Sonntag, 20. Oktober 2013

Live aus Stockholm

Dieses Bild zeigt den legendären "Mr. G.", den mehrmaligen Doppelpartner von Gottfried von Cramm bei Berliner Vereinsturnieren. Im Hauptberuf war dieser Spieler König von Schweden. Gustav V. regierte von 1907 bis 1950 und ließ, während im Ausland der Zweite Weltkrieg tobte, in die fabelhafte königliche Tennishalle erbauen, in der in dieser Woche wieder das ATP-Turnier von Stockholm ausgetragen wurde.

Die Fotos, die ich dort von laufenden Spielen gemacht habe, sehen auf meiner Handykamera nicht wirklich prickelnd aus, also zeige ich lieber die Statue des Mr. G, die über den holzbebankten Zuschauerrängen thront.

Was mich an dieser Halle und an diesem Turnier so faszieniert, habe ich an anderer Stelle schon einmal berichtet. Was ich vor drei Jahren schrieb, trifft immer noch zu. Neu ist, dass ich mir mehr und mehr Sorgen um das Turnier mache. Ohne dass ich genaue Zahlen habe, scheint mir, dass das Zuschauerinteresse abnimmt. Das ist nicht verwunderlich, hat doch das schwedische Tennis ähnliche Sorgen wie das deutsche, nur dass alles noch viel schlimmer ist. Der in der aktuellen Herren-Weltrangliste bestplatzierte Landmann alter Größen wie Björn Borg, Stefan Edberg oder Mats Wilander ist ein gewisser Markus Eriksson auf Platz 406.

Turnierdirektor Jonas Björkman, 41 Jahre alt und einst die Nummer 1 im Doppel und die Nummer 4 im Einzel, wusste sich nicht anders zu helfen, als fünf Jahre nach seinem Karriereende einfach noch mal selbst zum Schläger zu greifen. Aber davon später mehr.

Hier ein paar Eindrücke von den Spielen, die ich am Dienstag und am Mittwoch gesehen habe.

Jack Sock (USA, 21 Jahre, Nr. 97) - Bernard Tomic (Australien, 20 Jahre, Nr. 52)
6:4, 6:2
Die beiden Jungs gelten als sehr hoffnungsvolle Talente. Aber wenn das die Zukunft des Welttennis ist, dann mache ich mir ernste Sorgen. Zeitweise erinnerte mich das Match an Schüttler gegen Schüttler. Keine Höhepunkte nirgends. Zwischenzeitlich fragte ich mich, ob Tomic versucht, absichtlich zu verlieren. So hatte ich Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich kam auf den Gedanken, dass Jack Sock, so wie er aussieht und wie er heißt, nirgendwo anders herkommen kann als aus dem mittleren Westen. Ich dachte an Laramie, Wyoming, wo der herrliche Schüleraustauschroman "Amerika" von Joachim Meyerhoff spielt. Knapp daneben. Sock ist aus Nebraska, ein Nachbarstaat von Wyoming und noch viel mittelwestiger. Ich stellte mir Jack Sock vor als Tennisheld einer Highschool, die vom postheroischen Zeitalter noch nicht ergriffen wurde. Zu Bernard Tomic fiel mir sonst nur noch auf, dass der Schiedsrichter ihn konsequent "Tomitsch" nannte, wie es der Sprache seiner kroatischen Herkunftsfamilie entspricht, und nicht "Tomick", wie er es selbst seiner australischen Heimat zu praktizieren scheint.

Ernests Gulbis (Lettland, 25 Jahre, Nr. 26) - Jeremy Chardy (Frankreich, 26 Jahre, Nr. 36)
6:3, 3:6, 7:6
Ein packendes Spiel und eines der hochklassigsten der ersten Runde, in der ja die topgesetzten Spieler Freilose genießen durften. Aber ich habe dieses Spiel weitgehend verpasst. Was mir auffiel ist, dass ich in letzter Zeit viele Spiele des wiedererstarkten Gulbis verpasst haben muss. Er sah verändert aus im Vergleich zu früher. Viel erwachsener, athletische und irgendwie russischer.

Guillermo Garcia-Lopez (Spanien, 30 Jahre, Nr. 64) - Nils Langer (Deutschland, 23 Jahre, Nr. 340)
7:6, 6:3
Nils Langer ist über die Qualifikation ins Hauptfeld gelangt. Das ist ihm überhaupt erst zum zweiten Mal in seiner Karriere gelungen. Es ist vier Jahre her, dass ich Langer das letzte Mal spielen sah, das war in der Qualifikation am Hamburger Rothenbaum, und ich fand ihn damals nicht gerade überzeugend.
Zu viel erwarten durfte man von ihm also nicht, zumal Garcia-Lopez - anders als man es von Spaniern kennt - auch in der Halle kein Schlechter ist. Erst vor ein paar Wochen stand er in St. Petersburg im Finale. Aber im ersten Satz war Langer ihm ebenbürtig! Seine einhändige Rückhand sah manchmal etwas sehr beiläufig geschlagen aus, aber sie zeigte Wirkung. Überhaupt machte Langer einen desinteressierten Eindruck. Es schien ihn überhaupt nicht zu kümmern, wenn ein Ball mal an der Netzkante hängen blieb oder knapp ins Aus flog. Mit der Zeit kam mir aber der Verdacht, dass das ein Zeichen mentaler Stärke ist. Dass er vergebene Punkte schnell abhakt, anstatt ihnen hinterherzutrauern. Langer ist ja auch der Profitour noch immer nicht so richtig durchgestartet, aber nach dem, was ich am Dienstag von ihm gesehen habe, glaube ich, dass er in absehbarer Zeit zumindest in die Top 200 kommen wird und sein zweites ATP-Tunrier nicht sein letztes gewesen sein wird.

Joachim Johansson (Schweden, 31 Jahre, kein Ranking) - Alejandro Falla (Kolumbien, 29 Jahre, Nr. 112)
6:1, 6:3
Was für ein lockerer Aufgalopp für Johansson. Und es wirkte vom ersten Ballwechsel an völlig selbstverständlich, dass er dieses Match souverän gewinnen würde. Dabei wusste noch drei Tage zuvor niemand - vermulich nicht einmal er selber - was von ihm zu erwarten sein würde. Nach vielen Verletzungen beendete er 2009 seine vielversprechende Karriere, die ihn einmal ins Halbfinale der US Open und kurzzeitig in die Top 10 der Weltrangliste geführt hatte. 2010 und 2011 trat er noch mal im Davis-Cup an (die Schweden haben für sowas ja sonst niemanden mehr) und schlug sich wacker. Jetzt entschloss er sich, in Stockholm ein einmaliges Comeback zu wagen. Wenn er gewollt hätte, er hätte gewiss sofort eine Wild Card für das Hauptfeld bekommen. Aber er wollte sich lieber in der Qualifikation herantasten ans aktuelle Profitennis. Das glückte ihm mit Bravour. Er gab in seinen drei Quali-Matches keinen einzigen Satz ab.

Jetzt war er also beim Hauptturnier dabei, der auferstandene "Pim-Pim" Johansson, die leidende schwedische Tennisnation aus ihrer größten Not zu retten. Sein Aufschlag war nicht ganz so wuchtig wie früher. Aber sonst war er ganz der alte. Was leider nicht für seinen Fanclub galt. Was Pim-Pims Auftritten früher stets die besondere Würze gab, war ein Fanclub der Eishockey-Mannschaft Södertälje SK, der fast einen ganzen Zuschauerblock besetzte und einen Wahnsinnslärm veranstaltete, sobald Pim-Pim einen Punkt machte. Aus diesem Fanclub waren diesmal nur noch drei Leute übrig. Immerhin saßen die direkt zwei Reihen vor mir, so dass ich sie nicht ganz überhören konnte.

Sein Zweitrundenmatch hat Pm-Pim dann gegen Milos Raonic (Kanada, Nr. 11) 2:6 und 6:7 verloren. Aber auch das war achtbar. Ein ernsthaftes Comeback wird Johansson nach allem, was man hört, aber wohl nicht wagen. Aber vielleicht hilft er ja auch 2014 wieder in der schwedischen Davis-Cup-Mannschaft aus.

Santiango Gonzalez (Mexiko)/Scott Lipsky (USA) - Nicholas Monroe (USA)/Simon Stadler (Deutschland)
7:5, 2:6, 10:7
In den letzten Jahren hat Deutschland ein paar ganz solide Doppel-Spezialisten hervorgebracht, von denen man selten etwas hört oder sieht. Einer von ihnen ist Simon Stadler, 30 Jahre alt und Nummer 62 der Doppel-Rangliste. Für ihn ist Schweden ein gutes Pflaster. Im Sommer gewann er hier mit seinem amerikanischen Partner Nicholas Monroe das 250er-Sandplatzturnier von Bastad. Das Erstrunden-Match von Monroe/Stadler in Stockholm war das erste Spiel am Mittwochmorgen auf dem Nebenplatz 1. Im ersten Satz waren noch fast keine Zuschauer da. Auf meiner Seite der Tribüne saßen außer mir nur ein mir unbekannter Glatzkopf im Businesshemd sowie ein weiterer Glatzkopf im Kapuzenpulli. Bei ihm handele es sich um Dominik Meffert, der sein Erstrunden-Doppelmatch bereits am Vortag an der Seite des Österreichers Philipp Oswald verloren hatte. Wir sahen einen Simon Stadler, der Mühe hatte, ins Spiel zu finden. Er hatte noch fast keinen Volley ins gegnerische Feld gebracht, da stand es schon 1:3. Danach fing er sich. Monroe, der eine starke Rückhand hat, blieb aber der bessere Mann. Dass die beiden den Match-Tiebreak gegen die an Nummer 4 gesetzten Gonzalez/Lipsky nach 5:1-Führung noch mit 7:10 verloren, war überwiegend Pech und ein bisschen Nervensache.

Jonas Björkman/Robert Lindstedt (Schweden) - Isak Arvidsson/Andreas Siljeström (Schweden)
6:3, 5:7, 10:3
Wer hätte gedacht, dass dieses Match so knapp ausgeht? Wie eingangs erwähnt, hat Turnierdirektor Björkman selber zum Schläger gegriffen, um dem entwöhnten Publikum etwas Unterhaltung zu bieten. Mit seinen 41 Jahren ist er für einen Doppelspezialisten noch gar nicht soo alt. Man denke nur an den 40-jährigen Leander Paes, der vor ein paar Wochen die US Open gewann. Und mit Robert Lindstedt hatte Björkman einen Weltklasse-Mann an seiner Seite. Gegen die Wildcard-Spieler Arvidsson/Siljeström waren sie die klaren Favoriten. Wenn sie Björkman/Lindstedt ihre Stärke in diesem Match noch nicht so ganz zeigen konnten, so ist ihnen das in den folgenen Partien gelungen. Sie sind ins Finale gekommen. Während ich diese Zeilen schreibe, geht dieses Match gleich los. Gegen das Weltklasse-Duo Aisam-Ul-Haq Qureshi/Jean-Julien Rojer werden die alten Schweden wohl verlieren, aber wer weiß... Björkmans Auftritt erinnerte mich an ein anderes Doppel, an dem er einst beteiligt war. Es war auch in Stockholm, und sein Partner damals 2006 hieß John McEnroe, der damals schon 47 oder so war und ein ähnliches Ausnahmsweise-Comeback gab wie jetzt Björkman. Die beiden schieden damals im Viertelfinale aus, und es war eine magische Atmosphäre. Jeder in der Halle spürte, dass dies nun wirklich das allerletzte Match des große Johnny Mac auf der ATP-Tour war. 15 Minuten lang spielte er zauberhaft, dann merkte man, dass seine Kondition für ein ganzes Match auf diesem Niveau nicht mehr ausreichte. Diese Magie fehlte bei Björkman. Einmal, weil Björkman nun einmal nicht McEnroe ist und außerdem, weil noch weitere Björkman-Matches folgten. Nämlich die Spiele in dieser Woche bis ins Finale - und warum nicht auch noch mal im nächsten und im übernächsten Jahr? So war das Bemerkenswerteste an diesem Match, dass der schwedische Starschiedsrichter Mohamed Lahyani die Spielstände in diesem rein schwedischen Match stets auf Schwedisch verkündete ("femton - trettio"), was ich noch nie zuvor gehört hatte.

Hier alle Einzel-Ergebnisse aus Stockholm

Und hier die Doppel-Ergebnisse

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