Sonntag, 29. Juni 2008

The Godfather of Tenniskommentatoren

An der Uni hatte ich mal eine Professorin, Frau Lohmeier hieß sie, in deren Vorlesungen fühlte ich mich geborgen. Wenn sie die hermeneutische Theorie des Films erläuterte oder die Geschichte der bukolischen Dichtung, war es, als sei Kindergeburtstag und gleich komme die Schokoladentorte auf den Tisch. Es dauerte Monate, bis ich begriff, woran das lag: Frau Lohmeiers Stimme klang genau so wie die Stimme der Mutter meiner Sandkastenfreundin Meike.

Dasselbe Gefühl der Geborgenheit hatte ich vorgestern und gestern. Die Stimme, die mir vor dem Fernseher das Gefühl gab, dass alles gut wird, klang nicht nur so, es war wirklich die Stimme von Gerd Szepanski, einem lang vergessenen Helden meiner Kindheit. In Wahrheit war er nie weg, ich konnte ihn bloß nicht mehr hören. Statt bei der ARD kommentiert er nämlich seit einigen Jahren auf Premiere. Bezahlfernsehen leiste ich mir zu Hause nicht. Freitag und Sonnabend aber konnte ich auf Premiere Wimbledon gucken, und es war fast wie damals, als Boris Becker und Stefan Edberg spielten.

Dabei fällt Gerd Szepanski kaum auf, seine Stimme ist eins mit dem Spiel, das man sieht. Er macht beim Kommentieren keine großen Mätzchen, sondern nur ganz kleine (Über die extrem blonde Freundin von Tommy Haas sagte Szepanski: "Geboren ist sie - so gehört sich das - in Malibu."). Er hält sich nicht lange mit trainingswissenschaftlichen Details oder mit den Besonderheiten der beidhändig geschlagenen Rückhand irgendeines Russen auf. Andere Kommentatoren recherchieren vor dem Spiel Sotissen über die Spieler im Internet. Gerd Szepanskis Stimme klingt so, als schalte er den Computer, der seit einiger Zeit auf seinem Schreibtisch steht, nur im äußersten Notfall an. Man hat als Zuschauer das Gefühl, Gerd Szepanski würde über Google zum Thema Tennis sowieso nichts finden, was er nicht schon längst weiß.

Ich selber bin da nicht ganz so bewandert. Ich muss, damit in meinem Blog die Fakten stimmen, immer wieder mal die Googlemaschine anschmeißen. Als ich vorhin Gerd Szepanski gegoogelt habe, habe ich nichts Negatives gefunden. Das muss man sich mal vorstellen: Da redet einer 30 Jahre lang vor laufendem Fernsehmikrofon, und es kommt dabei kein einziger Satz raus, den böswillige Menschen als Stilblüte im Internet breittreten. (Einzige lässliche Ausnahme im Hohlspiegel: "Als Martina Hingis ihre Toilettenpause nahm, schwappte hier auf dem Centre Court die Welle über.") Der Name Gerd Szepanski taucht sonst immer nur dann auf, wenn es um Lieblingssportreporter geht. Einer nannte ihn den "Godfather of Tenniskommentatoren"

Weiter werde ich das heute nicht ausführen. sonst verpasse ich noch das EM-Finale. Heribert Faßbender wird wahrscheinlich nicht der Kommentator sein.

Nächste Woche dann ein Wimbledon-Fazit inklusive Lob auf Rainer Schüttler, noch so ein vergessener Held vergangener
Tage.

(Und noch ein kleiner Nachklapp: Die anderen Premiere-Kommentatoren machen ihre Sache auch ziemlich gut. Da durchlebt man auf anderen Sendern härtere Zeiten. Vielen Dank auch an Szepanskis Kollegen, der die Zuschauer darüber in Kenntnis setzte, dass der Godfather in den Spielpausen Sodukus zu lösen pflegt.)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Heute im Spiel des Shakers ein Kommentar von G. Szepanski , bei dem ich vor lauter Lachen fast von der Couch fiel.

"Im Falle von Tipsarevic kann man nicht von O- Beinen sprechen, eher von negativem Sturz"

Gruß

Dunsfried

Matthias hat gesagt…

Gerd Szepanski ist einfach eine Legende geworden, natürlich auch dank Boris Becker. Eich echter Tennis-Experte!

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Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de