Sonntag, 20. April 2008

Die Sandplatz-Olympia-Legende

Wird Rafael Nadal jemals Nummer eins? Wird wirklich er es sein, der eines Tages Roger Federer entthront? Drei Jahre lang schien das völlig selbstverständlich. Es war kein anderer Konkurrent in Sicht. Dann kam Novak Djokovic. Spätestens nach dessen Sieg bei den Australian Open in diesem Januar musste sich Nadal ernsthaft Sorgen machen, selber überholt zu werden, bevor er Federer überholt.

Nach dem Masters-Turnier in Miami hat sich die Lage etwas entspannt. Nadal kam ins Finale, und Djokovic flog in der ersten Runde gegen Kevin Anderson von Weltranglistenplatz 122 raus. Nadal liegt jetzt wieder mehr als 1000 Punkte vor Djokovic.

Aber jetzt hat die Sandplatz-Saison begonnen. In Monte Carlo, Barcelona, Rom, Hamburg und Paris muss Nadal 2650 Punkte aus dem vergangenen Jahr verteidigen, als er außer dem Finale von Hamburg alles gewann. Bei Djokovic stehen in derselben Zeit nur 975 Punkte auf der Streichliste.

Unter normalen Umständen wäre es Nadal zuzutrauen, seine Siegesserie zu wiederholen. Auf Sand ist er nach wie vor der Beste der Welt. Aber die Umstände sind nicht normal: Der Turnierkalender sieht in diesem Jahr etwas seltsam aus, und darüber könnte Nadal stürzen. Normalerweise liegen zwischen dem Hartplatz-Masters von Miami und dem Sandplatz-Grand-Slam in Paris acht Wochen: Eine Woche für den Davis-Cup und sieben für Sandplatzturniere. In diesem Jahr fehlt eine Woche. Die Folge: Die vier größten Sandplatz-Turniere vor den French Open werden in vier aufeinander folgenden Wochen gespielt. Heute beginnt Monte Carlo, es folgen Barcelona, Rom und Hamburg. Nadal muss, will er seine Punkte verteidigen, drei dieser Turniere gewinnen und beim vierten ins Finale kommen. Ohne Pause. 20 Matches in 26 Tagen. Gut möglich, dass er irgendwann schlapp macht und gegen einen Spieler von Weltranglistenplatz 122 verliert.

Da stellt sich die Frage: Warum ist der Turnierkalender so? Die am häufigsten gegebene Antwort lautet: Wegen Olympia. Weil im August das olympische Turnier in den Kalender eingefügt wird, müssen eben alle anderen Termine etwas zusammengestrichen werden. Klingt logisch. Ist aber völliger Blödsinn. Wenn es wahr wäre, müsste die Sandplatzsaison eine Woche früher als sonst enden. Tut sie aber nicht. Sie fängt eine Woche später an. Um den Termin für Olympia frei zu bekommen, werden im Juli teilweise vier Turniere parallel gespielt. (Üblicherweise sind drei Turniere pro Woche das höchste der Gefühle.)

Die europäische Sandplatz-Saison im Frühjahr hat damit nichts zu tun. Sie ist kürzer, weil das Turnier in Miami eine Woche später stattfand. Der Grund dafür ist aus europäischer Sicht reichlich bizarr: Es liegt am amerikanischen College-Basketball. Nadal dazu: “Ich respektiere den College-Basketball zu hundert Prozent. Er ist sehr wichtig. Aber wir können doch unseren Kalender nicht nach dem College-Basketball ausrichten, oder?”

Doch. Die ATP kann genau dies. Gar nicht mal so sehr, weil es die amerikanischen Fans zerreißen würde, wenn das Tennisfinale von Miami parallel zum Basketball stattfände. Aber den Fernsehsender CBS hätte es zerrissen. Der hatte sich nämlich die Übertragungsrechte für beides gesichert.

Ich erinnere mich nicht daran, dass die ATP jemals ihren Kalender wegen Fußball geändert hätte. Nicht einmal wegen der WM, die außerhalb der USA alles andere in den Schatten stellt. Also: College-Basketball ist sehr wichtig. Nimmt man es aber zu wichtig, besteht die Gefahr, dass man sich Vorwürfen aussetzt, in denen das Wort US-Imperialismus vorkommt.

Sollte Rafael Nadal im Juni noch immer Weltranglistenzweiter sein, wäre dies also als sehr große Leistung zu bewerten. Und selbst wenn Djokovic ihn kurzzeitig überholen sollte, wäre dies keine Vorentscheidung in der Frage, wer Roger Federer nachfolgt. Federer selber hat in der Sandplatzsaison 1225 Punkte zu verteidigen, bei (einschließlich seines Sieges in Estoril heute) 845 Punkten Vorsprung auf Nadal. Theoretisch könnte er zwar schon in den nächsten Wochen überholt werden, ich glaube daran aber nicht.

Der ATP-Turnierkalender 2008

Nadals Interview in Miami, in dem er auch über den Turnierkalender spricht

(Alle anderen Quellen zum Thema, die ich gefunden habe, beziehen sich auf dieses Interview von Nadal. Offizielle Äußerungen der ATP zu dieser Eigenheit des Turnierkalenders gibt es nicht.)





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