Sonntag, 20. Juli 2008

Doping im Tennis: Köcheln auf kleiner Flamme

Die Tour de France, bei der in dieser Woche wieder mehrere Fahrer aus dem Verkehr gezogen wurden, nehmen wir zum Anlass, heute mal einen Blick aufs Doping im Tennis zu werfen.

Das Thema köchelt seit Jahren auf kleiner Flamme vor sich hin. Anders als im Radsport oder in der Leichtathletik hat es noch nie größere Schlagzeilen produziert. Gedopte Tennisspieler werden nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Turnier genommen. Sperren werden meistens Monate nach der positiven Dopingkontrolle bekannt gegeben und garantiert niemals an einem Tag, an dem der betroffene Spieler gerade ein Grand-Slam-Viertelfinale spielt.

Nehmen wir zum Beispiel den spektakulärsten Fall der vergangenen Jahre: Mariano Puerta aus Argentinien. Der Mann kam 2005 überraschend ins Finale der French Open, das er in vier Sätzen gegen Rafael Nadal verlor. Puertas Dopingkontrolle unmittelbar nach dem Finale war positiv auf Etilefrin (ein Blutdruckmittel). Puerta durfte aber die gesamte Saison 2005 in Ruhe zu Ende spielen. Das Ergebnis der Kontrolle wurde erst im Dezember veröffentlicht. Weil Puerta schon zum zweiten Mal als Doper aufgefallen war, wurde er für acht Jahre gesperrt. Die Sperre hat man später auf zwei Jahre verkürzt. Puerta ist wieder aktiv, scheint allerdings nicht mehr über die Challenger-Tour hinauszukommen.

Schlagzeilentechnisch hat der Welttennisverband ITF den Ball im Fall Puerta erfolgreich flach gehalten. Man kann dem ITF aber nicht vorwerfen, er würde das Doping-Problem vollkommen unter den Teppich kehren. Auf seiner Internetseite zeigt der Verband ausführliche Dopingstatistiken. Die habe ich mir vorhin mal angesehen. Ich war überrascht: Ich hatte die Zahl der Dopingfälle im Herrentennis in den vergangenen zehn Jahren auf 10-15 geschätzt. Es sind aber allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als 40 Fälle.

Dabei waren im Tennis bis vor einigen Jahren die Kontrollen eher lax. Jim Courier hat 1999 gesagt, insbesondere viele europäische Spieler würden sich mit Epo dopen. "Ich kann nicht 35 Wochen am Stück Turniere spielen, das schafft mein Körper nicht. Aber es gibt Spieler, die genau das tun."

Nun gab es 1999 anscheinend noch keine brauchbare Methode, Epo-Doping nachzuweisen. Ab dem Jahr 2000 ging das aber. Epo-Tests im Tennis wurden erst 2002 eingeführt. Seither ist niemand positiv auf Epo getestet worden.

Besonders beliebt war eine Zeitlang das anabole Steroid Nandrolon. Das nahm der Tscheche Petr Korda, der nach zehn Jahren als Mitläufer auf der Tour 1998 plötzlich die Australian Open gewann und Weltranglistenzweiter wurde. Auch Guillermo Coria wurde 2001 positiv auf Nandrolon getest. Er war damals 19; ich bin geneigt, ihm die Sache als Jugendsünde nachzusehen. Seine größten Erfolge hatte er drei Jahre später (unter anderem das Finale bei den French Open) mit einer Spielweise, die mehr auf Technik als auf Kraft und Ausdauer gründete. Und technische Finesse ist nun einmal etwas, das sich nicht herbeidopen lässt. Einen Lob, der genau auf die Grundlinie fällt und dort einfach liegen bleibt, funktioniert mit Training und Talent, nicht mit Nandrolon.

Da haben die Erfolge von Mariano Puerta schon einen deutlich faderen Beigeschmack. Und die einiger anderer Argentinier auch. Juan Ignacio Chela und Guillermo Canas zum Beispiel haben schon Dopingsperren hinter sich und sind noch immer hauptsächlich dadurch erfolgreich, dass sie mit ungeheurer Wucht von der Grundlinie auf die Bälle eindreschen.

An dieser Stelle werden einige Leser gewiss an Rafael Nadal denken. Ich selbst bin von diesem Gedanken zugegebenermaßen auch nicht völlig frei. Sein Name ist schließlich 2006 oft in Zusammenhang mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes (Der Mann, der Jan Ullrich dopte) gefallen. Was dabei an die Öffentlichkeit kam, war allerdings ausschließlich heiße Luft. Fuentes sagte in einer Talkshow, zu seinen Kunden würden auch Tennisspieler gehören. Namen nannte er nicht. Vielleicht handelt es sich also einfach um die oben genannten Argentinier. Dann wäre der Erkenntnisgewinn dieser Meldung nur mittelmäßig hoch. Viele Medien spekulierten munter drauf los und stellten die Gleichung auf "Tennis+Spanien=Nadal".

Nicht dass nun der Eindruck entsteht, gedopt würde nur im Ausland: Auf der ITF-Liste der Dopingsünder stehen auch drei Deutsche. Alle aus den hinteren Regionen der Weltrangliste. Franz Stauder und Holger Fischer haben gekifft. Maximilian Abel hat gekokst.

Sich wegen Kiffens eine Dopingsperre einzuhandeln, halte ich für reine Blödheit. Beim Koksen ist die Sache schon etwas komplizierter. Koks wirkt zwar leistungssteigernd, aber wie uns der Fall Christoph Daum lehrt: Weil Leute auf Koks sich schnell unverwundbar fühlen, fürchten sie weder Blut- noch Haarproben und sind entsprechend leicht zu überführen.

Apropos Koks: Ein Kokain-Test beendete letztes Jahr ja auch die Karriere von Martina Hingis. Sie ist damit eine von relativ wenigen bekannt gewordenen Dopingfällen im Frauentennis. Man hört und liest zwar oft die Einschätzung, das Frauentennis sei in den vergangenen Jahren so athletisch geworden, das sei nur mit legalen Mitteln alles gar nicht möglich. Wenn aber im tatsächlich viele Frauen gedopt sein sollten, stellen sie sich deutlich cleverer an als die Männer: Auf der Sünderliste der ITF finden sich überwiegend Männer.

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