Sonntag, 27. Juli 2008

Wird der Rothenbaum zum Bosman des Tennis?

Eigentlich wollte der Fußballspieler Jean-Marc Bosman 1990 einfach nur vom belgischen Erstligisten RFC Lüttich zum französischen Zweitligisten USL Dünkirchen wechseln. Der RFC Lüttich ließ ihn nicht gehen, und Bosman zog vor Gericht.

Das Gericht sprach sein Urteil. Seitdem ist im europäischen Vereinsfußball nicht mehr viel so, wie es über Jahrzehnte war. Keine Ablösesummen mehr für Spieler, deren Verträge ausgelaufen sind. Keine Beschränkung der Zahl der EU-Ausländer mehr auf dem Platz.

Ein ähnliches Urteil könnte dem Tennis bevorstehen. Eigentlich will der Deutsche Tennis-Bund (DTB) einfach nur für sein Turnier am Hamburger Rothenbaum den Masters-Status erhalten. Denn nur dann sind die Spitzenspieler verpflichtet, in Hamburg anzutreten.

Über die Klage des DTB gegen die Spielerorganisation ATP wird seit Montag vor einem Gericht im US-Staat Delaware verhandelt. Nahezu alles, was man in Deutschland über diesen Prozess hört und liest, geht auf Äußerungen von DTB-Funktionären zurück, die sich naturgemäß optimistisch zeigen.

Der Prozess schlägt indes auch in Amerika hohe Wellen, und das, obwohl in Amerika sich kaum jemand für den Rothenbaum an der Alster interessiert. Das Gericht in Delaware verhandelt darüber, ob die Art und Weise, wie der weltweite Tenniszirkus organisiert ist, rechtens ist.

Der DTB gründet seine Klage auf dem Kartellrecht. Mit den juristischen Details dieses Fall befasse ich mich an dieser Stelle lieber nicht. Ich kann auch keine Prognose abgeben, wie das Gericht urteilen wird. Selbst wenn ich Jurist wäre, würde mir das wohl nicht viel helfen, weil ich höchstwahrscheinlich kein Fachmann für US-amerikanisches Kartellrecht wäre.

Wenigstens die grundlegenden Probleme möchte ich aber darstellen. Die Kernbotschaft: Selbst wenn das Gericht gegen die ATP urteilt, heißt das noch lange nicht, dass Hamburg seinen Masters-Status behält. Das Gericht könnte auch die Masters-Serie insgesamt als rechtswidrig einstufen.

Der Deutsche Tennis-Bund wirft der ATP vor, den freien Wettbewerb zu behindern. Wie er diesen Vorwurf genau begründet, ist schwer herauszubekommen. Da hätte man im Gerichtssaal dabei sein müssen. (Von den DTB-Oberen bekommt man ja nur Durchhalteparolen abseits der eigentlichen rechtlichen Probleme.)

Es gibt einige Argumente dafür, warum die ATP-Tour ein Kartell sein könnte, und die Masters-Serie spielt dabei eine zentrale Rolle. Die in der Weltrangliste am höchsten platzierten Spieler sind verpflichtet, an allen Masters-Turnieren teilzunehmen. Vereinfacht gesprochen sind davon die Top 50 betroffen. Wer bei einem Masters nicht antritt, wird auf zwei Wegen bestraft: Erstens wirkt es sich negativ auf die Weltranglistenplatzierung aus. Zweitens muss der Spieler mehrere Tausend Doller Strafe zahlen.

Die ATP zwingt also die besten Tennisspieler der Welt, neben den vier Grand-Slam-Turnieren an ihren neun Masters-Turnieren teilzunehmen und an zwei Turnieren der Kategorie "International Series Gold". Die besten acht müssen außerdem am Jahresende den Masters-Cup bestreiten. Das sind 16 Turniere im Jahr. Wenn man immer in der ersten Runde ausscheidet, ist das nicht sehr anstrengend. Aber die Superstars spielen ja regelmäßig Halbfinale und Finale. Sie haben also kaum Energie, neben den Masters-Turnieren noch andere Turniere zu bestreiten. Roger Federer zum Beispiel spielt nur ein oder zwei andere Turniere im Jahr.

Ich vermute, es wäre unbedenklich, wenn die ATP einfach in ihrer Weltrangsliste die Masters-Turniere sehr stark gewichten würde. Dadurch aber, dass Spieler mit finanziellen Sanktionen dazu verpflichtet werden, alle Masters-Turniere zu spielen, spielt sie ihre beherrschende Position aus. Dabei lässt sich die ATP den Masters-Status von den Turnierveranstaltern teuer bezahlen. (Shanghai soll 30 Millionen Dollar hingeblättert haben.)

Die Leidtragenden sind zum einen die Veranstalter kleinerer Turniere innerhalb des ATP-Zirkus: Für sie ist es schwierig, Stars zu verpflichten. Die Leidtragenden sind aber auch Veranstalter, die sich außerhalb des ATP-Turnierzirkus bewegen. Aus ATP-Sicht sind solche Veranstaltungen allesamt "Exhibitions", also Schaukämpfe. Ich finde aber nicht, dass man mit diesem Begriff zum Beispiel die Spiele der Tennis-Bundesliga treffend beschreibt. In der Tennis-Bundesliga dürfen zum Beispiel in Wochen, in denen Masters-Turniere stattfinden, keine Spieler aus den Top 50 der Weltrangliste eingesetzt werden, selbst dann nicht, wenn die am Anfang der Woche brav beim Masters angetreten sind. Diese Regel geht auf eine Intervention der ATP zurück.

Nun mag man einwenden: Das ist aber doch in anderen Sportarten so ähnlich. Ja, ist es. Da gibt es den Ski-Weltcup, da gibt es den Formel-Eins-Zirkus, da gibt es die PGA-Tour im Golf und so weiter. Auch wenn nicht in allen Sportarten das US-Recht greifen wird, schauen auch die Funktionäre anderer Sportarten in diesen Wochen gebannt nach Delaware. (Das Bosman-Urteil, um den Einstieg dieses Artikel wieder aufzugreifen, hat sich auch auf Handball, Eishockey und so weiter ausgewirkt.)

Es gibt viele Elemente der ATP-Tour, die in ihrer Form einzigartig sind (zum Beispiel die Struktur als Organisation, die von Spielern und Turnierveranstaltern gemeinsam getragen wird). Dennoch kann es gut sein, dass das Urteil im Rothenbaum-Prozess sich auch auf andere Sportarten auswirkt - in welcher Form auch immer.

Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Fragen, die in dem Kartellrechtsverfahren eine Rolle spielen. Zum Beispiel die zentrale Vermarktung der Fernsehrechte. Zum Beispiel die Frage, wer eigentlich der Eigentümer eines Masters-Turniers ist: Der Veranstalter oder die ATP oder beide? Sicherlich sind einige weitere Dinge dabei, von denen ich keinen blassen Schimmer habe.

Wieso nun hat der DTB eigentlich dieses Fass aufgemacht? Er hätte ja auch einfach die ATP auf Einhaltung des Vertrages verklagen können, der Hamburg über mehrere Jahre den Status als Masters-Turnier zusichert. (Bis 2009 oder 2010, auch das habe ich nicht genau herausgefunden.) Das Ergebnis wäre dann vermutlich gewesen, dass der DTB von der ATP eine Millionen-Entschädigung erhalten hätte; der Masters-Status wäre trotzdem futsch gewesen. Eine solche Entschädigung scheint die ATP dem DTB aber ohnehin angeboten zu haben. (Was nur recht und billig wäre, schließlich hat der DTB viel Geld in sein Stadion investiert in der Annahme, dort ein hochklassig besetztes Turnier austragen zu können.)

Der DTB will aber aufs Ganze gehen. Er will den Masters-Status für Hamburg retten. Dafür scheinen die DTB-Juristen Argumente zusammengetragen zu haben, warum die ATP-Tour, wie sie derzeit ist, kartellrechtlich unbedenklich ist, im kommenden Jahr (ohne Hamburg als Masters) aber nicht mehr. Ab 2009 werden einige Details der Tour anders geregelt sein. Die grundsätzlichen Probleme, die ich oben dargestellt habe, bestehen aber schon jetzt. Bisher profitiert Hamburg von genau dem System, gegen das der DTB jetzt angeht. Deshalb glaube ich im Moment, dass es gar nicht das Ziel des DTB ist, das ATP-Kartell zu sprengen, sondern das Ziel ist es, Druck auf die ATP auszuüben. Die ATP könnte eine gütliche Einigung mit dem DTB anstreben, um ein Urteil zu verhindern.

Es ist ja gelegentlich kolportiert worden, die ATP sei finanziell am Ende, wenn sie den Prozess verliert. Wenn das zutrifft (was ich nicht wirklich glauben kann), liegt das aber wohl nicht an den horrenden Anwaltskosten, sondern daran, dass ihr Geschäftsmodell dann nicht mehr tragen würde.

ATP und DTB haben schon im Mai versucht, ihren Streit außergerichtlich beizulegen. Das ist gescheitert. Im Verlaufe des Prozesses wurden erneut Verhandlungen aufgenommen. Die ATP wird natürlich nur dann nachgeben, wenn sie absehen kann, dass der Prozess für sie schlecht ausgehen könnte.

Das soll für heute reichen. Der Artikel ist sowieso schon viel zu lang. Für Ergänzungen und Korrekturen bin ich dankbar. Es ist nämlich wirklich schwierig, handfeste und vor allem unvoreingenommene Informationen zum Thema zu finden. Auch die unten verlinkten Zeitungsartikel scheinen mir teilweise auf Quellen zurückzugehen, die entweder beim DTB oder bei der ATP zu verorten, also interessengeleitet sind.

Neue Zürcher Zeitung

Tennis Week

London Times

New York Times

Außerdem ein Link zu Debras Reiseblog. Hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber der Blog gefällt mir, und Debra (eine amerikanische Juristin) hat mir mit ihren Posts im Menstennisforum sehr dabei geholfen, einen Einstieg ins Thema zu finden.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Super Zusammenfassung und Statusbeschreibung einer recht unübersichtlichen Angelegenheit. Vielen Dank dafür.

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