Sonntag, 6. Juli 2008

Der Rainer ist wieder da - und mit Roger sieht's schlecht aus

Das war's dann wohl mit dem Roger-Federer-Zeitalter. Ich finde das einen betrüblichen Tag.

Aber erst einmal zu einem, wie ich finde, erfreulicheren Thema. Rainer Schüttler. Einen gibt's ja, der hat gewusst, dass der Rainer noch mal wiederkommt. Bernd Karbacher, einer meiner Lieblingsspieler aus den Neunzigern, schrieb im letzten September im Forum von tennis-germany.de (einer Initiative von aktiven und ehemaligen deutschen Profis): "Der Rainer kommt wiedernach oben, davon bin ich überzeugt, denn wie er Tennis spielen kann, wissen wir alle. Wenn er mal paar Matches am Stück gewinnt, dann geht´s ab nach oben!!! Jede Wette."

Die Wette hat er gewonnen, der Bernd. Aber an ein Wimbledon-Halbfinale hat dabei wohl nicht einmal Bernd Karbacher gedacht. Rainer Schüttler stand damals im September auf Platz 143 in der Weltrangliste. Ende November gewann Schüttler dann plötzich ein großes Challenger in Malaysia. Die hundert Punkte, die er dafür bekam, sorgten dafür, dass er wieder unter die ersten Hundert der Welt zurückkehrte - die Voraussetzung dafür, dass er in diesem Jahr überhaupt wieder im Hauptfeld der Grand-Slam-Turniere war.

Danach ging es mit den gewohnten Pleiten weiter. Am Hamburger Rothenbaum saß ich im Publikum neben einem jungen Burschen, der seinem Vater nach jedem verschlagenen Ball von Rainer Schütter sagte: "Der Kerl ist erledigt, der soll endlich seine Karriere beenden. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß, was der spielt." Aber sobald Schüttler einen Punkt erfolgreich spielte, jubelte mein Sitznachbar ekstatisch. Ich glaube, das war nicht einfach nur irrationales Fanverhalten, das lag auch an Schüttlers Spiel: Haufenweise übernervös verschlagene Vor- und Rückhände und dann plötzlich geniale Bälle. Da sah man, wie Bernd Karbacher es sagte, "wie er Tennis spielen kann". Man sah es eben nur extrem selten. In Wimbledon hat Schüttler diese genialen Bälle plötzlich wieder reihenweise gespielt. So wie zuletzt 2003 oder vielleicht noch im Frühjahr 2004.

So unfassbar Schüttlers Wimbledon-Turnier derzeit erscheint: Einmalig ist so etwas nicht. Im Jahr 2000 kam ein Weißrusse namens Wladimir Woltschkow von Platz Zweihundertnochwas als Qualifikant ins Halbfinale. Goran Ivanisevic galt 2001 genauso als Mann von gestern wie jetzt Schüttler. Ivanisevic gewann das Turnier von Platz 125 aus. Oft erwähnt wurde in diesen Tagen, dass Schüttler der erste deutsche Wimbledon-Halbfinalist seit Michael Stich 1997 war. Stich hatte damals auch nicht gerade eine Erfolgssträhne hinter sich. Er war damals auf Platz 88 abgerutscht, stand also nur marginal besser als jetzt Rainer Schüttler.

Stich hat - wegen ständiger Schulterverletzungen - unmittelbar nach Wimbledon 1997 seine Karriere beendet. Das wird Rainer Schüttler nicht tun. Ich bin im Moment ziemlich überzeugt davon, dass Bernd Karbacher recht hatte, dass Schüttler wieder nach oben kommt und weiter auf dem Niveau spielen wird wie in Wimbledon. Das wird ihn nicht jedes Mal ins Halbfinale der großen Turniere führen, aber er wird noch ein, zwei Jahre lang die Platzhirsche gewaltig ärgern können.

Und jetzt zurück zum Ernst der Lage:

Immerhin war es ein legendäres Wimbledon-Finale, in dem Rafael Nadal die Macht übernahm. 6:4, 6:4, 6:7, 6:7, 9:7 über Roger Federer. Zweitrangig, dass Roger Federer es nun nicht geschafft hat, Björn Borgs Rekord von fünf Wimbledon-Siege in Folge zu überbieten.

Die Nummer Eins der Welt steht exemplarisch für die Spielweise, die eine Ära dominiert. Federer strahlt Leichtigkeit aus. Nadal ist in erster Linie ein Haudrauf, mit seinem Stil kann ich nichts anfangen.

Vor einem Jahr, als Federer fünf Sätze brauchte, um im Wimbledon-Finale Rafael Nadal zu schlagen, dachte ich schon: Das war das letzte Mal, dass die Sache gut ausgegangen ist. Nächstes Jahr ist Regierungswechsel.

Aber nachdem sich Federer diesmal so wahnsinnig leichtfüßig bis ins Finale durchgespielt hatte, war ich ganz zuversichtlich, dass er es doch noch mal packen würde, und nächstes und übernächstes Jahr vielleicht auch. Es hat nicht geklappt. Und mein Eindruck in den ersten beiden Sätzen war: Federer hatte Angst. Das habe ich bei ihm sonst nie gesehen. Danach fing er sich. Es war eine ehrenvolle Niederlage nach großem Kampf. Das stimmt ein wenig versöhnlich.

Federer bleibt die Nummer eins in der Weltrangliste. Aber der Vorsprung ist klein geworden, und ab sofort darf wöchentlich nachgerechnet werden. Kann gut sein, dass Nadal nach den US Open vorne steht, selbst dann, wenn Federer ihn bis dahin vier Mal schlägt. Seine jetzige Spitzenposition verdankt er überwiegend den Ergebnissen aus der zweiten Jahreshälfte 2007. 2008 hat er nicht nur keines der drei bisherigen Grand-Slam-Turniere gewonnen, er hat auch noch kein einziges der fünf Masters für sich entscheiden können.

In der Weltrangliste nach Wimbledon hat Federer 6600 Punke, Nadal hat 6055. Im Juli und August muss Federer sein Finale im Kanada-Masters (350 Punkte), seinen Sieg in Cincinnati (500) und seinen Sieg bei den US Open (1000 Punkte) verteidigen. Nadal hat 250 Punkte für seinen Sieg in Stuttgart zu verteidigen (Das schafft er sowieso, bei dem Turnier ist niemand sonst am Start, der ihn ersthaft gefährden kann.) Dann kommen ein Halbfinale in Kanada (225 Punkte), eine Erstrundenniederlage in Cincinnati (5) und ein Achtelfinale bei den US Open (150 Punkte). Federer hat während der amerikanischen Hartplatzsaison also 1850 Punkte zu verlieren, Nadal nur 380. Jetzt kann man mal nachrechnen: Selbst wenn Federer Toronto, Cincinnati, die Olympischen Spiele (Hier die Punktetabelle für Olympia) und die US Open gewinnt (500,500,400,1000 Punkte) und Nadal dabei jedes Mal im Finale schlägt (350,350,280,700 Punkte), hätte Nadal danach mehr Punkte als Federer.

Kommentare:

loreley hat gesagt…

In der US-amerikanischen Hartplatzsaison gibt es noch andere Spieler, die ein Wörtchen mitreden können. Und Nadal wird nicht ewig so rennen können. Er hat ja schon jetzt Probleme mit den Sehnen.

Zack hat gesagt…

Klar gibt's noch andere. Es ist ja nicht so, dass ich da gar keine Hoffnung mehr hätte. Das Problem ist nur: Diese anderen können nichtr nur Nadal, sondern ebensogut auch Roger schlagen. Mit meinem Rechenbeispiel wollte ich zeigen: Nadal hat im Kampf um die Nummer eins in den nächsten Wochen die deutlich bessere Ausgangsposition als Federer.

Und was Nadals Dauerbelastung angeht, da hast du recht. Ich bin gespannt, ob er wirklich wie geplant nächste Woche in Stuttgart antritt.

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