Sonntag, 18. Mai 2008

Live vom Hamburger Rothenbaum

Beginnen wir heute mit einem Thema, das gar nicht hierher gehört: Justine Henin. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgangen sein, dass mein Blog ausschließlich vom Männertennis handelt. (Ich beschränke mich auf den Bereich, mit dem ich mich etwas besser auskenne.) Aber Justine Henin hat in dieser Woche nun einmal für die alles überragende Tennisnachricht gesorgt. Mit 25 Jahren und als amtierende Weltranglistenerste beendet sie ihre Karriere - mit sofortiger Wirkung. Zu den Hintergründen können andere Leute sich kompetenter äußern als ich. Ich finde es einfach sehr schade, denn Justin Henin gehört zu den wenigen Spitzenspielerinnen, die nicht nur wild auf den Ball eindreschen, sondern richtig elegant spielen. Aber wer weiß… Für ein Comeback ist es ja auch in ein paar Jahren nicht zu spät.

Roger Federer war so freundlich, ein Zitat zu liefern, mit dem ich den Bogen zu meinem eigentlichen Thema schlagen kann. “Das war ein großer Schock. Ich könnte mir niemals vorstellen, in meinem Alter plötzlich aufzuhören”, sagte die Nummer Eins bei den Männern über seine weibliche Amtskollegin nach seinem Drittrundenmatch in Hamburg.

Also Hamburg. Über den Turnierausgang und über Nicolas Kiefer im Viertelfinale gibt es andernorts genug Berichte. Die unsichere Zukunft des Turniers hat in dieser Woche aus gegebenem Anlass zwar viele Schlagzeilen gemacht, es gibt aber nicht wesentlich mehr dazu zu sagen als schon vor ein paar Monaten. Also reicht ein Link auf den Februar.

Ich werde über den Dienstag schreiben. An dem Tag war ich nämlich im Stadion. Ich hatte meinen Fotoapparat mit, also gibt es auch ein paar Bilder zu sehen.

Das meistbeachtete Spiel des Tages war das von Philipp Kohlschreiber (zu dem Zeitpunkt noch Deutschlands Nummer eins) gegen den Turniersieger von 2006, Tommy Robredo. Ich merke gerade, dass mir von dem Spiel nicht besonders viel im Gedächtnis geblieben ist. Vielleicht ist Robredos Spitzname “Boredo” (von engl. boring) also doch nicht so unberechtigt. Das größte Hallo auf den Tribünen gab es, als der übergewichtige amerikanische Oberschiedsrichter Tom Barnes auf den Platz, wieder zurück und dann noch mal auf den Platz trottete, weil sich Stuhlschiedsrichter und Spieler nicht einig wurden, ob eine Vorhand von Robredo im Aus war. Am Ende wurde der Punkt wiederholt, und Kohlschreiber verlor darüber den Faden und das schon fast sicher gewonnene Spiel.

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Philipp Kohlschreiber verlor den Faden.

Vorher hatte auf dem Center Court Andreas Beck gespielt. Ich freue mich besonders, dass ich jetzt ein Foto von Becks ballettartiger Aufschlaghaltung anbieten kann, über die ich mich schon in meinem Bericht vom Challenger in Wolfsburg ausgelassen habe.

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Andreas Becks Ballett-Aufschlag

Andreas Beck (22 Jahre, Weltranglisten-Nummer 137) hatte für Hamburg eine Wildcard bekommen, weil er Deutscher Meister ist. Die Deutsche Meisterschaft ist sportlich in erster Linie wegen dieser Hamburg-Wildcard interessant. Weil die Meisterschaft im November in der Halle auf schnellem Teppich ausgespielt wird, gewinnen oft Leute, die auf langsamen Sand etwas deplatziert wirken. Mit Andreas Beck gab es endlich mal wieder einen Meister, der dieser Wildcard wirklich würdig war. Im ersten Satz gegen Janko Tipsarevic (Serbien) traf Beck jeden Ball nahezu perfekt. Danach ist er zwar eingebrochen, trotzdem bezeichne ich ihn seit Dienstag nicht mehr als ewiges Talent, sondern als Hoffnungsträger. Der Mann wird in den nächsten ein bis zwei Jahren unter den ersten 80 der Welt stehen. Ob es für mehr reicht, weiß ich nicht.

Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit fand auf den Nebenplätzen dann noch der Doppelwettbewerb statt. Wenn nicht gerade bekannte Einzelspieler beteiligt sind, besteht das Publikum da überwiegend aus den Angehörigen von Ballkindern und Linienrichtern. (Nicht einmal die Trainer der Spieler sind dabei - das Doppel-Preisgeld ist so bescheiden, dass sich deren Reisekosten daraus nicht bestreiten lassen.) Dabei fetzt Doppel richtig. Jedem Tennisturnierbesucher ist ein Abstecher auf die Nebenplätze dringend ans Herz zu legen.

Das Spiel von Christopher Kas (Bayern) und Rogier Wassen (Holland) gegen Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski (Polen) muss ich schon allein deshalb erwähnen, damit ich dieses Foto einbauen kann.

Kas Wassen
Christopher Kas (links) und Rogier Wassen

Da kann keiner von Kas’ Lippen ablesen, welche Aufschlagvariante er seinem Partner gerade ankündigt. Kas uns Wassen stehen (jedenfalls bis letzte Woche) in der Teamrangliste auf Platz elf, sind also rechnerisch gar nicht so weit weg von der Qualifikation zum Masters, an dem die acht besten Doppel der Welt teilnehmen. In dem Spiel gegen die beiden Polen schienen sie mir von der Weltspitze aber ein ganz schönes Stück entfernt zu sein. Kas’ Volleys waren im ersten Satz sehr sicher gespielt, führen aber selten zum direkten Punktgewinn.
Der kleine von den beiden Polen (Fyrstenberg, glaube ich) schlug auf wie ein Wahnsinniger. Sowas können Kas und Wassen nicht. Wassens Aufschlagbewegung sieht sehr ulkig aus. Erinnerte mich ein wenig an Jay Berger aus den frühen Neunzigern. (Ich hab einen Youtube-Clip mit Wassen gefunden)

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