Sonntag, 11. Mai 2008

Live von der Quali in Hamburg

In den letzten fünf Jahren war ich immer an mindestens einem Tag beim Turnier am Hamburger Rothenbaum. Gestern sah ich mich zum ersten Mal genötigt, eine Tube Sonnencreme mitzunehmen. Wolkenloser Himmel, 22 Grad im kaum irgendwo vorhandenen Schatten. Endlich ist mal Schluss mit dem Gejammere, Anfang Mai sei es in Norddeutschland zu kalt für Freiluftsport.
Am Sonnabend wurde die erste Runde der Qualifikation gespielt. Ich habe die Zuschauer nicht gezählt, aber es werden mehrere Tausend gewesen sein. Auf jeden Fall deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Heute, am Sonntag (da war ich selber nicht da), sollen es noch viel mehr gewesen sein.
Das lag gewiss nicht nur am Wetter, sondern auch an Marat Safin. Der frühere Weltranglistenerste aus Russland – zurückgefallen auf Platz 79 – musste zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder bei einem Turnier durch die Qualifikation. Dieses Ereignis war auch der Hamburger Lokalpresse ein paar Schlagzeilen wert.
Abgesehen von Safin war das Teilnehmerfeld allerdings deutlich schwächer als in den vergangenen Jahren. Das dürfte in erster Linie daran liegen, dass parallel zum Hamburger Masters-Turnier sieben kleine Challenger-Turniere stattfinden. Im vorigen Jahr waren es nur drei. Insbesondere diejenigen Spieler, die ihre Chancen, in Hamburg die Qualifikation zu überstehen, eher gering einschätzen, reisten diesmal lieber woanders hin. Es waren also eine ganze Reihe etablierter Profis am Start, die auch im Hauptfeld die eine oder andere Runde überstehen können, hinter ihnen klaffte aber eine große Lücke. Für einen Startplatz reichte diesmal Weltranglistenplatz 311. Letztes Jahr war es Platz 111. In den meisten Spielen der ersten Quali-Runde traf also ein haushoher Favorit auf einen krassen Außenseiter.
Über vier der Spiele werde ich heute kurz berichten, aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ich wollte von möglichst vielen Spielen einen Eindruck mitnehmen und in deshalb munter zwischen den vier Plätzen gependelt und habe kaum ein Spiel von Anfang bis Ende gesehen.

Marat Safin – Julian Reister 3:6, 6:2, 6:1

Das war es also, das erste Qualifikationsspiel von Marat Safin seit dem 25. Oktober 1998. Für alle Safin-Fans, die befürchten, dies könnte demütigend gewesen sein, vorab eine klare Entwarnung: 2000 Leute auf den Center-Court, ein Riesen-Bohei, als der Superstar den Platz betrat. Da hat Safin in Hamburg schon trostlosere Auftritte erlebt. (Vor drei Jahren war ich einer von höchstens 200 Hardcore-Fans, die frierend zu vorgerückter Stunde eine Safin-Galavorstellung sahen, sein armer Erstrundengegner Alberto Martin (Spanien) spielte seinerzeit zwar gar nicht so schlecht, verlor aber 1:6, 0:6.) Diesmal musste Safin etwas mehr Zeit aufwenden. Im ersten Satz war deutlich zu sehen, wieso er in der Weltrangliste so weit abgerutscht ist. Er ist zwar noch immer dasselbe Energiebündel wie das, das 2005 Alberto Martin an die Wand spielte, er setzt diese Energie aber nicht präzise genug um. Julian Reister, ein Nachwuchstalent aus Schleswig-Holstein und Nummer 311 der Welt, spielte am oberen Rand seiner Möglichkeiten, hielt tapfer den Ball im Spiel und setzte ein paar schöne Passierbälle, wenn Safin ungestüm ans Netz rannte. Anschließend fing Safin sich, drehte das Match und gewann auch sein Spiel am Sonntag: Qualifikation geschafft. Ich sah mich in meinem Eindruck bestätigt, den ich von seinen Ergebnissen der letzten Zeit hatte: Ob er gewinnt oder verliert, hat wenig damit zu tun, wer sein Gegner ist, sondern hauptsächlich mit ihm selber.

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Marat Safin spielte zum ersten Mal seit zehn Jahren Qualifikation

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Julian Reister trotzte der ehemaligen Nummer eins einen Satz ab

Marcel Granollers – Leonardo Azzaro 6:4, 6:2

Dies war eines der Spiele, das nicht nur auf dem Papier nach einer klaren Sache aussah, sondern auch auf dem Platz eine war. Marcel Granollers ist ein Spieler, dessen Namen sich zu merken lohnt. Hamburg dürfte bis auf weiteres das letzte Turnier gewesen sein, in dem er durch die Quali musste. Der 22-Jährige aus Barcelona hat im April in Houston sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Da wird man natürlich neugierig, was das wohl für einer ist. Mein Eindruck: Der Junge wird noch mehr Turniere gewinnen. Ich habe selten Spieler gesehen, die technisch ein so vielseitiges und unterhaltsames Sandplatztennis spielen (Mir fällt nur Guillermo Coria ein. Und Granollers kann, anders als Coria, auch Serve und Volley spielen.) Granollers ist dabei aber noch etwas zu verspielt. Nicht jeder grandiose Schlag war auch wirklich zielführend. Gegen Leonardo Azzaro konnte er sich das erlauben. Bei den Gegnern, die im Hauptfeld auf ihn warten, sieht das vermutlich anders aus.

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Marcel Granollers: Vielleicht der nächste große Spanier.

Jaan-Frederik Brunken – Jürgen Melzer 7:6, 2:6, 6:3

Das sieht doch prima aus: Ein Junge aus Verden, der gerade erst 18 geworden ist, bekommt eine Wild Card für die Quali in Hamburg und schägt mal eben einen arrivierten Top-Hundert-Spieler. Was ich von dem Spiel gesehen habe, wirkte allerdings weniger berauschend. Jürgen Melzer (Österreich) stand völlig neben sich, wie in letzter Zeit häufiger mal. Brunken hat gewonnen, weil Melzer kaum einen Ball vernünftig traf. Von allen Spielen, die ich gesehen habe, war dies das schwächste. Trotzdem darf man Brunkens Erfolg nicht zu gering bewerten: Er hat vorher noch nie vor einer solchen Kulisse wie in Hamburg gespielt, noch nie gegen einen so renommierten Spieler und hat trotzdem die Nerven behalten. Wunderdinge sollte man von Brunken so schnell aber nicht erwarten, und in der zweiten Quali-Runde war er dann auch völlig chancenlos.

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Jaan-Frederik Brunken profitierte von der unterirdischen Form seines Gegners.

Julien Benneteau – Alexander Waske 6:3, 6:2

Fast acht Monate lang war Alexander Waske außer Gefecht, nachdem er sich beim Davis-Cup-Doppel in Moskau den Schlagarm verletzt hatte. Dieses Spiel war sein Comeback, und immerhin: Die Schulter hat gehalten. Das Ergebnis sieht zwar nach einer klaren Sache aus, aber mein Eindruck war: Waske ist auf einem guten Wege. Das ist ja bei einem 33-Jährigen nach einer Langzeitverletzung nicht so ganz selbsverständlich. Ich habe nur den ersten Satz gesehen, und der war eine sehr enge Sache. Gegen Benneteau, der einer der stärksten Spieler in der Quali ist, hatte Waske einige Breakchancen. Trotz der Niederlage geht Waskes Comeback in Hamburg weiter: Er spielt im Doppel zusammen mit Rainer Schüttler.

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Alexander Waske scheint nach seiner langen Verletzungspause auf einem guten Weg zu sein.

Am Dienstag bin ich noch einmal am Rothenbaum. Davon nächste Woche mehr. Hier erstmal der Link zu den Ergebnissen der Quali.

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