Sonntag, 22. Juni 2008

Große Namen für den Spielerrat

Morgen geht Wimbledon los, und die ganze Welt bewegt diese eine Frage: Kann Roger Federer den Rekord von Björn Borg überbieten und das Turnier sechs Mal hintereinander gewinnen? Gestern aber machten die beiden Männer, die ihm diesen Triumph vermasseln wollen, mit ihm gemeinsame Sache. Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic ließen sich alle drei in den ATP-Spielerrat wählen. Damit sind zum ersten Mal die drei Weltranglisten-Führenden in dem Gremium vertreten, und sie haben deutlich gemacht, dass sie sich in die Arbeit der ATP auch wirklich einmischen wollen.

Insbesondere Rafael Nadal hatte sich im Frühjahr ziemlich darüber aufgeregt, dass die ATP seine geliebte Sandplatz-Saison verkürzt hatte, damit das Hartplatz-Turnier von Miami sich nicht mit der amerikanischen College-Basketball-Meisterschaft überschneidet.

Der Spielerrat hat zehn Mitglieder. Die Zusammensetzung ist quotiert:
- Vier Spieler aus den ersten 50 der Weltrangliste
- Zwei aus den Plätzen 51-100
- Zwei Doppelspezialisten
- Zwei weitere Spieler

Federer, Nadal und Djokovic nehmen also drei der vier Plätze für die Top-50-Spieler ein. Der vierte Platz ist zunächst unbesetzt geblieben und könnte für den bisherigen Spielerrats-Vorsitzenden Ivan Ljubicic reserviert sein (Wieso, steht weiter hinten im Text). Vertreter der zweiten Reihe (51-100) sind Peter Luczak aus Australien und ein Deutscher: Michael Berrer. Doppelspieler sind Eric Butorac (USA) und der Schweizer Yves Allegro. (In den sehr seltenen Fällen, in denen Roger Federer in den letzten Jahren mal im Doppel angetreten ist, war das fast immer mit Allegro als Partner, man kann ihm also wohl das Etikett "Federer-Vertrauter" ankleben.). Die beiden weiteren, frei bestimmbaren Spieler im Rat sind ebenfalls Doppelspezialisten David Martin (USA) und Martin Garcia (Argentinien). Das ist ein Detail, das mich besonders freut. Ich find Doppel ja sehr cool, und ich werte das Votum mal als Signal gegen die Bestrebungen, die es in den letzten Jahren gab, die reinen Doppelspezialisten teilweise aus den Turnieren zu drängen, weil die Zuschauer diese Spieler mit unbekannten Namen vermeintlich ja sowieso nicht sehen wollen.

Martin Garcia ist der Einzige, der schon dem alten Spielerrat angehörte. Die anderen waren Ivan Ljubicic (Kroatien, Vorsitzender), James Blake (USA, Vize), Thomas Johansson (Schweden), Olivier Rochus (Belgien), Paul Goldstein (USA), Davide Sanguinetti (Italien), Bob Bryan (USA), Kevin Ullyet (Simbabwe) und Paradorn Srichaphan (Thailand). Das war geografisch wunderbar quotiert: Vier Europäer, drei Nordamerikaner, ein Südamerikaner, einer aus Afrika und einer aus Asien.

Im neuen Rat sind die Europäer in der Mehrheit. (Wobei ich noch nicht rausgefunden habe, ob die beiden weiteren Plätze im Rat, die für einen Trainer und einen ehemaligen Spieler reserviert sind, auch neu besetzt wurden. Bisher waren das Riccardo Piatti (Ivan Ljubicics Coach, Italien) und David Adams (Ehemaliger, Südafrika).

Der Vormarsch der Europäer dürfte damit zu tun haben, dass sie sich in letter Zeit besonders stark für die Organisationsstrukturen der ATP interessiert haben, weil sie den Eindruck hatten, Europa werde gegenüber den USA benachteiligt. (Die Sache mit dem College-Basketball ist dafür ein Beispiel, der Plan, die Masters-Turniere in Hamburg und Monte Carlo abzuschaffen, ein anderes.)

Wie viel die Europäer im Spielerrat bewirken können, wird sich erst noch zeigen. Der Rat hat in erster Linie eine beratende Funktion. Handfesten Einfluss hat er bei der Wahl der drei Spieler-Vertreter im ATP-Vorstand. Zwei von ihnen sind gerade frisch gewählt worden, und zwar noch vom alten Spielerrat. Der dritte wird Ende des Jahres neu bestimmt. Der Zorn auf ATP-Boss Etienne de Villiers (Über das Thema hatte ich vor drei Wochen schon mal geschrieben) hat die alten Spielervertreter, von denen sich die Spieler offenbar nicht mehr vertreten fühlten, hinweggefegt. Erst musste Perry Rogers gehen, der frühere Manager von Andre Agassi. (US-Doppelstar Bob Bryan war übrigens gegen Rogers Abwahl)
Das traf es den Holländer Jacco Eltingh. Dann wurde Iggy Jovanovic (Australien), dessen Amtszeit ablief, bedeutet, dass er nicht wieder zu kandidieren brauchte.

Die neuen Spielervertreter im ATP-Vorstand sind nun die beiden Amerikaner Justin Gimelstob und David Edges. Den dritten Posten übernimmt kommissarisch Ivan Ljubicic. Damit ist erstmals ein aktiver Spieler in dieser Funktion. Ich gehe davon aus, dass der Spielerrat nun einen anderen europäischen Kandidaten suchen wird, der sich mehr reinhängen kann als ein aktiver Spieler, und dass Ljubicic dann wieder in den Spielerrat zurückkehrt. Justin Gimelstob hat seine Karriere im letzten Jahr beendet. David Edges ist überhaupt kein Spieler, sondern ein führender Manager des US-Fernsehsenders Tennis Channel. Edges Rolle finde ich daher etwas problematisch. Er vertritt eben nicht nur die Interessen der Spieler, sondern immer auch die seines Unternehmens im US-amerikanischen Fernsehmarkt. Edges war auch Turnierdirektor des vom Tennis Channel veranstalteten Turniers von Las Vegas im letzten Jahr, bei dem de Villiers versuchte, entgegen dem Reglement US-Star James Blake anstelle des unbekannten Russen Jewgeni Korolew ins Viertelfinale zu bugsieren. Edges hatte sich aus dieser Sache offiziell zwar rausgehalten (Wer rief Etienne an?), aber Blake im Viertelfinale hätte seinem Sender halt schon bessere Quoten beschert als Korolev.

Hier die offizielle ATP-Mitteilung zum neuen Spielerrat

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