Sonntag, 28. Dezember 2008

Metatext zum Jahreswechsel

Das war's. Das erste Jahr mit Zacks Tennis ist vorbei. Ich hab zwar erst im Februar angefangen, aber im Februar wird es gewiss so viele andere Themen geben, die sich aufdrängen, dass ich mein Fazit lieber schon jetzt zum Jahreswechsel ziehe.

Ich hab viel gelernt in diesem Jahr. Übers Tennis und übers Bloggen. Und es hat viel Spaß gemacht. Ich war mir am Anfang absolut nicht sicher, ob ich mein Vorhaben dauerhaft durchhalten würde, jede Woche einen Artikel zu veröffentlichen. Inzwischen schreibe ich - wenn nicht gerade Weihnachten ist - fast täglich.

Die ersten Artikel sind fast vollständig unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschienen. Im April hab ich in einzelnen Internetforen dezent Werbung gemacht, und erst im Juni Freunden, Bekannten, Verwandten von meinem seltsamen Projekt erzählt. Irgendwann entdeckten auch Leute, die ich weder aus dem richtigen Leben, noch aus Foren kannte, meinen Blog.

Meine Artikel wurden von Woche zu Woche länger. Durch meine allsonntäglichen Recherchen hab ich mit der Zeit immer mehr unnützes Expertenwissen angehäuft, dass ich beim Schreiben höllisch aufpassen muss, meinen Vorsatz nicht aufzugeben, allgemeinverständlich zu bleiben. Viele von euch Stammlesern kennen sich mindestens so gut aus wie ich, da ist das kein Problem, aber es gibt ja auch Gelegenheits-Leser, die über Google (oder in seltenen Fällen über andere Suchmaschinen) auf diesen Blog stoßen. Die sollen ja auch schlau werden aus meinen Texten (und gerne zu regelmäßigen Gästen werden).

Das finde ich überhaupt extrem spannend, über welche Google-Suchbegriffe die Leute auf meine Seite finden. Im Dezember war "Davis-Cup 2009" der häufigste Begriff. Und wer den ATP-Turnierkalender 2009 sucht, landet oft hier. Den Kalender scheint es im deutschsprachigen Web sonst fast nirgends zu geben. Zunächst hatte ich ihn nur in meinem Artikel über ebendiesen Turnierkalender verlinkt. Dank Google konnte ich erkennen, dass es sinnvoll ist, ihn auch rechts auf der Navigationsleiste zu verlinken.

Auffällig häufig gegoogelte Spieler sind übrigens Kevin Deden und Louk Sorensen. Florian Mayer war während seiner Verletzungspause in der googelnden Bevölkurung keineswegs so vergessen wie in der medialen Wahrnehmung. Rainer Schüttler war kurz nach Wimbledon sehr gefragt, inzwischen interessiert sich wieder kein Schwein für ihn.

Ein bisschen leid tun mir immer die Leute, die was über das Le-Corbusier-Haus in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung wissen wollen und dann bloß bei mir landen. Im Sommer googelte mal jemand "Julian Reister Karriereende". Da dachte ich: Weiß da jemand mehr als ich? Es war aber falscher Alarm. Vor einiger Zeit kamen Leute auf die Seite, die wissen wollen, ob Rafael Nadal schwul ist. Dabei steht bloß in einem Kommentar zu einem Artikel über Nadal, dass Ion Tiriac mal gesagt hat, dass er selbst und Guillermo Vilas nicht homosexuell seien. (Hab's grad mal ausprobiert: Mit dem Begriffspaar Nadal und homosexuell kommt man über Google leider nicht mehr zu Zacks Tennis.)

Vielleicht sollte ich mehr von solchen Schlüsselwörtern einbauen. Das würde mich meinem Ziel von 100 Lesern am Tag näher bringen. Irgendwo habe ich mal gelesen, bei hundert Lesern liege die Messlatte für einen etablierten Blog. Mein Rekord liegt bei 70. Das war am Montag, nachdem Philipp Petzschner das Turnier in Wien gewonnen hatte. Ich selber war an dem Wochenende in Stockholm und wollte eigentlich über das dortige Turnier schreiben. Im Hinblick auf die Klicks war es aber wohl richtig, Stockholm auf sich beruhen zu lassen und mit den Wölfen zu heulen, die an jenem Tag Philipp Petzschner hoch leben ließen.

An dem Beispiel Petzschner merkte ich, das ich das Grundkonzept von Zacks Tennis über die Monate schleichend verändert hatte: Am Anfang schrieb ich einfach über irgendein Thema, das mir gerade durch den Kopf ging. Es durfte gern einen aktuellen Aufhänger haben, aber es gab keine Pflichtthemen. Während der French Open habe ich über die French Open kein Wort verloren. Ergebnis-Berichterstattung mache ich zwar noch immer nicht (Ergebnisse findet man auf der ATP-Ergebnisse-Seite, die in der rechten Navigationsleiste verlinkt ist), aber Wimbledon, die Olympischen Spiele, die US Open, der Masters-Cup, die wurden hier alle abgehandelt. Mir gehen noch immer manchmal Themen durch die Lappen, aber mittlerweile ärgere ich mich, wenn ich mein Versäumnis ein paar Tage später bemerkte. Inzwischen versuche ich, alle wichtigen Nachrichten aus dem Herrentennis unterzubringen. Mit dem Damentennis werde ich lieber nicht anfangen. Damit kenne ich mich einfach nicht gut genug aus. Theoretisch könnte ich mich in die Materie einarbeiten, aber um meinen immer größer werdenen Wissensrückstand im Vergleich zum Herrentennis aufzuholen, wäre der Zeitaufwand zu groß. Zwischendurch muss ich ja auch noch meine Brötchen, meinen Kaffee und meine Reisen zu Tennisturnieren verdienen gehen. Dazu werden die Werbe-Einnahmen, die dieser Blog generiert, auch in Zukunft nicht reichen. Den Spleen mit der Reklame werde ich trotzdem beibehalten. Das eine oder andere Brötchen hab ich damit schließlich doch verdient, und diese Einnahmen, seien sie noch so mickrig, geben mir die schöne Illusion, dass das, was ich hier tue, professionelle Arbeit ist und nicht bloß Jux und Dollerei.

Guten Rutsch und bis nächste Woche!

Sonntag, 21. Dezember 2008

Frohe Weihnachten



Danke an Loreley, auf deren Blog ich diese Gesinge zuerst gesehen habe. Das Video steht natürlich auch auf der Seite der ATP.

Beim Anschauen habe ich gemerkt, woran ich im nächsten Jahr arbeiten muss: Ich muss meine Fähigkeit verbessern, Spieler an ihren Gesichtern zu erkennen. Insbesondere dann, wenn sie sich unter Nikolausmützen und weißen Bärten verbergen, habe ich da massive Defizite. Gilles Simon könnte irgendwie ebensogut Stanislas Wawrinka sein. Was die Spielerinnen angeht, ist es sogar noch schlimmer, obwohl die keine Bärte tragen. Seitdem ich meinen Herrentennis-Blog betreibe, verliere ich die WTA-Tour immer mehr aus dem Blick, man möge es mir nachsehen. (Danke für die Hinweise zur Vervollständigung)

Im Moment glaube ich, dass die folgenden Spieler zu sehen sind.

0:03 Ana Ivanovic
0:06 Novak Djokovic mit Trainer Marian Vajda
0:11 Jelena Jankovic
0:14 Gilles Simon
0:31 Dinara Safina
0:38 Andy Murray
0:55 Viktor Troicki
0:57 Jamie Murray
0:58 Elena Dementieva
1:06 Vera Zvonareva
1:21 Robin Söderling
1:26 David Ferrer
1:29 Marcelo Melo und Andre Sa
2:25 Jo-Wilfried Tsonga
2:35 Nikolai Dawidenko
2:43 Andreas Seppi
2:55 Sam Querrey
3:23 Gael Monfils
3:35 Nicolas Kiefer
3:45 Florent Serra

Ob es wohl was zu bedeuten hat, dass Federer und Nadal sich um einen Auftritt gedrückt haben?

Im vergangenen Jahr sangen die Spieler auch schon, und zwar ohne Bärte, was die Identifikation etwas erleichterte.

http://www.youtube.com/watch?v=YzjrTzhR9_w

Wo ich schon mal dabei bin, Filmchen vorzuführen, kommen noch ein paar mehr hinterher. Bei singenden Tennisspieler darf natürlich derjenige nicht fehlen, der das mit seiner Musikerkarriere ernst meint:

http://www.youtube.com/watch?v=Xi4bI1PLBsI

Wer komischerweise bisher nicht als Sänger, in Erscheinung getreten ist, ist Boris:

http://www.youtube.com/watch?v=tp52C2fuu18

Das folgende Filmchen zeigt, wie weise es ist, dass bei "Zwei Stühle, eine Meinung" gemeinhin Wigald Boning den Interviewer gibt und Olli Dittrich den Promi und nicht umgekehrt.

http://www.youtube.com/watch?v=stjBG74XkLs

Zwar kein Filmchen, aber dennoch ganz große Kunst ist das hier:

http://www.youtube.com/watch?v=XLiN9CDr2_M

Zum Schluss ein Klassiker von Jacques Tati: Die Ferien des Monsieur Hulot (Danke an Papa für den Tipp)

http://www.youtube.com/watch?v=Xs7bpPKD4X8

Frohe Weihnachten!

Sonntag, 14. Dezember 2008

Loblied auf Michael Stich

Endlich mal eine gute Nachricht von meinem Leib-und-Magen-Turnier am Hamburger Rothenbaum: Michael Stich wird Turnierdirektor. Als ich gestern davon hörte, dachte ich einen Moment lang: Du liebe Zeit, nicht schon wieder dieser Typ. Für den hat der liebe Gott doch den Hamburger Speckgürtel mit seinen Benefiz-Golfturnieren geschaffen.

Michael Stich beim Benefiz-Golfturnier 2006 des Lions Club Ahrensburg am Bredenbeker Teich in Ammersbek (Kreis Stormarn). Stich gewann das Turnier.

Inzwischen denke ich: Super, alles wird gut, das ist die Rettung.

Aber bevor ich diese Meinung begründe, erstmal zurück zu meiner reflexartigen Skepsis. Michael Stich löst als Turnierdirektor Carl-Uwe Steeb ab. Er war schon einmal Nachfolger von Carl-Uwe Steeb: Als Davis-Cup-Kapitän. Die Sache endete in einem Desaster. Stich war 2002 für genau ein Spiel im Amt, und dieses Spiel verlor Deutschland (mit 1:4 gegen Kroatien). Vor dem Abstiegsspiel gegen Venezuela kam Stich die Idee, den längst zurückgetretenen Boris Becker als Spieler zu nominieren. Er sollte im Doppel antreten. Stich dachte sich, dann kommen wenigstens ein paar Zuschauer, und das Fernsehen wird sich auch interessieren. Die echten Davis-Cup-Spieler, die endlich mal aus Beckers Schatten treten wollten, waren nicht amüsiert. Stichs Aktion war also ein Bauchklatscher in den größten verfügbaren Fettnapf, und das ließen die Spieler ihn auch spüren. Kurz vor dem Spiel gegen Venezuela trat Stich zurück.

Das war eine gewaltige Blamage für Stich, der schon Jahre vorher sein Interesse am Davis-Cup-Job bekundet hatte. Ich denke, man liegt nicht ganz falsch mit der These, die DTB-Funktionäre hielten ihn für einen Klugscheißer.

Die Vorgeschichte von Michael Stich und dem Davis-Cup hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Vorgeschichte von ihm und dem Turnier am Rothenbaum. Auch hier wurde Stich schon vor Jahren als neuer Chef gehandelt, aber der DTB wollte ihn nicht.

Das war im Jahr 2002. Um das Rothenbaum-Turnier stand es damals schon fast so schlecht wie jetzt: Zu wenige Zuschauer, zu wenige Sponsoren, keine Fernseh-Livebilder, der Masters-Status in Gefahr, der DTB ratlos. Der einzige Unterschied zu 2008 ist, dass der Masters-Status nicht mehr in Gefahr ist, sondern verloren.

Ohne Michael Stich hat der DTB die Probleme mit dem größten Turnier in Deutschland nicht in den Griff bekommen. Höchste Zeit also, es mit Michael Stich zu probieren. Es wird klappen. Er wird den Job mit Sicherheit besser machen als damals den als Davis-Cup-Kapitän. Mit seinen 40 Jahren hat Stich nicht nur mehr Lebenserfahrung, sondern kommt auch nicht mehr so neunmalklug rüber wie als 34-Jähriger. Er wird nicht mehr mit denselben Vorbehalten zu kämpfen haben wie zu der Zeit, als für Stich zu sein immer auch irgendwie bedeutete, gegen Boris Becker zu sein. Außerdem ist Turnierdirektor was ganz anderes als Davis-Cup-Kapitän.

Zum Sponsoren-Einwerben ist Stich grandios. Dass er das kann, beweist er nicht nur auf Benefiz-Golfturnieren im Umland, sondern auch mit seiner Stiftung für aidskranke Kinder.

Stich hat nun eine Firma gegründet, die das Rothenbaum-Turnier unter der Lizenz des DTB ausrichtet. Auch wenn ich bereits bestehende oder zukünftige vertragliche Details nicht kenne, vermute ich, dass der DTB damit auch sein wirtschaftliches Risiko verringert.

Stich taugt als hanseatisches Aushängeschild für das Turnier. Als er 1993 das Turnier gewann, heulte er bei der Siegerehrung Rotz und Wasser. Er war gerührter als bei seinem Wimbledon-Sieg. Als Turnierdirektor wird er ganz schnell "Mister Rothenbaum" sein. In diese Rolle wäre der leicht schwäbelnde Charly Steeb in hundert Jahren nicht reingewachsen.

Noch ein Argument für Stich: Er ist nicht vom Rechtsstreit um den Masters-Status belastet, der der DTB mit der ATP noch immer führt. In dieser Sache stand Charly Steeb zwar nicht in vorderster Front, aber natürlich musste er stets beipflichten - auch vor Gericht - wenn DTB-Präsident Georg von Waldenfels darlegte, wie schlimm es wäre, wenn das Turnier seinen Masters-Status verlöre und zudem in den Sommerferien (20. bis 26. Juli 2009) stattfände.

Die Berufung läuft zwar noch, aber der DTB wird allerhöchstens eine Entschädigung rausholen können. Der Masters-Status ist weg, und jetzt muss irgendjemand dem Hamburger Publikum glaubhaft erklären, dass es sich trotzdem noch lohnt, Tickets für den Rothenbaum zu kaufen.

Genau damit hat Michael Stich nun angefangen. Zum Beispiel die Sache mit den Sommerferien: Prima, sagt er, da kann man günstige Wochentickets für Schüler anbieten. (99 Euro ist immer noch viel Geld, aber vielleicht öffnet Stich ja die Schlupflöcher im Zaun wieder, durch die er sich selbst als Schüler damals aufs Gelände schlich. Nur mal so ein Vorschlag.)

Den Nachteil, dass der DTB das Turnier ohne Masters-Status so schlecht geredet hat, dreht Stich nun sogar in einen Vorteil. Die Erwartungen an das Turnier in seiner neuen Form sind niedrig. Zwei Top-20-Spieler möchte Stich im nächsten Jahr nach Hamburg holen. Das halten jetzt wahrscheinlich viele für ein ambitioniertes Ziel. Dabei wird er dieses Ziel locker übertreffen. Über Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray braucht man nicht nachzudenken, die spielen im Juli - kurz vor den US Open - nicht mehr auf Sand.

Aber als Turnier der 500er-Serie gehört Hamburg immer noch in die höchste Kategorie unterhalb der Masters-Serie. Hier gibt es gut Punkte für die Rangliste. Die spanischen und argentinischen Sandplatz-Schaufler werden kommen, da muss man sich keine Sorgen machen. Für 2009 wird es eng im Rennen um die Stars, weil andere Turniere schon längst Verträge abgeschlossen haben. Aber sonst bleibt Hamburg sogar für Rafael Nadal interessant, der spielt gern auch noch nach Wimbledon auf seinem geliebten Sand, und ein größeres Sandplatzturnier als Hamburg gibt es im Sommer nicht.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Schlechtes Essen in Kolding und Taschkent: Die Webseiten der deutschen Tennisprofis

Heute serviere ich ein typisches zeitloses Saisonpausenthema: Die Internetseiten der deutschen Tennisprofis im Überblick und in der Kurzkritik. Ich beschränke mich auf die Spieler aus den Top 100. Mit einer Ausnahme: Alexander Waske. Der war der erste Profi in Deutschland, der selbst viel Energie in seinen Online-Auftritt steckte. Er hat schon von seinen Turnieren gebloggt, als noch kaum jemand auswendig wusste, was ein Blog ist. Deshalb finde ich, dass er in dieser Liste nicht fehlen darf.

Alexander Waske
www.alexanderwaske.de
Alexander Waskes Seite ist absolut okay. Aber sie ist mittlerweile eine von vielen. Das war mal anders. Vor ein paar Jahren war Waske der einzige deutsche Tennisprofi, der regelmäßig direkt von den Turnieren, die er gerade spielte, online berichtete. Und wie! Waske ist jemand, der selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Beispiel aus dem Mai 2005: "Ich habe eben gegen das wohl größte A....... im Herrentennis, mit Namen Daniel Köllerer, mit 6-3 0-6 7-5 gewonnen." Oder vor zwei Jahren über das Challenger in Kolding (Dänemark): "Man muss dieses Turnier aber auch mal loben! Auf der Anlage gibt es keine warme Mahlzeit außer Burger und Fritten, und aufgrund des hohen Zuschauerandrangs (3-7 Personen am Tag) kann man nur mutmaßen welche Bedeutung Tennis hier hat. Kann ich jedem empfehlen hier..." In letzter Zeit sind Waskes Einträge etwas diplomatischer geworden.

Sprachen: Deutsch, Englisch
persönliches Blog: Ja, regelmäßig und gehaltvoll
Gästebuch: Ja, mehrere Einträge pro Woche
Turnierplan: Nur aus Blogeinträgen entnehmbar


Philipp Kohlschreiber
www.philippkohlschreiber.de
Achtung: Wer kein DSL hat, sollte hier lieber nicht draufklicken. Die Seite versendet Unmengen an Datenmüll. Schlimmer sind eigentlich nur noch die Webseiten von Kinofilmen. Auf denen ist es noch schwerer, zwischen all dem Lärm und Bildchen handfeste Informationen zu finden. Auf Kohlschreibers Seite gibt es die Menüpunkte "updates", "profile", "sponsors", "gallery" und "team". Wenn man auf "updates" klickt, sagt eine sportlich-dynamische Werbesprecherstimme "updates". Überhaupt wirft diese Werbesprecherstimme ständig ohne Sinn und Verstand mit irgendwelchen englischen Wörten um sich. Der Besuch auf dieser Seite lohnt sich nur wegen Kohlschreibers persönlichem Weblog. Die Einträge sind zwar meistens knapp gehalten, aber inzwischen stets akutell. Das Weblog kann man auch direkt aufrufen, dann spart man sich den ganzen Datenmüll: philippkohlschreiber.blogspot.com

Sprache: Deutsch (plus englische Begriffe aus dem Lautsprecher)
persönliches Blog: Ja, knapp, aber aktuell
Gästebuch: Ja, mehrere Einträge pro Woche
Turnierplan: Nein


Rainer Schüttler
www.rainer-schuettler.de
Naja, sie ist im Großen und Ganzen schon irgendwie okay, diese Seite. Wichtige Neuigkeiten über Schüttler erfährt man meistens schon... Hinter der Seite steckt eine Agentur, die ihre Finger an ziemlich vielen Ecken im deutschen Tennis hat. Die aktuellen Nachrichten sind im Presseagenturendeutsch verfasst: "Paris. Der Korbacher Rainer Schüttler unterlag beim ATP Masters Series-Turnier in Paris gegen den Kroaten Mario Ancic zum Auftakt..." Das ist nicht gerade das, was man auf einer persönlichen Internetseite erwartet.

Sprache: Deutsch
persönliches Blog: Letztes Mal nach Wimbledon
Gästebuch: Deaktiviert
Turnierplan: Nein


Nicolas Kiefer
www.nicolaskiefer.de
Dies ist der professionellste unter den Internet-Auftritten der deutschen Profis. Kiefers letztes Spielergebnis und seine Weltranglistenposition sind immer aktuell. Die News-Seite auch. Es gibt - wenn nicht gerade Saisonpause ist - jeden Monat ein Gewinnspiel (Preise: Schläger, Mützen usw.), und Kiwis Werbepartner werden auch nicht vergessen. Die Professionalität geht natürlich manchmal zu Lasten der Authentizität. Auf der News-Seite berichtet Kiwi zwar oft in der Ich-Form, die Einträge lesen sich aber meistens nicht so, als hätte Kiefer sie wirklich nach dem Match im Hotelzimmer in seinen Laptop getippt. Es ist eher Journalistensprech - aber wenigstens guter, und darin unterscheiden sich die Einträge deutlich von denen auf Schüttlers Seite.

Sprache: Deutsch
persönliches Blog: Gelegentlich auf der News-Seite
Gästebuch: Ja, mehrere Einträge pro Woche
Tunierplan: Ja


Philipp Petzschner
hat keine Internetseite


Mischa Zverev
www.fanclub-mischa-zverev.de
Die Adresse verrät es schon: Dies ist nicht Zverevs Internetseite, sondern die eines Fanclubs. Zverev selbst hat bisher keinen eigenen Internet-Auftritt. Auf der Fanclub-Seite, die erst seit ein paar Wochen online ist, hat Mischa aber ein persönliches Tagebuch. Die Einträge sind aktuell und authentisch. Es im im Stil etwas uneinheitlich: Mal schreibt Mischa selbst, mal schreibt jemand über ihn und mal ist es nicht eindeutig zu erkennen.

Sprache: Deutsch
persönliches Blog: Ja, regelmäßig
Gästebuch: Ja, mehrere Einträge pro Woche
Turnierplan: Nein


Tommy Haas
www.tommy-haas.net
Die Seite sieht zwar edel aus, aber viel steht nicht drauf. Zur Kommunikation mit den Fans dient sie nur beschränkt. Es gibt kein Gästebuch, und Iim Impressum steht: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Autogrammwünsche über die Homepage bearbeiten können. Bitte sehen Sie daher von E-Mail-Anfragen ab. Immerhin ist die Seite seit diesem Herbst aufgehübscht, und Haas verspricht, sich hier künftig mehr als früher zu Wort zu melden. Für jemanden wie Haas, der weltweit eine gewisse Bekanntheit genießt, finde ich die Seite ausgesprochen dürftig.

Sprachen: Deutsch, Englisch
persönliches Blog: Unregemäßig
Gästebuch: Nein
Turnierplan: Ja, aber meistens falsch


Denis Gremelmayr
www.denis-gremelmayr.de
Vielleicht hätte Denis mehr Einträge im Gästebuch, wenn man sich nicht extra registrieren müsste, um es lesen zu können? Ist zwar kein großer Aufwand, aber es hemmt die Spontaneität des Gelegenheitsgastes. Ansonsten gefällt mir die Seite sehr gut. Während der Turniere schreibt Denis mehrmals pro Woche ein paar Zeilen in sein Blog. Wenn er mal ein Turnier absagt, ist dort zuverlässig zu lesen, wieso. Und genauso wie Alex Waske, schreibt er eine Warnung, wenn auf einem Challenger das Essen besonders schlecht ist, zum Beispiel neulich in Taschkent.

Sprache: Deutsch
persönliches Blog: Ja, knapp, authentisch, regelmäßig
Gästebuch: Ja, sporadische Einträge, nur nach Registrierung einsehbar
Turnierplan: Ja

***

Das waren die deutschen aus den Top 100 zuzüglich Alex Waske. Es gibt noch ein paar andere Spieler, deren Seiten sich zu besuchen lohnen:

Andreas Beck: www.andi-beck.com
Björn Phau: www.bjoernphau.de
Benjamin Becker: www.benjamin-becker.com
Michael Berrer: www.michael-berrer.de
Daniel Brands: www.daniel-brands.de

Florian Mayers Seite (www.flo-mayer.de) ist seit über einem Jahr nicht mehr aktualisiert worden. Vielleicht tut sich da ja nach seinem Comeback in dieser Woche bei den Deutschen Meisterschaften was? Und es sollte mal jemand Christopher Kas daran erinnern, dass seine Seite vom August 2004 immer noch online ist (www.chriskas.com).

Sonntag, 30. November 2008

Saisonpause - Endlich Zeit für ein paar Turniere

Die Saison ist zu lang. Jedes Jahr im November fordern Spieler und Kommentatoren, den ATP-Tunrierkalender endlich mal zu straffen. Jedes Mal passiert nichts. Dabei sind die Klagen nachvollziehbar. Die Profis reisen um die ganzen Welt und spielen Tennis - von Anfang Januar bis Mitte November Woche für Woche . Zwischendurch kommen sie höchstens mal für ein paar Tage nach Hause.

Da ist natürlich klar, was diese Spieler machen, wenn endlich Saisonpause ist: Sie reisen um die ganze Welt und spielen Tennis - von Mitte November bis Anfang Januar. Roger Federer und James Blake spielten letzte Woche in Macao und Kuala Lumpur. Novak Djokovic kommt demnächst nach St. Anton, und wenn Rafael Nadal nicht verletzt wäre, würde er in Spanien und Südamerika spielen. Überall geht es um schöne Summen Geldes. Vereinzelt sind auch Wohltätigkeitsveranstaltungen darunter.

Nicht nur die Topstars haben viel um die Ohren. Gestern sind die französischen Mannschaftsmeisterschaften zu Ende gegangen. Daran waren nicht nur fast alle namhaften Franzosen beteiligt, sondern auch Philipp Kohlschreiber, Simon Greul und Dominik Meffert für den AS Rennes und Christopher Kas und Simon Stadler für den TC Lille.

Die Saisonpause ist die Zeit der Schaukämpfe. Diese Veranstaltungen sind natürlich nicht so anstrengend wie Grand-Slam- oder Masters-Turniere; manchmal wird nur ein Satz gespielt, und wer gewinnt, ist meistens auch egal. Trotzdem spielt die Flut an Schaukämpfen nicht gerade denjenigen in die Hände, die fordern, die Saison zu verkürzen. Möglicherweise denkt man sich im ATP-Vorstand: "Je weniger Turniere wir selbst ausrichten, desto mehr Raum schaffen wir für Konkurrenzveranstaltungen."

Ich hab versucht, einen Überblick über die Schaukämpfe in den Wochen bis zum Saisonstart am 5. Januar zusammenzustellen. Darunter sind auch nationale Meisterschaften, sofern Top-50-Spieler an ihnen teilnehmen. Vermutlich ist der Überblick nicht vollständig. Für weitere Hinweise bin ich dankbar.

Montag, 1. Dezember:
Prag
Radek Stepanek
Pete Sampras


Freitag bis Sonntag, 5. bis 7. Dezember:
Málaga
David Ferrer
Gael Monfils
Marat Safin
Carlos Moyá
Feliciano López
Juan Carlos Ferrero


Sonnabend bis Montag, 6. bis 8. Dezember
El Ferrol (Spanische Meisterschaften)
Fernando Verdasco
Nicolás Almagro
Tommy Robredo
Albert Montañés
Marcel Granollers
Óscar Hernández
Iván Navarro
Daniel Gimeno-Traver


Mittwoch bis Sonnabend, 10. bis 13. Dezember:
St. Anton
Novak Djokovic
Robin Söderling
Marat Safin
Philipp Kohlschreiber
Jarkko Nieminen
Stefan Koubek
Janko Tipsarevic
Dudi Sela
Bei den Damen u.a. Sibylle Bammer und Patty Schnyder
(Djokovic und Safin nehmen nicht am eigentlichen Turnier teil, sondern spielen nur eine Partie)


Donnerstag bis Sonntag, 11. bis 14. Dezember:
Buenos Aires
David Nalbandian
Carlos Moya
Agustín Calleri
José Acasuso
Feliciano Lopez
Juan Monaco
Guillermo Cañas
Juan Ignacio Chela


Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. Dezember:
Bilbao
David Ferrer
Tommy Robredo
Juan Carlos Ferrero
Fernando Verdasco
Nicolas Almagro
Albert Montanes

Sonnabend, 13. Dezember
Vero Beach, Florida
Andy Murray
Mardy Fish


Sonntag, 14. Dezember:
Knoxville, Tennessee
Andy Roddick
John Isner
Serena Williams
Caroline Wozniacki

Baton Rouge, Louisiana
James Blake
Pete Sampras


Donnerstag bis Sonntag, 18. bis 21. Dezember:
Toulouse (inoffizielle Französische Meisterschaften)
Gilles Simon
Jo-Wilfried Tsonga
Richard Gasquet
Paul-Henri Mathieu
Julien Benneteau
Nicolas Mahut
Marc Gicquel
Adrian Mannarino


Donnerstag bis Sonnabend, 1. bis 3. Januar:
Abu Dhabi
Rafael Nadal
Roger Federer
Andy Murray
Nikolai Dawidenko
Andy Roddick
James Blake
(Dieses Turnier heißt in aller Bescheidenheit, passend zum Teilnehmerfeld, "Capitala World Tennis Championship")


Die "Copa Chile" (18. bis 21. Dezember) fällt wohl aus, weil der Veranstalter in finanziellen Schwierigkeien ist. Hier waren unter anderem Tommy Haas, Fernando Gonzalez, Nicolas Massu, Juan Martin del Potro und Mardy Fish angekündigt.


Nicht ganz in diese Reihe passen die Deutschen Meisterschaften (9. bis 15. Dezember in Offenburg). Dort ist kein einziger Top-100-Spieler dabei. Von jenseits des hundertsten Platzes starten sie aber fast alle. Es geht dort immerhin um eine Wild Card für die "German Open", wie ehemalige Masters-Turnier am Hamburger Rothenbaum jetzt wieder heißt.

Sonntag, 23. November 2008

Zahlen, Zahlen, Zahlen - Das war 2008

Das war's dann also mit der Tennissaison 2008. Ein Hammer-Davis-Cup-Finale zum Abschluss, das Spanien gewannen, obwohl Rafael Nadal verletzt war. Die eisige Stimmung im favorisierten argentinischen Team dürfte dazu beigetragen haben.

Jetzt ist Zeit für einen Jahresrückblick. Mir schwirrt gerade der Kopf, denn zu meinem großen Bedauern hatte ich mir vorgenommen, diesen Rückblick in Form einer Tabelle zu liefern, wie ich sie in meiner Jugendzeit am Anfang jeden Jahres in einem damals von mir hochgeschätzten Magazin zu finden pflegte. Seinerzeit erweiterte ich diese Tabellen mit leichter Hand um viele weitere Varianten.

Mittlerweile bin ich beim Tabellen-Erstellen ziemlich aus der Übung. Aber ich hab's trotzdem geschafft: Die PDFs, die gleich kommen, bieten einen Überblick über die wichtigesten Ergebnisse der besten 50 Spieler: Die Ranglistenposition und die des Vorjahres, Alter, Nationalität, die Zahl der gespielten Turniere (ohne Challenger), der Turniersiege, Endspiel-Teilnahmen, Halb- und Viertelfinals sowieso die Ergebnisse aus den Grand-Slam-Turnieren und von den Olympischen Spielen, gewonnene und verlorene Matches insgesamt und schließlich gewonnene und verlorene Matches gegen Top-20-Spieler.

Viel mehr will ich dazu nicht erklären, ich hoffe, die Tabelle erklärt sich von selbst. Ein paar kurze Bemerkungen zu Dingen, die mir auffielen:
1.) Nur drei Spieler unter den ersten 50 sind über 30. Zwei davon sind Deutsche.
2.) Die Spieler, die von besonders weit unten den Sprung in die Top 50 geschafft haben, sind alle schon relativ alt. Junge Hüpfer, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten, gab es in diesem Jahr nicht.
3.) Am meisten überrascht hat mich die Statistik der Siege und Niederlagen gegen Top-20-Spieler. Nur Rafael Nadal und Andy Murray haben da eine deutlich positive Bilanz, während sogar Roger Federer und Novak Djokovic gegen Top-20-Spieler ungefähr genauso oft gewonnen wie verloren haben. So eine Quote schaffen selbst viele andere Spieler bis runter zu Platz 40. Ich erkläre mir das damit, dass die Spitzenspieler, weil sie immer gesetzt sind, meistens erst im Halbfinale oder Finale auf andere Top-20-Spieler treffen, die wiederum, wenn sie so weit gekommen sind, meistens gut in Form sind. Ein Weltranglisten-40. hingegen trifft öfter mal schon in Runde 1 oder 2 auf einen Top-20-Spieler und dabei auch auf solche in unterirdischer Form.

Aber jetzt zu den nackten Fakten.

Weil sich die Tabellen in ihrer ganzen Schönheit in dieser Blogspalte nicht entfalten können, hier hier zwei Links:

Platz 1-25

Platz 26-50

Legende:
Nr. - Weltranglistenplatz Ende 2008
Vj. - Weltranglistenplatz Ende 2007
Name - Name
Lan - Herkunftsland
Alt - Lebensalter in Jahren
T - gespielte Turniere (Grand Slam, Masters Series, International Series (Gold))
S - Turniersiege
Z - Finalniederlagen
HF - Halbfinals
VF - Viertelfinals
AO - Australian Open
RG - French Open (Roland Garros)
Wi - Wimbledon
Oly - Olympische Spiele
US - US Open
+ Gewonnene Matches bei allen oben erwähnten Turnieren sowie Davis-Cup und World Team Cup
- Verlorene Matches bei diesen Turnieren
+20 - Gewonnene Matches bei diesen Turnieren gegen Spieler, die zum Zeitpunkt des Matches unter den ersten 20 des ATP-Rankings standen
-20 - Verlorene Matches gegen diese Spieler

Sonntag, 16. November 2008

Wenn Ricci Bitti zum Arzt geht: Wie verletzt ist Rafael Nadal ?

Francesco Ricci Bitti, der italienische ITF-Präsident mit dem lustigen Nachnamen, hat uns ja schon im August beschäftigt, als er Rainer Schüttler beschimpfte. Jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Er sagte in Schanghai, Rafael Nadal habe ein "sehr ernstes Problem" gesundheitlicher Art. Wieso er über Nadals Gesundheitszustand so gut Bescheid weiß, verriet er auch: Er und Nadal haben denselben Doktor. Ricci Bitti selbst scheint also recht gesund zu sein, hat er doch Zeit, in der Sprechstunde mit Dr. Angel Ruiz Cotorro über die Krankenakten anderer Patienten zu plaudern.

Ricci Bittis Verlautbarung hat Spekulationen angeheizt, Nadal habe nicht bloß eine Sehnenentzündung im Knie, wegen der er den Masters-Cup und das Davis-Cup-Finale (am nächsten Wochenende, 21. bis 23. November, in Argentinien) absagen musste, sondern noch irgendeine andere schwerwiegendere Verletzung. Das Gerücht fällt auf fruchtbaren Boden. Fans und Fachleute fragen sich schon lange, wie lange Nadals Körper seine kraftraubende Spielweise wohl durchhalten wird. Dr. Ruiz Cotorro sah sich veranlasst, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Nadal nicht vor dem Ende seiner Karriere stehe. Drei bis sechs Wochen müsse er wohl pausieren, bis die Sehne im Knie wieder in Ordnung sei. Nadal wäre dann haarscharf zum Saisonstart in Australien wieder fit.

Ricci Bitti wollte mit seinem Geraune wohl vor allem die Bedeutung des Davis-Cups bekräftigen. Sein Welttennisverband ITF hat nämlich im Profitennis sonst nicht viel zu melden. Die großen Profiturniere verantworten bei den Herren die ATP und bei den Frauen die WTA. Alle vier Jahre zu den Olympischen Spielen hat die ITF ihren großen Aufritt - im Windschatten des IOC. Die Oberhoheit der ITF über die Grand-Slam-Turniere ist mehr formaler Natur. Ansonsten darf die ITF die kleinen Future-Turniere lenken (bei denen Halbprofis von hinter Platz 300 mühsam Ranglistenpunkte sammeln), sie richtet internationale Junioren- und Seniorenturniere aus - und eben den Davis-Cup.

Vor diesem Hintergrund lag dem ITF-Präsident daran zu betonen, dass Rafael Nadal sehr gerne Davis-Cup gespielt hätte, wenn es ihm denn möglich gewesen wäre. Die ITF muss schon seit vielen Jahren mit ansehen, wie immer wieder einige der besten Spieler auf den Davis-Cup verzichten. Roger Federer spielt seit langem höchstens einmal im Jahr für die Schweiz. (2009 könnte sich das ändern.) Ricci Bitti lag vermutlich daran, jeden Verdacht zu zerstreuen, dem neuen Weltranglistenersten sei der Davis-Cup nicht wichtig genug und er würde sich einfach nur eine etwas längere Saisonpause nehmen, um kleine Wehwehchen auszukurieren.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man auf diesen Verdacht möglicherweise tatsächlich kommen. Stichhaltig ist er aber nicht.
2006 und 2007 hatte Nadal den Davis-Cup komplett ausfallen lassen. 2005 trat er nur zum Abstiegsspiel gegen Italien an. Zur Stammbesetzung gehörte er nur 2004. Das war das letzte Mal, dass Spanien den Davis-Cup gewann - mit dem 18-jährigen Nadal als zweitem Mann hinter dem damaligen Star Carlos Moya. 2008 sollte das Jahr werden, in dem Nadal als Führungsspieler den Davis-Cup holt. Er ist in diesem Jahr zu allen Begegnungen brav angetreten, sogar zur ersten Runde in Peru, wo Spanien notfalls auch mit der vierten Geige noch hätte gewinnen können. Natürlich hätte er auch das Finale gespielt, wenn er gekonnt hätte. Daran zweifelte kaum jemand. Dazu hätte es des Geraunes von Francesco Ricci Bitti nicht bedurft.

Ohne Nadal sind nun die Argentinier mit Juan Martin del Potro und David Nalbandian die haushohen Favoriten. Mitten im Sommer spielen sie in einer Halle in Mar del Plata, weil Nalbandian immer dann Weltklasse spielt, wenn Wind und Sonne ihn nicht ablenken. Spaniens Nummer 2, David Ferrer, ist seit Monaten außer Form. Hinter ihm kommen Fernando Verdasco und Feliciano Lopez. Das sind zwar keine Schlechten, sie rangieren aber eine halbe Klasse unter den beiden Argentiniern.

Wird Rafael Nadal 2009 noch einmal versuchen, den Davis-Cup zu gewinnen? Das wird davon abhängen, wie viel er seinem Körper zumuten will. Spanien trifft gleich in der ersten Runde auf Serbien. (Hier geht's zu einer Verschwörungstheorie.) Der frisch gebackenen Masters-Cup-Gewinner Novak Djokovic wird Nadal schon bei den Individualturnieren mächtig fordern... Als 2007 Spanien und die Schweiz in der ersten Runde aufeinander trafen, sagten Nadal und Federer beide kurzfristig ab. Dass Nadal und Djokovic es ähnlich halten werden, ist nicht vollkommen ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Djokovic ist in Serbien ein Nationalheld, und ein solcher hat gelegentlich eingeschränkte Handlungsoptionen.

Sonntag, 9. November 2008

Was um alles in der Welt macht Nicolas Kiefer in Schanghai?


Die ATP scheint Deutschland als Markt noch nicht ganz aufgegeben zu haben: Am Checkpoint Charlie in Berlin wurden in dieser Woche Riesenbilder der Masters-Cup-Teilnehmer an Hausfassaden projiziert. Nicolas Kiefer war nicht dabei. (Foto: ATP)


Am Freitagabend las ich im Videotext eine Meldung, die ich einfach nicht verstand: "Nicolas Kiefer als Nachrücker zum Masters Cup". Der Masters-Cup in Schanghai ist das Saisonfinale der besten acht Tennisspieler des Jahres. In der einschlägigen Rangliste, dem "Race to Shanghai", belegt Kiefer Platz 35. Rafael Nadal hat abgesagt, weil er verletzt ist und sich lieber fürs Davis-Cup-Finale in zwei Wochen schont. Bleiben 26 weitere Spieler, die vor Nicolas Kiefer dran wären, den Ersatzmann in Schanghai zu geben.

Aber die Videotext-Meldung entsprach der Wahrheit. Kiefer selber bestätigte am Freitag: "Gestern erhielt ich einen Anruf der ATP, die mich als Ersatzspieler zur Weltmeisterschaft nach Shanghai beorderte, nachdem viele andere vor mir in der Weltrangliste platzierte Spieler abgesagt hatten."

Dass die ATP Kiefer "beorderte", ist wohl etwas übertrieben. Mehr als zwei Dutzend andere Spieler haben sich dieser Order schließlich entziehen können. Das gilt übrigens auch für Philipp Kohlschreiber und Rainer Schüttler, die im ATP-Race beide knapp vor Kiefer rangieren.

Ein einziger anderer Profi hatte sich bereitgefunden, die Ersatzmann-Rolle zu übernehmen: Radek Stepanek (Tschechien), die Nummer 26, ist nun Ersatzmann Nummer 1, Kiefer ist Ersatzmann Nummer 2.

Da ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass Kiefer in Schanghai tatsächlich ein Match bestreiten wird. Und sebst wenn er doch drankommen sollte, würde er wahrscheinlich selbst bei einem Sieg in der Vorrunde ausscheiden: Vor den Halbfinals wird in zwei Vierergruppen gespielt. Um weiterzukommen, muss man in der Regel zwei Matches gewinnen. Wer als Ersatzmann erst am dritten Spieltag einspringt, hat also praktisch keine Chance.

Insofern scheint es plausibel, dass viele andere Spieler sich den Trip nach China sparen. Die Saison ist vorbei, der lang ersehnte Urlaub hat längst begonnen. Und Schanghai ist für alle 25 in Frage kommenden Spieler weit weg. Für 50.000 Dollar Prämie und einen Gratis-Logenplatz beim Master-Cup würde ich persönlich ja sofort alles stehen und liegen lassen. Die Profis, die in diesem Jahr schon zwischen einer halben und einer ganzen Million Dollar Preisgeld gesammelt haben und dabei außerdem schon ein, zwei Mal nach China mussten, ist die Situation freilich eine andere. Über den sportlichen Stellenwert des Masters-Cups kann man sich zudem streiten. An die Grand-Slam-Turniere reicht er nicht heran.

Seltsam bleibt es trotzdem: Bisher hatte die ATP nie Probleme, Ersatzleute für den Masters Cup zu finden. Üblicherweise sind die Spieler, die die Qualifikation knapp verpasst hatten, brav angetanzt. Es waren zumindest immer Leute aus den Top 20. Auch in den letzten Jahren, als man bereits im fernen Schanghai spielte. Ab dem nächsten Jahr wird der Masters-Cup wieder in Europa ausgetragen (in London). Da werden wohl wieder mehr Spieler Lust haben, mal vorbeizuschauen.

Kiefer wurde erst drei Tage vor Beginn der Veranstaltung angerufen. Ich vermute mal, normalerweise beginnt die Suche nach Ersatzleuten früher. Vermutlich gab es also längst einen anderen, höher platzierten Ersatzmann, der es sich kurzfristig anders überlegte. (Die ATP informiert auf der Masters-Cup-Internetseite nirgends über die Ersatzleute.)

Wieso nun hatte ausgerechnet Nicolas Kiefer mehr Lust auf den Ausflug nach Schanghai als die meisten seiner Kollegen? Zwei Gründe fallen mir da ein:

1.) Er hat er in diesem Jahr nicht mehr so viele Turniere wie früher gespielt und mehrmals zu Hause in Hannover ein paar Wochen Pause eingelegt. Da ist die Aussicht, zum Saisonende noch mal um die halbe Welt zu fliegen nicht ganz so abschreckend wie für andere.

2.) Er verbindet vermutlich sehr schöne Erinnerungen mit dem Masters Cup. Ein einziges Mal qualifizierte er sich. Das war 1999. Austragungsort war seine Heimatstadt Hannover, und er kam auf Anhieb ins Halbfinale.

Drittens scheint eine Rolle zu spielen, zu Kiefer ein großer Fußballfan ist. Er erinnerte sich an die Dänen, die 1992 ihren Urlaub abbrachen, als Ersatzmannschaft für das sich auflösende Jugoslawien zur EM fuhren und prompt den Titel holten. Diese "irrwitzige Story", meint er, könne sich ja vielleich wiederholen, auch wenn "die Chance sicherlich eher gering" sei.

Als fußballerische Schlusspointe hatte ich geplant zu behaupten, dass Kiwi sicher nicht nach Schanghai geflogen wäre, wenn sein geliebtes Hannover 96 am kommenden Wochenende ein Heimspiel gehabt hätte. Diese Pointe scheitert aber an den Fakten: Hannover spielt am Freitag zu Hause gegen den VfL Bochum.

Sonntag, 2. November 2008

Das neue Weltranglisten-System: Doppelte Punktzahl, alles halb so schlimm?

Wer im August versucht hat zu verfolgen, wann genau und wieso Rafael Nadal in der Weltrangliste Roger Federer vom Thron stoßen würde, weiß: Die Berechnung der Tennis-Weltrangliste ist hart an der Grenze zur Geheimwissenschaft.

Das ist im Prinzip nicht weiter wild. Die Feinheiten der Weltrangliste muss man als Fan nicht verstehen. Einen eleganten Longline-Passierball kann man auch so genießen. Trotzdem ist die Rangliste für die Spieler ausgesprochen wichtig: Sie bestimmt, wer an welchem Turnier teilnehmen darf. Deshalb schlägt der Plan der ATP, die Punkteverteilung ab dem kommenden Jahr drastisch zu verändern, hohe Wellen. Ob jemand die Nummer 90 ist oder die 110, macht einen gewaltigen praktischen Unterschied. Der eine steht in Wimbledon im Hauptfeld, der andere muss in die Qualifikation. Und die Platzierung hängt nicht nur von der Leistung der Spieler ab, sondern auch vom Punkteschlüssel.

Viele eingefleischte Fans fürchten nun, der neue Punkteschlüssel werde es jungen aufstrebenden Spielern schwerer machen, die etablierten zu verdrängen, weil auf den großen Turnieren relativ noch mehr Punkte zu holen sind als auf den kleinen.

Meine Ansicht ist: Ganz so schlimm wird es nicht werden. Prognosen sind aber schwierig, denn vieles hängt auch davon ab, wie die Spieler in ihrer Turnierplanung auf die neuen Verhältnisse reagieren. Falls zum Beispiel die Spitzenspieler noch weniger auf kleinen Turnieren spielen, haben die Neulinge bessere Aussichten, dort Punkte zu holen.

Aber jetzt zu den nackten Zahlen: Das Grundprinzip der Rangliste ändert sich nicht. (Zumindest ist bisher nichts dergleichen bekannt. Die ATP hat das neue Ranglistensystem bislang nur scheibchenweise veröffentlicht, und für einige der Daten, die gleich kommen, gibt es nirgends eine offizielle Bestätigung.)

Weiterhin fließen für jeden Spieler 18 Ergebnisse aus den vergangenen 52 Wochen in sein Punktekonto ein. Die vier Grand-Slam-Turniere und die acht (bisher neun) Masters-Turniere zählen auf jeden Fall. Wer eines dieser Turniere ausfallen lässt, obwohl er über die Rangliste direkt qualifiziert wäre, bekommt dafür 0 Punkte. Der Rest wird aufgefüllt mit den besten Ergebnisse aus anderen Turnieren. Für die Spieler jenseits der ersten 100, die keine Grand Slams und Masters spielen, gilt also ganz einfach: Die besten 18 Ergebnisse des Jahres zählen. (Bevor sich jemand beschwert: Ein paar Details habe ich absichtlich weggelassen, damit es nicht noch verwirrender wird. Ganz genau steht alles im ATP-Regelbuch ab Seite 151)

Bisher gab es für einen Grand-Slam-Titel 1000 Punkte, für ein Masters-Turnier 500, für ATP-Turniere der "International Series" und "International Series Gold" je nach Kategorie und Preisgeld 175, 200, 225, 250 oder 300 Punkte für die Sieger. Darunter gibt es die Challenger-Turnier, auf denen üblicherweise Spieler von Platz 100-300 spielen. Je nach Preisgeld erhält der Sieger hier 55 bis 100 Punkte. Die unterste Kategorie schließlich sind die Futures. Davon gibt es allein in Deutschland über 20 und weltweit mehrere hundert. Der Sieger verdient hier je nach Preisgeld 12, 18 oder 24 Punkte.

Ab 2009 gibt es für Grand-Slam-Gewinner 2000 Punkte und für Masters-Gewinner 1000. Also jeweils glatt das Doppelte. Darunter gibt es 500er- und 250er-Turniere. Bis vor zwei Wochen war das alles, was vom neuen System bekannt war. Die Punkte für die großen Turniere werden verdoppelt, die für die kleineren Turniere bleiben praktisch gleich. Auf der Basis dieser Information breitete sich die Befürchtung aus, die Spieler, die einmal auf den großen Turnieren sind, werden dort ewig bleiben, während die anderen auf den kleineren Turnieren noch so gut spielen können, ohne den Punkte-Abstand zu den Etablierten je aufholen zu können.

Inzwischen ist etwas mehr vom neuen Punkteschlüssel bekannt. Das Entscheidende: Die Punkte für Finalisten, Halbfinalisten, Viertelfinalisten usw. steigen nicht annähernd so stark wie die für die Sieger.

Hier ein Überblick zum Vergleich. Das, was von der ATP für 2009 offiziell bestätigt ist, habe ich fett gesetzt. Alles andere beruht auf Gerüchten.



www.vgm.de




Grand Slam 2009 (2008)
S 2000 (1000)
F 1400 (700)
HF 720 (450)
VF 360 (250)
R16 180 (150)
R32 90 (75)
R64 45 (35)
R128 5 (5)

Masters
S 1000 (500)
F 600 (350)
HF 360 (225)
VF 180 (125)
R16 90 (75)
R32 45 (35)
R64 10 (5)

500er-Turnier
S 500 (300/250)
F 300 (210/175)
HF 180 (155/110)
VF 90 (75/60)
R16 45 (25)
R 32 20 (?) (0)

250er-Turnier
S 250 (175-250)
F 150 (120-175)
HF 90 (75-110)
VF 45 (40-60)
R16 20 (15-25)
R32 0

Challenger 125.000 Dollar
S 100 (90)
F 60 (63)
HF 35 (40)
VF 18 (23)
R16 6 (8)

Challenger 50.000 Dollar
S 75 (55)
F 45 (38)
HF 27 (24)
VF 15 (13)
R16 5 (5)

Future 15.000 Dollar
S 25 (18)
F 14 (12)
HF 7 (6)
VF 3 (3)
R16 1 (1)

Turniersiege werden also deutlich stärker gewichtet. Ab dem Viertelfinale gibt es kaum mehr Punkte als jetzt. Deshalb wird der Weg nach oben für Newcomer meines Erachtens nicht so viel schwerer wie befürchtet. Challenger-Spieler, die nach oben wollen, konkurrieren ja mit den Spielern, die auf den International-Series-Turnieren hin und wieder ein Viertelfinale erreichen und nicht mit denen, die dort die Titel abräumen.

Betrachten wir uns mal die Plätze 69 bis 75 der Weltrangliste vom vergangenen Montag. Dort stehen Spieler, die ihre Punkte bei den ganz großen Turnieren gemacht haben (Hewitt, Haas), Spieler, die mittlere Turniere gespielt haben (Hernandez) und Spieler, die überwiegend auf Challengern unterwegs waren (Devilder). Außerdem dabei: Philipp Petzschner mit vielen Challengern und einem Turniersieg auf International-Series-Ebene. Eine schön bunte Mischung also. Ich hab versucht umzurechnen, wie viele Punkte diese Spieler nach dem neuen System gemacht hätten. Der Vergleich ist etwas ungenau, weil die neuen 500er-Turniere im alten Jahr kein echtes Äquivalent haben. Rausgekommen ist dies:

Nr. Name - altes/neues System
69. Lleyton Hewitt 605 / 730 (+20,6 %)
70. Tommy Haas 600 / 825 (+37,5%)
71. Nicolas Devilder 591 / 690 (+16,8%)
72. Marcos Daniel 591 / 697 (+17,9 %)
73. Oscar Hernandez 584 / 640 (+ 9,6 %)
74. Philipp Petzschner 583 / 593 (+1,7 %)

Lleyton Hewitt und Tommy Haas hätten also am stärksten profitiert. Sie haben ihre Punkte überwiegend bei Grand Slams und Masters-Turnieren gemacht. Nicolas Devilder, der fast nur Challengers gespielt hat, hätte aber besser abgeschnitten als Oscar Hernandez, der überwiegend auf International-Series-Turnieren unterwegs war. Devilder hat nämlich auf der Challenger-Tour mehrere Titel gewonnen. Das zahlt sich deutlich mehr aus als all die ganzen Viertel- und Achtelfinals, die Hernandez auf der ATP-Tour gesammelt hat.

Am schlechtesten fällt der Vergleich für Philipp Petzschner aus. Er hat zwei Challenger-Endspiele und mehrere Challenger-Viertelfinals auf dem Konto, aber kein Challenger-Turniersieg. Auch diverse zweite Runden bei größeren Turnieren helfen ihm nicht weiter. Und hier kommt der Knackpunkt des neuen Systems: Auch der Tunriersieg in Wien bringt ihm nicht mehr ein, und das, obwohl Turniersiege ja viel stärker gewichtet werden als bisher. Wien wird 2009 ein 250er-Turnier sein. 250 Punkte gab es auch schon in diesem Jahr. Wäre Wien ein 500er-Turnier, wäre Petzschner von allen Spielern in unserem Beispiel der größte Profiteur (+44,6 %).

Die großen Verlierer sind also die Spieler, die auf den 250er-Turnieren rumgurken. In der Mehrklassengesellschaft des Profitennis könnte hier also eine neue Zwischenklasse zwischen Topspielern und Challenger-Spielern entstehen. Wie sich das praktisch auswirkt, ist aber schwer zu prognostizieren. Wenn die Top-50-Spieler künftig die 250er-Turniere meiden oder nur halbherzig spielen, haben die Spieler zwischen Platz 50 und 100 dort mehr Chancen als bisher, Punkte zu sammeln, weil einfach die Konkurrenz etwas schwächer wird.

Im Doppel dagegen könnte sich die Schieflage zu Gunsten der Etablieren, die dort ohnehin schon besteht, noch verschärfen. Aber das ist ein anderes Thema. Im Doppel, mit meist nur 16 Teams pro Turnier, ist man mit einem Sieg im Viertelfinale, mit zwei Siegen im Halbfinale. In den ersten Runden hat man oft leichte Gegner, die sich bloß fürs Einzel warmspielen wollen. Da kann jeder Honk, wenn er erstmal drin ist im großen Geschäft, mit etwas Glück ein bis zwei Turniere im Jahr gewinnen. Da ist es jetzt ganz schwierig für Aufsteiger, in diese geschlossene Gesellschaft einzubrechen. Das wird auch 2009 nicht leichter.

Eine Nachbemerkung noch zur Punkte-Umstellung am Jahresende. Das ist ja eine delikate Sache, weil die Weltrangliste im neuen Jahr nicht bei Null mit dem neuen System startet, sondern die Spieler alle Punkte, die sie nach dem alten System verdient haben, behalten, bis sie nach 52 Wochen verfallen. Greg Sharko, der "ATP Stats- and Information Guru", wie die ATP ihren Pressefritzen nennt, hat vor zwei Wochen in einem Artikel auf der ATP-Webseite mitgeteilt, zum Jahresende würden alle 2008 erworbenen Punkte verdoppelt.

Da es für einen Grand-Slam-Sieg künftig 2000 statt 1000 und für einen Masters-Sieg 1000 statt 500 Punkte gibt, scheint das auf den ersten Blick sinnvoll zu sein. Aber wir haben ja gesehen, dass diese Verdopplung nur eine Handvoll Spieler betrifft, die tatsächlich diese großen Turniere gewinnen. Die anderen werden zwischen 0 und 20 Prozent mehr Punkte bekommen. Was Gurus so erzählen, mag unterhaltsam sein. Man sollte aber nicht alles glauben. Die Aussage, es würden alle Punkte pauschal verdoppelt, ist so absurd, dass ich sie pauschal für eine Fehlinformation halte.

So ganz genau wird man das alles erst wissen, wenn irgendwann in der Saisonpause die ATP ihr Regelbuch für 2009 veröffentlicht.

Edit am 5. Januar 2009: Inzwischen gibt es das Regelbuch. Hier steht mehr darüber.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Doppel-Offensiven für 2009

Vor drei Wochen ließ ich mich an dieser Stelle darüber aus, wer wohl die besten Aussichten hat, sich für den Masters-Cup zum Saisonabschluss zu qualifizieren. Dabei habe ich zwei Drittel der in Frage kommenden Spieler völlig unterschlagen: Die Doppelspezialisten. Außer den acht Einzelspielern sind schließlich auch acht Doppel-Teams am Start.

Viel zu spekulieren gibt es in dieser Frage jetzt nicht mehr. Es steht nur noch ein Turnier an. Sieben Plätze sind vergeben, um den achten streiten sich ab morgen in Paris die Polen Mariusz Fyrstenberg und Marcin Matkowski mit den Südafrikanern Jeff Coetzee und Wesley Moodie. Die Südafrikaner haben neun Punkte Rückstand, dafür aber die leichtere Auslosung. Wenn beide Teams früh ausscheiden, könnten theoretisch auch noch die Brasilianer Marcelo Melo und Andre Sa die lachenden Dritten sein, dazu müssten sie aber das Turnier gewinnen, wovon ich nicht ausgehe.

Befassen wir uns also stattdessen mal mit dem Masters-Cup 2009. Das lässt mehr Raum für Spekulationen. Soweit ich das überblicken kann, war noch nie ein deutscher Doppelspieler beim Masters-Finale dabei. (Was ich nicht überblicken kann, ist das Jahr 1976. Das ist das erste Jahr, in dem das Masters überhaupt ausgetragen wurde. Dazu habe ich im ganzen riesengroßen Internet keine Vorrundenergebnisse gefunden, und es war die letzte Saison, in dem Jürgen Fassbinder und Hans-Jürgen Pohmann vorne mitspielten. Also, falls hier irgendjemand mitlesen sollte, der lebhafte Erinnerungen an das Doppel-Masters von 1976 hat, könnte der das vielleicht aufklären.)

Es gibt deutsche Spieler, die im nächsten Jahr versuchen wollen, in die Doppelweltspitze vorzudringen. Christopher Kas und Philipp Kohlschreiber und wohl auch Philipp Petzschner mit seinem österreichichen Spezi Alexander Peya.

Für die Masters-Cup-Qualifikation freilich ist etwas mehr Vorausplanung nötig als im Einzel. Im Einzel muss man einfach nur möglichst gut spielen und viele Punkte für das "Champions Race" sammeln. Das muss man im Doppel auch, aber im Doppel muss man das außerdem immer mit demselben Partner tun. Dazu braucht man einen Partner, mit dem man sich spielerisch gut ergänzt und mit dem man sich privat gut versteht - schließlich reist man Woche für Woche zu denselben Turnieren.

Die zweite Voraussetzung: Die Weltranglistenposition muss gut genug sein. Das ist im Doppel viel wichtiger als im Einzel. Im Einzel kann jeder, der zu Jahresbeginn unter den Top 100 ist, wenn er stark genug spielt, am Jahresende unter den besten Acht kommen. Juan Martin del Potro war noch im April die Nummer 75 und ist jetzt beim Masters-Cup so gut wie sicher dabei.

Ein Doppel-Team aus Spielern, die im April um Platz 75 stehen, hätte bei denselben überragenden Leistungen ungleich schwerer. Das Team käme einfach nicht so leicht an die Fleischtöpfe. Um bei den Masters-Series-Turnieren, wo es die nach den Grand Slams die größten Punktebatzen gibt, überhaupt antreten zu dürfen, muss man im Doppel mindestens um Platz 30 stehen. Die Doppelspezialisten konkurrieren mit den besten Einzelspielern um die raren Startplätze, und für die Zulassung für das Doppelfeld zählen Einzel- und Doppelweltrangliste gleichwertig.

Christopher Kas und Philipp Kohlschreiber sind nah dran, diese Voraussetzung zu erfüllen. Bei den Masters-Turnieren in diesem Herbst sind sie ganz knapp an einem Startplatz vorbeigeschrammt. Diese Woche standen beide auf Platz 30. Kohlschreiber im Einzel, Kas im Doppel. Die beiden haben im Juli in Stuttgart zum ersten Mal zusammen gespielt - und auf Anhieb das Turnier gewonnen. Jetzt im Herbst spielten sie zwei weitere Turniere: In Wien verloren sie in der ersten Runde und in Basel kamen sie ins Finale. Wenn sie 2009 eine ähnlich gute Ausbeute schaffen, könnte es klappen mit dem Masters-Cup. Eine offene Frage ist: Hält Kohlschreiber wirklich das ganze Jahr durch? Wird er bei jedem Turnier, auch bei den Grand Slams, immer brav neben dem Einzel auch im Doppel spielen? Es gibt Einzelspieler, die das tun, aber es sind wenige. Wie sich Kohlschreiber entscheidet, wird wohl auch davon abhängen, ob er und Kas in den ersten Monaten des Jahres zählbare Erfolge feiern.

Nun zu Philipp Petzschner und Alexander Peya: Die beiden müssen noch ein bisschen Gas geben, wenn sie an die Fleischtöpfe der Masters-Turniere kommen wollen. Petzschner ist im Moment Nummer 39, Peya ist Nummer 47. Aber weil beide in den ersten Monaten des nächsten Jahres relativ wenige Punkte zu verteidigen haben, ist da Luft nach oben. Petzschner gilt zu recht als ein Weltklasse-Doppelspieler. Was Peyas spielerische Qualitäten betrifft, habe ich offen gestanden noch ein paar Bildungslücken. Er ist ein passabler Einzelspieler mit Vorliebe für schnelle Beläge. Solche Leute sind ja meistens auch fürs Doppel durchaus zu gebrauchen.

Philipp Petzschner ist allerspätestens nach seinem Turniersieg in Wien vom Doppelspezialisten zu einem Einzelspieler, der auch Doppel macht, geworden. Für ihn gilt also dieselbe Frage wie für Kohlschreiber: Will er sich die Doppelbelastung das ganze Jahr über zumuten? Bei Petzschner, für den regelmäßiges Doppelspielen ja nichts Neues ist, bin ich mir da sicherer als bei Kohlschreiber. Aber was macht Peya? Im Einzel ist er die Nummer 159. Damit müsste er normalerweise regelmäßiger Gast auf Challengern sein. Das geht natürlich nicht, wenn er mit Petzschner zu den großen Turnieren fährt. Gut möglich also, dass sich die Wege von Petzschner und Peya immer wieder mal trennen werden, wenn Peya Einzelpunkte sammeln geht. Das wäre ein großes Handicap auf dem Weg zum Masters-Cup.

Mischa Zverev ist ein weiterer Deutscher, dem ich im Doppel Masters-Cup-Niveau zubillige. Er wird sich aber wohl erstmal auf seine Einzel-Karriere konzentieren.

Dann gibt es natürlich noch Alexander Waske. Der hatte 2007 (damals mit Andrei Pavel aus Rumänien) öffentlich den Masters-Cup als sein Ziel ausgegeben. Nach seiner langwierigen Schulterverletzung fängt Waske jetzt aber praktisch bei Null an. Selbst wenn er sofort in Topform käme und einen passenden Partner fände, käme er wohl nicht mehr rechtzeitig an die Fleischtöpfe für 2009.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Das langsame Karriereende von Tommy Haas

Morgen beginnt das ATP-Turnier von Basel (ausnahmsweise mal eines mit Livebildern auf Eurosport). Angeblich spielt Tommy Haas dort in der ersten Runde gegen Oscar Hernandez aus Spanien (hier das Tableau). So genau weiß man das aber nicht, wie man überhaupt wenig darüber weiß, was Tommy Haas im Moment tut und was er vorhat. Ich behaupte mal forsch: Den Platz von Tommy Haas in Basel wird ein Lucky Loser einnehmen.

Seit Anfang September, seit seiner Zweitrundenniederlage bei den US Open, hatte er nichts von sich hören lassen. Und was er damals von sich hören ließ, war dies: Der Gedanke ans Karriereende bereite ihm "ein komisches Gefühl", aber man müsse "der Realität ins Auge schauen".

An diesem Freitag dann tauchte ein längeres Statement auf Haas' Internetseite auf. Zwischen den Zeilen erklärt er darin seinen Abschied als Vollzeit-Profi. Mindestens bis Mitte Januar will er pausieren. Und dann: "Wirklich freuen würde ich mich natürlich, 2009 auch wieder bei einem der Grand-Slam-Turniere dabei sein zu können. Aber auch dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne und gehört sicher nicht zu den primären." Zu Spekulationen, er wolle ganz aufhören, sagt er: "Momentan sehe ich keinen Anlass für eine solche Überlegung. Ich fühle mich gut und möchte noch einmal zurück auf die ATP-Tour kommen."

Ein knallhartes Dementi ist das nicht. Tommy Haas plant nicht mehr, Woche für Woche von Turnier zu Turnier zu reisen, wie es Tennisprofis tun. Das scheint mir eindeutig. Hin und wieder in kleines Turnier. Vielleicht ein Grand-Slam-Turnier, vielleicht auch nicht.

Haas ist 30. Das ist kein Alter, in dem man zwingend ans Aufhören denken muss. Aber seit Jahren hat er Probleme mit seiner Schulter. 2003/2004 hatte er über ein Jahr lang pausieren müssen, und danach scheint die Schulter nie wieder dauerhaft gehalten zu haben. Mittlerweile sind auch Ellenbogen und Handgelenk angeschlagen.

Auch wegen seiner Verletzungen war Haas schon in diesem Jahr auf dem Weg zum Teilzeit-Profi. Er hat nur zwei der vier Grand Slams gespielt (Wimbledon und US Open) und vier der bisher acht Masters-Turniere. In Indian Wells schlug er unter anderem Andy Murray und Andy Roddick und kam ins Viertelfinale (zum dem er allerdings nicht antrat). Nur wenige gute Ergebnisse - das macht sich natürlich auch auf der Weltrangliste bemerkbar. Er ist auf Platz 69 zurückgefallen. So weit hinten stand er - wenn man vom Verletzungsjahr 2003 absieht - zuletzt 1997. Beim Masters-Turnier von Paris, das in einer Woche beginnt, ist er zum ersten Mal nicht mehr direkt fürs Hauptfeld qualifiziert. Für die 128-Spieler-Felder der Grand-Slam-Turniere reicht es natürlich noch. Aber wenn im März die Punkte vom Viertelfinale in Indian Wells verfallen, kann auch das ganz schnell vorbei sein.

Dass Haas offen lässt, ob er in Zukunft Grand-Slam-Turniere spielen wird, hat wohl mit der besonderen Belastung zu tun, die Matches über drei Gewinnsätze mit sich bringen. Es wird aber auch daran liegen, dass er nicht davon ausgehen kann, überhaupt fürs Hauptfeld qualifiziert zu sein. Bei kleineren Turnieren sieht die Sache anders aus. Da wird er sicherlich immer wieder mal eine Wild Card kriegen können, insbesondere in den USA, wo er fast populärer ist als in Deutschland.

(Ein Zeitlang könnte er sich noch mit dem "Protected Ranking" (PR) über Wasser halten, der Regel, nach der Spieler nach einer mindestens sechsmonatigen Verletzungspause acht Turniere mit ihrer alten Ranglistenposition bestreiten dürfen. Sollte Haas allen Ernstes nächste Woche in Basel antreten, müsste er freilich bis Ende März warten, um seine sechs Monate Pause fürs PR vollzukriegen. Das Basler Pressebüro konnte oder wollte mir nicht sagen, ob Haas schon in der Stadt gesehen wurde und ob man überhaupt mit seinem Erscheinen rechnet.)

Aber spielt Haas wenigstens noch im Davis-Cup? Mitte des Jahres hatte er gegenüber Kapitän Patrik Kühnen seine Bereitschaft signalisiert. Solange aber Philipp Kohlschreiber, Philipp Petzschner, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler solide Leistungen bringen, sehe ich Haas gar nicht zwingend in der Mannschaft. Und wir wollen ja nicht enden wie so viele Fußball-Nationalmannschaften, deren Trainer sich nicht trauen, ihren alternden Star auf die Bank zu setzen.

Zum Abschluss hab ich auf meinem Notizzettel ein paar Stichpunkte zum Gesamtfazit von Tommy Haas' Karriere. Hat er mehr erreicht als er erwarten konnte? Immerhin war er mal Weltranglistenzweiter? Oder ist er unter seinen Möglichkeiten geblieben? Er hat schließlich nie ein Grand-Slam-Titel gewonnen, ja nicht einmal ein Finale erreicht. Aber das Thema bewahre ich mir auf für den Tag, an dem er seine Karriere tatsächlich beendet (sofern es meinen Blog dann noch gibt...)

Sonntag, 12. Oktober 2008

Philipp Petzschner: Kein One-Hit-Wonder

"Der soll erst mal aufhören zu rauchen und sich professionell verhalten, mehr als 20 Minuten Training wären auch nicht schlecht."

Dieses Zitat handelt von Philipp Petzschner. Ein "Mike aus Oberhaching" hat es vor zweieinhalb Jahren ins Gästebuch von Alexander Waske geschrieben. Es spricht einiges dafür, dass sich hinter "Mike aus Oberhaching" eine wichtige Figur des deutschen Tennis verbirgt; auf jeden Fall ist die Aussage repräsentativ für das, was man in der Szene seinerzeit von Philipp Petzschner dachte. Das war kurz vor dessen 22. Geburtstag, und er war die Nummer 370 auf der Weltrangliste.

Heute hat Philipp Petzschner das ATP-Turnier von Wien gewonnen, als Qualifikant. 6:4, 6:4 im Endspiel gegen den French-Open-Halbfinalisten Gael Monfils. Montag verbessert sich Petzschner von Platz 125 auf Platz 72. Wenn er jüngst mal nur 20 Minuten trainiert haben sollte, wäre das im Sinne der Regeneration vielleicht nicht schlecht gewesen. Denn Philipp Petzschner hat in den letzten zehn Tagen ein Mammutprogramm absoliviert. Seit dem vorigen Sonnabend hat er nicht nur sieben Einzelmatches gewonnen, sondern ist mit seinem österreichischen Partner Alexander Peya auch ins Doppel-Finale eingezogen. Einen Tag, bevor er zur Qualifikation in Wien antrat, spielte Petzschner noch Doppel-Viertelfinale in Tokio. Der Flieger aus Japan mit ihm an Bord landete drei Stunden vor seinem ersten Match. Zeit für eine Zigarette dürfte da nicht geblieben sein.

Wer unter diesen Voraussetzungen ein ATP-Turnier gewinnt, der ist topfit. Und Wien ist nicht irgendein Pillepalleturnier. Hier waren sechs Top-20-Spieler am Start. Es gibt ja manchmal Zufallsturniersieger, One-Hit-Wonder, von denen man nach einem Jahr, in denen sie sich reihenweise Erstrundenniederlagen abholen, nie wieder was hört. Wenn ein 24-jähriger Weltranglistenhunderfünfundzwanzigster plötzlich einen Titel holt, ist die One-Hit-Wonder-Wahrscheinlichkeit gemeinhin relativ hoch. Bei Philipp Petzschner ist das anders. Ich behaupte nicht, dass er ab sofort reihenweise Turniere gewinnt, aber er wird sich nun schnell unter den ersten 50 der Welt etablieren und in den nächsten Jahren einer der besten deutschen Tennisprofis sein.

Das hat sich schon länger abgezeichnet. "Es ist, glaub ich, unbestritten, dass der Petzschner mit am meisten Talent von allen hat", schrieb der eingangs zitierte Mike aus Oberhaching (dort ist ein bedeutendes Trainingszentrum, in dem Leute, die Michael heißen, arbeiten) schon damals, als Petzschner noch rauchte und Party machte.

Sein Talent blitzte immer wieder auf. Als 19-Jähriger erreichte er zum ersten Mal das Viertelfinale eines ATP-Turniers (2003 in Metz). Bis zum zweiten Viertelfinale dauerte es fünf Jahre (vor zwei Wochen in Bangkok). 2004 wurde er Deutscher Meister und der Deutsche Tennisbund (DTB) musste ihm zähneknirschend eine Wild Card für den Hamburger Rothenbaum geben, denn die war dem Gewinner der Deutschen Meisterschaft versprochen. In Hamburg 2005 wäre er dann sogar fast noch in die zweite Runde eingezogen. Gegen den auf Sand stets unbeholfen spielenden Greg Rusedski gewann er einen Satz.

Wenn der DTB nicht musste, gab er Petzschner keine Wild Cards. Die gingen - und das ist ja auch nachvollziehbar - lieber an Leute, die für ihren Erfolg hart arbeiten. Nicht einmal als Doppelspieler war er wohlgelitten. Dabei sorgte er in dieser Disziplin gemeinsam mit seinem Kumpel Christopher Kas 2005/06 international für Furore. Sie besiegten unter anderem die Weltklasseduos Erlich/Ram (Israel) und Knowles/Nestor (Bahamas/Kanada). In dem Jahr kletterte Petzschner in der Doppel-Rangliste bis auf Platz 62. Beim Doppel muss man nicht so weit laufen, was praktisch ist für Leute mit wunderbarem Ballgefühl, aber wenig Puste. In den einschlägigen Fanforen wurde spekuliert, was er wohl alles erreichen könnte, wenn er mal mit einem richtigen Doppelspezialisten spielen würde anstatt immer nur mit seinem Kas. (Tja, da unterschätzte man Kas, der es später ohne Petzschner unter die ersten 30 der Welt brachte, aber das ist ein anderes Thema.)

Nach einer relativ kurzen Verletzungspause verlor Petzschner den Anschluss im Doppel und musste zurück auf drittklassige Future-Turniere. Dann muss er irgendwann mit dem Rauchen aufgehört haben. Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen hat das schnell registriert und ihn schon im Herbst 2007 fürs Halbfinale gegen Russland nominiert, zu einer Zeit, als die messbaren Ergebnisse von Petzschners neuem Lebenswandel noch ganz unscheinbar waren. Das Doppel gegen Russland gewann er zusammen mit Alexander Waske. Als sich Waske verletzte und Tommy Haas krank wurde, musste er sogar im Einzel einspringen. Als damalige Nummer 206 verlor er nur knapp gegen die Nummer 17 Michail Juschni. 2008 gehört Petzschner fest zum Davis-Cup-Team.

Nach dem Davis-Cup-Einsatz gegen Russland sprach er gelassen darüber, dass ein Lebenswandel nicht immer der eines Berufssportlers war. "Ich war aber nicht mehr im Nachtleben unterwegs als jeder halbwegs normale Student." Da tut sich eine geradezu sportethische Frage auf: Darf man es einem jungen Menschen zum Vorwurf machen, dass er leben möchte wie alle anderen Leute auch? Dass er keine Lust hat sich zu schinden, früh schlafen zu gehen, nüchtern zu bleiben? Oder sollte es nicht jedem Menschen selbst überlassen bleiben, ob er aus seinem großen Talent mit großen Anstrengungen etwas Großes macht oder nicht? Es ist ja weißgott nicht so, dass Philipp Petzschner auf die schiefe Bahn geraten wäre wie Maximilian Abel.

Andere Profis haben mit 24 keine Lust mehr auf Tennis, weil sie seit zehn Jahren von morgens bis abends nichts gesehen haben außer Tennisplätzen, Tennisschlägern, Tennisbällen. Petzschners Karriere geht jetzt erst richtig los, und ihm macht sein Beruf richtig Spaß.

Hier das ATP-Profil von Philipp Petzschner

Und hier die Ergebnisse aus Wien im Einzel und im Doppel

Sonntag, 5. Oktober 2008

Wer schafft es nach Schanghai?

Soll niemand behaupten, so ein Blog, das sei kein Wunschkonzert. Der Leser thedesertsun fragte in dieser Woche, ob man sich auch Themen wünschen könne: "Wenn ja, fände ich es echt interessant, wenn du am kommenden Sonntag mal die Chancen der Kandidaten für die letzten Shanghai-Plätze bewertest."

Also behandeln wir heute mal die Frage, wer die Teilnehmer des Masters-Cups (9. bis 16. November) sein werden, des Jahresabschlussturniers der besten Spieler der Saison.

Vier Turnierwochen sind bis dahin noch zu absolvieren - einschließlich der beiden Masters-Turniere von Madrid (13. bis 19. Oktober) und Paris (27. Oktober bis 2. November). Da werden noch jede Menge Punkte für das Rennen nach Schanghai vergeben: Jeweils 100 für die Sieger der beiden Masters, bis zu 50 für die Sieger der anderen Turniere. Wer vier Turniere gewinnt, bekommt also 300 Punkte. Der gegenwärtige Achte der Schanghai-Rangliste, James Blake (USA), hat 308 Punkte. Theoretisch kann also jeder Hans und Franz noch James Blake überholen. Wir wollen uns aber an dieser Stelle auf diejenigen Tennisspieler beschränken, die das auch praktisch noch schaffen können.

Dies ist der Stand von diesem Montag (6. Oktober):
1. Rafael Nadal (Spanien) 1265
2. Roger Federer (Schweiz) 921

3. Novak Djokovic (Serbien) 899
4. Andy Murray (Großbritannien) 520
5. Nikolai Dawidenko (Russland) 417
6. Andy Roddick (USA) 354 (22/24)
7. David Ferrer (Spanien) 337 (15/15)
8. James Blake (USA) 309 (15/20)
------------------------------------------------------
9. Juan Martin del Potro (Argentinien) 307 (8/15)
10. Stanislas Wawrinka (Schweiz) 286 (3/5)

11. Fernando Gonzalez (Chile) 279 (8/12)
12. Gilles Simon (Frankreich) 261(10/27)
13. Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich) 255 (0/0)
14. Fernando Verdasco (Spanien) 253 (8/15)
15. Nicolas Almagro (Spanien) 253 (8/15)
...
19. Tomas Berdych (Tschechien) 221 (8/10)
27. David Nalbandian (Argentinien) 195 (5/10)

(Hier die komplette Rangliste)

Gewertet werden die Ergebnisse der vier Grand-Slam-Turniere, die neun Masters-Turniere und die fünf besten übrigen Ergebnisse. Die beiden Zahlen in Klammern geben von diesen übrigen Ergebnissen das viert- und fünftbeste Resultat an. Wenn also zum Beispiel Fernando Verdasco in Wien und St. Petersburg jeweils ins Finale käme (jeweils 35 Punkte), erhielte er dafür 70 Punkte, gleichzeitig verfielen aber 23 (8+15). Macht netto 47.

Das Rennen nach Schanghai funktioniert also fast genau so wie die Weltrangliste. Fünf Weltranglistenpunkten entspricht ein Punkt im Rennen nach Schanghai. Es beginnt im Januar bei Null, während für die Weltrangliste die Ergebnisse der gesamten vergangenen 52 Wochen zählen. Am Ende des Jahres stimmen beide Ranglisten also überein. (Dass beim Rennen nur die größeren Turniere ab 325.000 Euro Preisgeld zählen, ist egal, weil von den ersten Acht normalerweise sowieso keiner auf den kleinen Challengern spielt.)

Vier Spieler sind schon uneinholbar unter den ersten acht: Rafael Nadal, Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray. Auch um Nikolai Dawidenko braucht man sich wohl keine Sorgen mehr zu machen.

Beginnen wir also bei Platz 6:

Andy Roddick
(Nr.6) könnte, wenn es ganz arg kommt, wohl noch von drei Leuten überholt werden. Dazu müssten aber nicht nur die Leute hinter ihm überragend spielen, er selber müsste zudem immer verlieren. Danach sieht es aber nicht aus. Er ist ganz gut in Form, hat vor einer Woche das Turnier in Peking gewonnen und war diese Woche in Tokio im Halbfinale.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 95 Prozent

David Ferrer (Nr. 7) hat fast ebenso viele Punkte auf dem Konto wie Roddick. Aber seine zweite Saisonhälfte war dürftig. Und er hat außer für die beiden Masters für kein Turnier mehr gemeldet. Er kann also nur zugucken, wie seine Verfolger in Wien oder Basel punkten. Ferrer braucht mindestens ein Viertelfinale in Madrid oder Paris. So, wie er derzeit drauf ist, klappt das nicht.
Turniere: Madrid, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent

James Blake
(Nr. 8) ist das große Fragezeichen. Er hat seit den US Open nicht mehr gespielt. Man weiß nicht genau, was mit ihm los ist. Den Davis-Cup sagte er wegen "mentaler Erschöpfung" ab. Eigentlich hätte er ab morgen in Wien antreten sollen. Aber auch da hat er kurzfristig abgesagt. Wenn er bloß seine Kräfte schont, um in den letzten Turnierwochen noch mal durchzustarten, hat er beste Chancen auf Schanghai. Andernfalls sieht es düster aus.
Turniere: Madrid, Basel, Paris (?)
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: keine Ahnung. Je nach Verfassung zwischen 0 und 60 Prozent


Juan Martin del Potro (Nr. 9), das Wunderkind der zwei Saisonhälfte. Im Juli kam er als 19-jährige Nr. 65 zum Stuttgarter Weißenhof und gewann das Turnier - und die Turniere von Kitzbühel, Los Angeles und Washington gleich hinterher. Seither hat er nur noch zwei Matches verloren: Vor vier Wochen das Viertelfinale der US Open und heute das Finale von Tokio. Der Junge ist nicht zu stoppen.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 75 Prozent

Stanislas Wawrinka (Nr. 10) hat sich im Frühjahr in die Top 10 gespielt. Seither liefert er solide Ergebnisse ab, ohne das was Herausragendes dabei gewesen wäre (außer der olympischen Goldmedaille im Doppel, aber ums Doppel geht es hier ja nicht). Sein Vorteil: In Basel hat er ein Heimspiel.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent

Fernando Gonzalez (Nr. 11) gewann bei den Olympischen Spielen Silber; ansonsten hat er seit Mai nicht mehr viel gerissen. Aber Gonzalez ist seit Jahren vorn dabei, den muss man immer auf dem Zettel haben.
Turniere: Wien, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 15 Prozent

Gilles Simon (Nr. 12) gewinnt immer nur, weil seine Gegner gegen ihn so schlecht spielen. An dieser These halte ich eisern fest, denn immer dann, wenn ich ihn live gesehen habe, war das so. Unter den ersten acht kann ich mir Gilles Simon beim besten Willen nicht vorstellen. Andererseits: Bei französischen Hallenturnieren spielen seine Gegner immer besonders unterirdisch. Und es kommen ja noch Lyon und Paris.
Turniere: Wien, Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Jo-Wilfried Tsonga (Nr. 13): Lang ist's her: Im Januar stürmte er als Nr. 38 der Welt ins Endspiel der Australian Open. So ein Grand-Slam-Finale (140 Punkte) ist fast die halbe Miete für den Masters-Cup. Wäre Tsonga nicht von Mai bis August verletzt gewesen, hätte er die Qualifikation wohl schon so gut wie sicher. Vor einer Woche schlug er Novak Djokovic im Finale von Bangkok. Stark genug ist Tsonga also. Aber in Tokio musste er mit einer Leistenverletzung die Segel streichen. Seinen Start in Moskau hat er abgesagt. Ob er in Madrid wieder spielen kann, weiß er noch nicht. Um noch nach Schanghai zu kommen, braucht er ein kleines Wunder. Aber Tsonga ist ein einer von denen, die Wunder können.
Turniere: Madrid (?), Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 10 Prozent. Falls er in Madrid antritt, steigen seine Chancen.

Fernando Verdasco (Nr. 14) ist mit Tsonga fast gleichauf und außerdem unverletzt. Da gehört er auf jeden Fall auch noch zum Kandidatenkreis für Schanghai. Spaniern hängt ja der Ruf nach, sie könnten nicht in der Halle, sie könnten nur auf Sand. Für Verdasco gilt das nicht. Bei günstiger Auslosung steht der in Madrid ruck, zuck im Halbfinale (45 Punkte). Anschließend spielt er das schwach besetzte Turnier in St.Petersburg. Da zählt er zu den Favoriten auf die 50 Punkte für den Titel.
Turniere: Wien, Madrid, St.Petersburg, Paris
S
changhai-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent

Nicolas Almagro (Nr. 15) ist punktgleich mit Verdasco, im Gegensatz zu diesem aber wirklich ein Sandkastenspieler. Den können wir vergessen.
Turniere: Madrid, Lyon, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 0,5 Prozent

Dann gibt's noch zwei Kandidaten auf den hinteren Rängen, die für eine Überraschung gut sein können:

Tomas Berdych
(Nr. 19) hatte bis vor kurzem eine für seine Verhältnisse enttäuschende Saison. Aber im Finale von Tokio hat er heute den nahezu unschlagbaren Juan Martin del Potro geschlagen. Ich trau ihm noch mehr Turniersiege zu. Vielleicht sogar in Paris - wie vor drei Jahren.
Turniere: Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 3 Prozent

David Nalbandian (Nr. 27) ist deswegen auf dieser Liste, weil er vor genau einem Jahr auch ungefähr auf Platz 27 stand und das Ticket für Schanghai dennoch nur hauchdünn verfehte: Er gewann Madrid und Paris und war plötzlich Neunter.
Turniere: Stockholm, Madrid, Basel, Paris
Schanghai-Wahrscheinlichkeit: 2,5 Prozent

So. Wer das jetzt alles bis zum Schluss durchgelesen hat, darf sich auch ein Thema wünschen. Und wer erkennt, wer der Spieler ist, der seit gestern durch den Titelkopf meines Blogs hüpft, darf sich sogar zwei Themen wünschen.

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