Sonntag, 15. Juni 2008

Endkampfchance für Kohli?

"Dabeisein ist alles" heißt ja angeblich der Wahlspruch der Olympischen Spiele. Es ist nicht so einfach, einen Hinweis darauf zu finden, dass der alte Pierre de Coubertin diesen Satz wirklich gesagt hat - geschweige denn, dass es ein offizielles olympisches Motto wäre.

Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gilt sowieso etwas anderes. Dort gilt: "Die Endkampfchance ist alles." Der DOSB nominiert einen Sportler nur dann für die olympischen Spiele, wenn der eine Chance hat, in den Endkampf einzuziehen. Was ein Endkampf ist, das bestimmt der DOSB. Bei einem 400-Meter-Lauf gibt es da nicht viel zu bestimmen, da ist die Sache klar. Das ist der Lauf, in dem die acht Schnellsten der Welt gemeinsam um die Medaillen rennen. Im Tennis hat der DOSB bestimmt, dass das Viertelfinale der Endkampf ist. Und vor allem: Der DOSB hat bestimmt, woran man erkennt, ob ein Spieler die Chance hat, ins Viertelfinale zu kommen: Man muss innerhalb der letzten zwölf Monate vor den Olympischen Spielen schon mal ein Viertelfinale geschafft haben, und zwar bei einem Grand-Slam-Turnier. Ersatzweise reicht auch ein Halbfinale bei einem Masters-Turnier oder Platz 24 in der Weltrangliste.

Demnach darf nur ein deutscher Spieler in Peking dabei sein. Nicolas Kiefer war im Oktober beim Masters in Madrid im Halbfinale. Bei den Frauen erfüllt niemand die Kriterien. Wenn alle Länder dieselben Kriterien wie der DOSB anlegen würden, hätte das IOC übrigens ein Problem: Das Teilnehmerfeld des Tennisturniers umfasst 64 Spieler. Die DOSB-Kriterien erfüllen aber neben den ersten 24 der Weltrangliste nur fünf weitere Spieler. (Außer Kiefer sind das der Amerikaner Mardy Fish (Finalist in Miami), Andreas Seppi aus Italien (Halbfinalist in Hamburg), Jarkko Nieminen aus Finnland (Viertelfinale in Melbourne) und Ernests Gulbis aus Lettland (Viertelfinale in Paris).

Dass Philipp Kohlschreiber noch um seine Nominierung bangt, war in den letzten Tagen oft Thema in den Medien. In fast jeder Sportsendung, die vom Turnier Halle berichtete, wo Kohlschreiber heute im Finale stand, wurde es erwähnt. Und sogar in meiner Regionalzeitung stand ein Artikel. Überall wurde eine Ausnahmeregelung für Kohlschreiber gefordert und die DOSB-Kriterien wurden in Frage gestellt. Alle deutschen Tennisfans, die immer so gerne darüber klagen, dass ihr Sport in den Medien kaum noch stattfindet, sollten das mit Freude zur Kenntnis nehmen: Tennis hat in Deutschland immer noch eine sehr starke Lobby. Die Sache mit der Endkampfchance betrifft schließlich nicht nur Tennisspieler, sondern auch Hammerwerfer, Bogenschützen, Geher, Judoka und viele andere. Seit Jahrzehnten müssen Schwimmer und Leichtathleten bestimmte vom DOSB (und früher vom NOK) festgelegte Normzeiten, -weiten oder -höhen schaffen. Man wolle eben keine Olympiatouristen nach Atlanta, nach Sydney, nach Athen, nach Peking schicken, lautet seit jeher die Begründung.

Nach den Regularien des ITF sind die ersten 56 Spieler der Weltrangliste vom 9. Juni qualifiziert. Die restlichen acht Startplätze sind für Wild Cards reserviert, die vor allam an Spieler aus unterrepräsentierten Weltregionen gehen. Zum Beispiel wird jemand aus Togo und jemand aus El Salvador dabei sein.

Unter den ersten 56 sind drei Deutsche: Nicolas Kiefer, Philipp Kohlschreiber und Tommy Haas, der für Olympia schon abgesagt hat. Weil auch einige Spieler nicht antreten wollen und manche Länder mehr als die erlaubten vier Spieler pro Nation unter den ersten 56 haben, hätte auch Denis Gremelmayr (Nr. 66) Aussichten nachzurücken.

Bis vor vier Jahren hatte ich angenommen, die anderen großen Länder wären beim Nominieren genau so streng wie die Deutschen (die ja bei den Eröffnungsfeiern trotzdem stets eine recht große Mannschaft einlaufen lassen). Dann gab es im Tennis eine ähnliche Situation wie jetzt mit Philipp Kohlschreiber. Es ging um Florian Mayer. Der Internationale Tennisverband (ITF) und vor allem die ATP waren offenbar davon ausgegangen, dass alle Spieler, deren Weltrangslistenposition gut genug ist und die bei den olympischen Spielen dabei sein wollen, das auch dürfen. Einzige Einschränkung - wie bei Olympia üblich - war: Höchstens vier Spieler pro Land. Nur in Deutschland und den Niederlanden machten die Nationalen Olympischen Komitees nicht mit. Florian Mayer und der Holländer Raemon Sluiter wurden nicht nominiert - wegen fehlender Endkampfchance.

Das sorgte weltweit in der Tennisszene für Aufsehen, denn die ATP drohte damit, dem Olympischen Turnier die Weltrangslistenpunkte abzuerkennen. Die ATP vergibt Punkte nur für Turniere, die die Zulassungskriterien der ATP anwenden, und da geht es nach Weltranglistenposition und nicht nach Regeln nationaler Sportverbände. 2004 löste sich das Problem, indem Florian Mayer kurz vor Toreschluss in Wimbledon das Viertelfinale erreichte und nachnominiert wurde. (Für Raemon Sluiter fand sich, glaube ich, auch irgendeine Lösung.)

IOC, ITF und ATP erklärten später, sie hätten sich auf Regeln für das Nominierungsverfahren geeinigt. Und in der Tat sieht es so aus, als sollte sich das Theater mit den Weltrangslistenpunkten diesmal nicht wiederholen. In der "IOC Qualification System Summary" heißt es jetzt unter anderem: "Entry is attributed to the NOC which has the right to enter the athletes that are eligible based on the ITF’s criteria and the recognised World Ranking of 9 June 2008."

Der DOSB hat also das Recht, Kohlschreiber zu nominieren, aber nicht die Pflicht. Die Passage sollte der ATP bekannt sein, sie hätte also schlechte Karten, wenn sie wieder mit Aberkennung der Weltranglistenpunkte drohen sollte, zumal sie mit dem IOC eine formale Vereinbarung über die Punktevergabe getroffen hat. (Was ich freilich nicht weiß, ist, ob das Regelwerk 2004 anders aussah.)

In einem Punkt ist die ATP bei ihrer Weltrangliste aber ohnehin inkonsequent geworden. Bisher galt: Punkte gibt es nur für Turniere, bei denen die Weltrangliste bestimmt, wer startberechtigt ist. Ab 2009 werden aber auch in der Davis-Cup-Weltgruppe Weltranglistenpunkte vergeben. Und da steht ja nun vollkommen im Ermessen des Teamkapitäns, wen er aufstellt. Da gibt es nicht annähernd so transparente Kriterien wie beim DOSB. Ein Weltklassespieler wie Marcos Baghdatis hat überhaupt keine reale Chance, im Davis-Cup zu punkten. Es gibt keinen zweiten Spieler, der stark genug wäre, mit dem Zypern in die Weltgruppe aufzusteigen.

In einer Woche geht Wimbledon los, die letzte Chance für Philipp Kohlschreiber, das Olympiaproblem genau so zu lösen wie Florian Mayer vor vier Jahren. Die Chancen stehen gar nicht schlecht. Wer in Halle ins Finale kommt, sollte auch im Wimbledon das Viertelfinale schaffen können. Kohlschreiber braucht dazu aber mindestens so viel Glück bei der Auslosung wie in Halle: In den ersten vier Runden sollte Roger Federer lieber nicht kommen.

(Die Holländer sind auch diesmal wieder die einzigen, die genau so strenge Olympia-Kriterien wie die Deutschen anlegen. Unsere Nachbarn haben Robin Haase - Nr. 62 der Welt - bislang nicht nominiert.)

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