Sonntag, 1. Juni 2008

Etienne de Villiers: Das Micky-Maus-Missverständnis

Die ATP ist die Association of Tennis Professionals - der Zusammenschluss der Profi-Tennisspieler. Etienne de Villiers ist der Direktor der ATP. Man sollte annehmen, Etienne de Villiers wäre Interessenvertreter und Sprachrohr der Profi-Tennisspieler. In Wirklichkeit ist der Südafrikaner aber, seit er vor zweieinhalb Jahren sein Amt antrat, immer mehr zum Feindbild der Spieler geworden.

Darüber war in den letzten Wochen viel zu lesen, auch in Zusammenhang mit der drohenden Herabstufung des Turniers am Hamburger Rothenbaum. Schön zusammengefasst ist das alles in diesem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung von vor zwei Wochen.

Die Frage, mit der ich mich heute beschäftigen will, ist: Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte die ATP, die vor 20 Jahren im Interesse der Spieler den gesamten Tenniszirkus umkrempelte, sich einen Chef wählen, den das Interesse der Spieler anscheinend überhaupt nicht kümmert?

Etienne de Villiers war - das hat ihm von Beginn an den Spott der eingefleischten Fans eingebracht - Europachef der Walt Disney Company, bevor er zum Tennis wechselte. Außerdem ist er Mitbegründer des Private Equity Fonds Englefield Capital. Auch ohne "Private Equity Fond" mit "Heuschrecke" zu übersetzen, wie es sich in Deutschland eingebürgert hat, versteht man: Etienne de Villiers ist ein Mann der betriebswirtschaftlich denkt. Er will aus einem Unternehmen möglichst viel Geld rausholen. Das ist etwas, was die Spielervertreter, als sie de Villiers ins Amt verhalfen, vermutlich ganz gut fanden. "Mehr Geld aus der ATP herausholen" übersetzten sie mit "mehr Sponsoren" und "höhere Preisgelder".

Der Haken ist aber: Die ATP hat zwar einige Ähnlichkeiten mit weltweit agierenden Konzernen, ist aber trotzdem etwas völlig anderes. Trotzdem versucht de Villiers die ATP so, als wäre der Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft. So hat er es ja auch gelernt. Er will die Rendite steigern. Wenn er dabei auf Widerstände stößt, ficht ihn das nicht an. Ein Vorstandsvorsitzender muss in so einer Situation Führungsstärke zeigen und das, was er einmal als richtig erkannt hat, durchsetzen.

Die Preisgelder zu erhöhen, das hat er mit dieser Methode sogar hingekriegt. Um 30 Prozent sind sie gestiegen. Allerdings nur, solange man in Dollar rechnet. Den europäischen Spielern ist diese Steigerung auf ihren Eurokonten wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Widerstand gegen de Villiers in Europa besonders stark ist. De Villiers will, so hat es den Anschein, den Tenniszirkus amerikanisieren, wie er es bei Walt Disney gelernt hat. Die Sandplatz- und auch die Teppich-Turniere werden immer weniger. Die europäische Sandplatz-Saison war in diesem Jahr eine Woche kürzer als sonst, damit das Hartplatzturnier von Miami eine Woche später starten konnte - aus Rücksicht auf die amerikanische College-Basketball-Saison und die damit verbundenen Fernsehübertragungen. Der ur-amerikansche Hartplatz wird immer mehr zur Norm. Um den asiatischen Markt zu erobern, werden Turniere von Europa dorthin verlegt. Nordamerika bleibt von solchen Streichungen verschont. Mit der Marke Walt Disney kann man vielleicht so umgehen. Die Marke steht sowieso für den American Way of Life. Tennis ist aber auf der ganzen Welt zu Hause, und gerade das ist das Kapital dieses Sports.

Unvergessen ist eine Episode aus dem März vergangenen Jahres in Las Vegas. Die ATP hatte gerade probeweise bei einigen Turnieren Vorrunden-Gruppenspiele eingeführt. Auch so eine De-Villiers-Idee: Stars, die in der ersten Runde ausscheiden, hatte er als wirtschaftliches Problem für den Ticketverkauf ab der zweiten Runde erkannt. In Las Vegas spielten drei Spieler in einer Vorrundengruppe: James Blake (USA/damals Nr. 6 der Welt), Juan Martin del Potro (Argentinien/Nr. 67) und Jewgeni Korolew (Russland/Nr. 99). Blake verlor gegen Korolew. De Villiers Taktik war aufgegangen: US-Star Blake blieb trotzdem im Turnier und bekam gegen del Potro eine zweite Chance. Weil del Potro zwischenzeitlich gegen Korolew gewonnen hatte, konnte Blake tatsächlich mit einem deutlichem Sieg über die Satz- und Spieldifferenz noch ins Viertelfinale einziehen. Blake war auf dem beste Wege dazu. Als er 6:1 und 3:1 führte, gab del Potro verletzt auf. Solch ein unbeendetes Spiel würde das System mit der Satz- und Spieldifferenz durcheinanderbringen. Was in solch einem Fall passiert, stand deutlich im ATP-Regelwerk: Die Spiele des verletzten Spielers werden nicht gewertet. Es entscheidet der direkte Vergleich zwischen den beiden unverletzten Spielern der Gruppe. Also zog Korolev ist Viertelfinale ein, denn er hatte ja Blake geschlagen. Entsprechend trug es der Oberschiedsrichter in Las Vegas ins offizielle Tableau ein. Irgendjemand rief aber bei Etienne de Villiers in London an. De Villiers entschied: Das sei doch sehr ungerecht und James Blake habe doch schon so gut wie gewonnen gehabt, deswegen komme Blake ins Viertelfinale und nicht Korolew. (Der amerikanische Superstar gibt ja auch mehr Ticketverkäufe und Fernsehquote...)

Solche seltsamen Entscheidungen kennt man sonst höchstens vom Boxsport. Die ganze Tenniswelt war konsterniert. Am nächsten Tag lenkte de Villiers tatsächlich ein. Es sei spät in der Nacht gewesen, als ihn der Anruf aus Las Vegas erreicht habe. Er habe nicht ganz verstanden, worum es eigentlich ging, erklärte er.

Diese Episode, die für Kenner der Materie ja kalter Kaffee ist, habe sich ausführlich ausgebreitet, weil sie exemplarisch zusammenfasst, warum de Villiers eine Fehlbesetzung ist: Da zeigt nicht nur die Vorteilsnahme zu Gunsten des Amerikaners, da zeigt sich auch völliges Unverständnis dafür, wie sportliche Wettbewerbe funktionieren: Es gibt Spielregeln, auf die sich vorher alle geeinigt haben, und es gibt Schiedsrichter, die diese Regeln auslegen. Darin ähnelt der Sportbetrieb der Politik. Zum Vergleich: Man kann von der Bundeskanzlerin halten was man will, aber sie weiß, dass sie nicht einfach das Hamburger Schulgesetz ändern kann, wenn sie mitten in der Nacht jemand anruft und sagt, dass ein bestimmter Paragraph aber ungerecht sei. Und sie weiß, dass sie das auch dann nicht tun kann, wenn dieser Paragraph tatsächlich ungerecht ist.

Ein Unternehmer kann in einem Unternehmen schon eher mal spontan durchgreifen. Er kann auch einsame Entscheidungen fällen, ohne sich um den Ausgleich verschiedener widerstreitender Interessen zu kümmern.

Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle einen Nachruf auf den früheren ATP-Chef Hamilton Jordan, einem gelernten Politiker. Die Spieler standen hinter ihm, und er hat den Tenniszirkus erfolgreich umgekrempelt. Er wusste, wie man sowas macht, obwohl er vorher mit Tennis nicht viel zu tun hatte. Wenn es den Spielern gelingen sollte, Etienne de Villiers abzusetzen, sollten sie das bei der Suche nach einem Nachfolger bedenken: Das Problem ist vielleicht gar nicht de Villiers persönlich. Das Problem war ein falsches Anforderungsprofil. Die ATP braucht weniger jemanden, der weiß, wie man ein Unternehmen führt, sie braucht vor allem jemanden, der weiß, wie man eine Gemeinschaft führt.

Keine Kommentare:

Beliebte Posts

Impressum

Ove Jensen, Schleswig zackstennis@web.de