die Trainerbank: In weiter Trainingshose, leicht humpeld, am liebsten aber auf dem Stuhl sitzend und Zeichen in den Sand malend, sah weniger aus wie ein Leistungssportler, sondern mehr aus wie der Typ, bei dem Bart Simpson seine Comics kauft (nur dass der längere Haare hat). Kommt auf dem Foto leider nicht zu hundert Prozent rüber, aber ich schwöre, so war's.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das Foto von Chris Hastings-Long ist der Oberhammer!

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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