Sonntag, 16. März 2008

Kreml-Astrologie aus dem Davis-Cup-Team

Als "Kreml-Astrologie" bezeichnete man während des Kalten Krieges die Kunst, aus den kargen Nachrichten, die aus den Mauern des Kreml nach außen drangen, herauszufiltern, wer von den Mitgliedern des Politbüros des KPdSU was denkt und will. Das deutsche Daviscup-Team und das Politbüro der KPdSU haben zwar so gut wie nichts miteinander gemein. Trotzdem ist in dieser Woche die Kunst der Kreml-Astrologie gefragt, wenn man herausfinden will, was die besten deutschen Berufstennisspieler derzeit voneinander denken.

Es geht ums Geld, so viel ist klar. Deutschlands neue Nummer eins Philipp Kohlschreiber will für seine Davis-Cup-Einsätze mehr bekommen als die Kollegen. In den vergangenen Jahren wurden die Prämien unter den Mitgliedern des Davis-Cup-Teams stets brüderlich geteilt. Dabei scheint es um Beträge zwischen 5000 und 15000 Euro zu gehen. Das ist für Kohlschreiber, der allein im Jahr 2008 schon 250000 Dollar Preisgeld gewonnen hat, Peanuts. Doppelspezialist Philipp Petzschner hat dieselbe Summe in seiner gesamte bisherigen Karriere verdient. Bedenkt man, dass er, um seinen Beruf ausüben zu können, alle paar Wochen einen Interkontinentalflug buchen muss, kommt man zu der Erkenntnis, dass Petzschner kein reicher Mann sein dürfte, es für ihn hier also um richtig viel Geld geht.

Philipp Kohlschreibers Wunsch nach mehr Geld wurde stattgegeben. Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen sagt, alle vier Spieler aus dem Kader in der Begegnung gegen Südkorea hätten dem zugestimmt. Trotzdem meldeten in dieser Woche mehrere Zeitungen, es gebe einen Riesenkrach ums Geld im Davis-Cup-Team. Da wird nicht nur vom Geld geredet, sondern auch davon, dass Kohlschreiber auch sonst unangemessen großspurig auftrete und keinen echten Teamgeist habe. Kein Spieler wird namentlich zitiert. Ich bin dennoch überzeugt, dass diese Meldungen stimmen. Die einschlägigen Artikel stammen von der Sportjournalistin Petra Philippsen, die - soweit ich das überblicken kann - einen sehr engen Draht zu einigen deutschen Tennisprofis hat und diesen Draht nicht für eine schnelle halbgare Schlagzeile kappen wird.

Insbesondere hat sie Verbindungen zum Verein Tennis Germany, in dem viele deutsche Tennisspieler gemeinsam Öffentlichkeitsarbeit für ihren Sport machen. Mitbegründer und Vorstandsmitglieder des Vereins sind die Davis-Cup-Doppelspieler Alexander Waske und Michael Kohlmann. Beide sind derzeit verletzt und waren beim Südkorea-Spiel nicht im Team. In der Tat heißt es in den Berichten über den Knatsch, Kohlschreiber habe leichtes Spiel gehabt, weil die arrivierten Spieler wie Tommy Haas, Nicolas Kiefer, Waske und Kohlmann ja fehlten.

Interessant ist ein Post, den Waske im Forum von Tennis Germany schrieb, zwei Tage bevor der Knatsch ums Geld öffentlich wurde: Er war dagegen, im Davis-Cup-Spiel gegen Spanien Philipp Kohlschreiber auch im Doppel einzusetzen: "und außerdem wird Kohli genug im Einzel zu tun haben. Wir brauchen fürs Doppel 2 frische Leute, das ist klar."

Zu meinen Spekulationen über die Bedeutung dieses Posts sagt Alex Waske:

"Sage Dir das Gleiche wie allen Journalisten. Ich bin seit über nem halben Jahr verletzt und nicht bei irgendwelchen Treffen gewesen. Habe dazu nichts zu sagen, dass müssen die Spieler klären, die dabei waren bzw dabei sind in Bremen."

Nun hat allerdings Waske noch Hoffnungen, zu den Spieler zu gehören, die gegen Spanien vom 11. bis zum 13. April "dabei sind in Bremen". In einer Woche plant er beim Challenger in Barletta sein Comeback nach monatelanger Verletzungspause. Sollte Waske also schnell ins Team zurückkehren, wird er wohl neu übers Geld verhandeln wollen.

Wie die Sache ausgeht, dürfte von einem abhängen, den wir in diesem Theater fast vergessen hätten: Tommy Haas. Der war Anfang des Jahres verletzt und hat bis vor einer Woche derart unterirdisch gespielt, dass man ihn für Bremen kaum auf dem Zettel haben konnte. Heute hat er in Indian Wells mühelos Andy Roddick geschlagen. Wenn er in den nächsten Wochen so weitermacht, wird es kaum zu vermitteln sein, wieso er im Davis-Cup weniger Geld bekommen sollte als Philipp Kohlschreiber. Die Frage wird dann sein: Schlägt er sich auf Kohlschreibers Seite und besteht darauf, dass die Einzelspieler mehr bekommen als die Doppelspieler (zu seinem eigenen Vorteil) oder unterstützt er die Doppelspieler und Ersatzleute (wie zu der Zeit, als er selber Deutschlands Nummer eins war und Kohlschreiber ein Ersatzmann)?

Artikel von Petra Philippsen im Tagesspiegel

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