Sonntag, 2. März 2008

Live aus Wolfsburg

Heute gibt es wieder einen Livebericht, und zwar vom Challenger aus Wolfsburg. Ich muss diesen Text schreiben, bevor ich überhaupt weiß, wer das Turnier gewonnen hat. Schließlich soll mein Blog zuverlässig am Sonntagabend online gehen - und ich bin heute Abend nicht zu Hause, muss also vorarbeiten. Im Finale spielen der Usbeke Farrukh Dustuv und der schwäbische Ire mit dänisch-schleswigschem Nachnamen Louk Sörensen. Eines Tipps, wer von beiden gewinnen wird, enthalte ich mich lieber. Ich habe am Freitag die Viertelfinals gesehen und war mir sicher, dass diese beiden Spieler im Halbfinale verlieren würden.

Aber der Reihe nach: Challengerturniere der kleinsten Kategorie sind schon ein ganz spezielles Schauspiel. Ich war vor drei Jahren mal auf einem in Lübeck, das lief so ähnlich wie in Wolfsburg. Ich bin also geneigt, meine Beobachtungen zu verallgemeinern:
Auf einem Parkplatz des Tennisclubs am Stadtrand - im Gewerbegebiet oder zumindest nahe einer Autobahnbrücke - stehen Oberklasselimousinen. Vor der Eingangstür weht die offiziele ATP-Flagge. Hinter der Tür gelangt man in eine Lounge mit Plastiktischchen mit grünen Servietten, an denen Herren im dunklen Zwirn und überparfümierte Damen ihren Lunch einnehmen. Irgendwo ist eine Showbühne, auf der ein Team des örtlichen Fitnessstudios eine Spinningdemonstration abspult. Man muss ein wenig suchen, aber irgendwann entdeckt man hinten rechts eine kleine Tür. Weil es außer dem Eingang mit der ATP-Flagge, durch den man gerade gekommen ist, keine andere Möglichkeit gibt, die Lounge zu verlassen, probiert man diese Tür aus - und hat Erfolg. Man gelangt in eine Halle mit drei oder vier Tennisplätzen - die Sorte Halle, wo normalerweise das TSV-Kindertraining stattfindet. Für das Challenger verschwindet einer der Plätze unter einer Behelfstribüne, einer wird zum Center Court und auf einem können die Profis trainieren. In Wolfsburg saßen - außer den Eltern der Balkinder - überwiegend Rentner auf der Tribüne. In Lübeck damals waren auch ein paar Schüler und Studenten dabei. Spärlich besetzt waren die Ränge in beiden Fällen. Gegen Abend wurden es vielleicht 150 bis 200 Leute.

Dustov - Ledovskikh 6:4, 7:6

Die Damen und Herren vom Lunch in der Lounge sieht man auf der Behelfstribüne übrigens eher selten. Meistens kommen sie zehn Minuten vor dem Ende eines Matches und sind danach auch schnell wieder verschwunden. Sie stören also nicht weiter, und wenn man sich die Großspurigkeit des Rahmenprogramm wegdenkt, sind Challenger schöne kleine Turniere, bei denen man als Zuschauer ganz dicht dran an den Spielern ist. Ganz dicht dran ist man allerdings bei großen Turnieren, wenn man auf die Nebenplätze geht, auch. Und das bei höherklassigem Sport als auf Challengers. Das jedenfalls war mein Gedanke während des ersten Viertelfinals am Freitag. Mikhail Ledovskikh gegen Farrukh Dustov war unterirdisch. Zu den Teppich-Challengern in deutschen Tennishallen scheinen aus der ganzen Welt Menschen anzureisen, die hart aufschlagen können, aber nicht Tennis spielen. Bei Ledovskikh kam erschwerend hinzu, dass er nur einen ersten Aufschlag hatte, aber keinen zweiten. Würde Dustov außer Aufschlagen auch Returnieren können, hätte er deutlich glatter als 6:4, 7:6 gewonnen. (Ledovskikh kann man nur wünschen, dass er in Wirklichkeit mehr kann und absichtlich verloren hat, um noch am Freitagabend das Flugzeug nach Dubai zu erschwischen. Dort nämlich hat er schon am Sonnabendmittag erfolgreich in der Qualifikation gespielt, was sich finanziell mehr gelohnt haben dürfte als das Halbfinale in Wolfsburg.)

Kukushkin - Huta Galung 6:2, 6:2

Die weiteren Spiele waren dann aber deutlich besser. Außerdem fand ich es schön, Spieler zu sehen, die ich bisher nur von Namen auf Ergebnislisten kannte. (Auch dieser Aspekt war im Ledovskikh-Dustov-Match enttäuschend. Die beiden sehen aus, wie man sich Russen und Usbeken eben vorstellt. Die Details ihrer Physiognomie habe ich schon wieder vergessen. Und spielerisch war da ja auch nicht viel zum Merken.) Aber dann: Mikhail Kukushkin gegen Jesse Huta Galung. Huta Galung hatte ich mir (wahrscheinlich wegen des lustigen Nachnamens) so ähnlich wie Jo-Wilfried Tsonga vorgestellt. Völlig falsch. Den Platz betraten zwei brünette Mitteleuropäer. Kukushkin im weißen Tennisdress und grauem Kapuzenpulli. Huta Galung im knallgrünen ärmellosen Hemd. Dache ich. Aber da war ich wieder Opfer meiner Vorurteile. Kukushkin war der in Grün. Von Kukushkin hatte ich nicht viel erwartet. Seinen Weltranglistenplatz kurz hinter 200 verdankt er hauptsächlich Erfolgen bei schwach besetzten Turnieren in Zentralasien. Er hatte in Wolfsburg zwar in der ersten Runde gegen den an eins gesetzten Philipp Petzschner gewonnen, aber nach allgemeiner Einschätzung nur, weil Petzschner von den vorhergehenden Turnieren erschöpft war. Huta Galung dagegen hatte immerhin neulich die Qualifikation beim ATP-Turnier in Marseille geschafft. Aber schon wieder kam alles anders als erwartet. Er war ein sehr einseitiges Match. 6:2, 6:2 für Kukushkin, dem einfach alles gelang. Ich habe selten einen 20-Jährigen so wenige Fehler machen sehen. Und als Huta Galung es im zweiten Saz verzweifelt mit Netzangriffen versuchte, zeigte Kukushkin, dass er auch Passierbälle und Lobs beherrscht. Ich war überzeugt, dass er das Turnier gewinnen würde und demnächst unter den Top 100 der Welt auftaucht.

Sörensen - Beck 7:6, 6:4

Dann Louk Sörensen gegen Andreas Beck. Beck mit seinen 22 Jahren wird langsam sowas wie das ewige Talent des deutschen Tennis. Aber immerhin Talent. Der ein Jahr ältere Sörensen ist nicht einmal das. Ein Qualifikant mit Weltranglistenplatz jenseits von 300. Trotzdem hat er gewonnen (7:6, 6:4). Im Nachhinein finde ich, das war schon vor Spielbeginn zu sehen. Sörensen ging nicht an die Grundlinie, sondern hüpfe mit einem Meter hohen Bocksprüngen dorthin. So spielte er auch. Er begann mit drei Assen in Folge. Danach prügelte Berserker Louk auf jeden Ball mit einer solchen Gewalt ein, dass mir bis zum Ende nicht klar wurde, wieso die nicht alle meterweit ins Aus gingen. (Obwohl: Manchmal taten die Bälle das ja.) Beck sah daneben wie der geboren Verlierer aus. Mit großen Augen und platt auf dem Kopf liegenden dunklem Haar. Seine Körperhaltung beim Aufschlag - das linke Bein lecht angewinkelt - wirkte, als wolle er zu einem Balletttanz ansetzen.
Ach ja: Nachdem Huta Galung so völlig anders als erwartet aussah, hat wenigstens Louk Sörensen meine Vorurteile bestätigt: Ziemlich lange blonde Haare, Stirnband, etwas gedrungene Figur. Das perfekte Mitglied der Kelly Family.

Brands - Stadler 6:4, 6:3

Zum Schluss Simon Stadler gegen Daniel Brands. Brands ist fast zwei Meter groß und in erster Linie für seinen Aufschlag bekannt. Weil auch Stadler eine gewisse Vorliebe für schnelle Bodenbeläge hat, machte ich mich auch einen ähnlich müden Kick wie Ledovskikh-Dusov gefasst. Es kam aber anders. Die beiden lieferten das unterhaltsamste Match des Tages. Brands hat es mit 6:4, 6:3 locker gewonnen und schlug außer starken Aufschlägen auch die besten Volleys des Tages. Ich fand auch seine Rückhand ganz gut, das mag aber an meinen niedrigen Erwartungen gelegen haben.

Meine Tipps fürs Halbfinale waren: Kukushkin schlägt Sörensen und Brands schlägt Dustov. Keine Ahnung, wieso es genau andersrum kam. Vielleicht, weil Sörensen einfach weitergeberserkert hat und Kukushkin im Halbfinale doch noch zu seinem erwartet schlechten Spiel gefunden hat. Vielleicht weil Dustov einfach ein Talent hat, das spielerische Niveau seiner Gegner so weit zu drücken, dass es unter seinem eigenen liegt. (So etwas gibt's ja. Auf der ATP-Tour gewinnt Gilles Simon ausschließlich mit dieser Methode.) Vielleicht weil Brands mit seinen 20 Jahren noch nicht alt genug ist, dauerhaft so konzentriert zu spielen wie gegen Stadler. Vielleicht auch einfach, weil meine Beobachtungen am Freitag falsch waren.

Ich bin jedenfalls gespannt, ob jemand von den Wolfsburger Viertelfinalisten in absehbarer Zeit den Sprung auf die ATP-Tour schaffen wird. Wenn Brands und Kukushkin es schaffen, hätte das zwei Vorteile: Die spielen attraktives Tennis und ich hätte mit meiner Einschätzung vom Freitag doch noch recht. Es besteht aber auch die ernsthafte Gefahr, dass Farrukh Dustov es schafft.

Die Ergebnisse aus Wolfsburg

1 Kommentar:

maldini hat gesagt…

Zack, besten Dank für deinen Bericht aus Wolfsburg! :)

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